Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Larrikin Love "The Freedom Spark"
(Inkubator / Soulfood)
Gemäß dem ungeschriebenen Gesetz, dass es meist die Guten sind, die zuerst abtreten, haben sich Larrikin Love bereits bei Erscheinen ihres verblüffenden und hochoriginellen Album-Debüts "The Freedom Spark" schon wieder aufgelöst. Ein Grund zur Trauer, denn wie hier Pop, Ska, Cockney-Rock, Reggae und genialischer Quatsch zu einer ganz eigenen Folklore werden, ist auch dann beachtlich, wenn man diese Band nicht mehr live wird spielen sehen können. Als hätten Madness, Dexys Midnight Runners und die Pogues zu ihrer jeweils besten Zeit einen gemeinsamen Song geschrieben, bricht "Happy As Annie" durchs Gehölz. Doch wovon singt Edward Larrikin, der sich mit dem kleinen Marcus aus der Nick-Hornby-Verfilmung "About A Boy" identifiziert und seine Lieder immer etwas gehetzt anstimmt, denn da eigentlich? Über einen leblosen Mädchenkörper sei er beim vergnügten Waldspaziergang gestolpert und habe bei genauerem Hinsehen festgestellt, dass die junge Frau bereits vergewaltigt und getötet wurde. "Its not funny!", ruft da am Schluss die ganze Band und leider muss gesagt werden: Man kann ganz vortrefflich dazu tanzen. (7) Jan Wigger
Voxtrot "Voxtrot"
(Beggars / Indigo)
Ob Voxtrot denn nun eher eine Singles-Band oder eine Album-Band sind, lässt sich vielleicht erst in einem Jahr beantworten, eine EP-Band sind sie aber ganz sicher: "Raised By Wolves" und "Mothers, Sisters, Daughters & Wives" hießen die inzwischen nicht mehr ganz leicht erhältlichen Vorboten zu "Voxtrot", einer Platte aus Austin, Texas, bei der man hätte schwören können, sie käme aus Glasgow oder Manchester. Dieses studierte und reflektierte Quintett, das mit "Your Biggest Fan" kurioserweise schon in den Top 5 der Billboard-Charts landete, schreibt verschreckte Hinterzimmer-Hymnen, die deiner Mutter gefallen könnten, orchestral aufgemotzte Kinks-Nachbildungen wie "Steven", auch Feierliches wie "Easy" oder Schroffes, obgleich Melodieseliges wie "Firecracker". Von den EPs ist kein einziges Stück mehr dabei, die Voxtrot-Kompositionen klingen inzwischen fokussierter, weniger unfertig. Sucht der gemütvolle Sänger Ramesh Srivastava wie so viele vor ihm auf "Voxtrot" ganz nebenbei nach dem perfekten Popsong? Ja. Und hat jeder, der sagt, dass das ja alles nicht sonderlich aufregend klinge, recht? Ebenfalls ja. Dennoch gut zu wissen, dass es Musik wie diese noch gibt. Und immer geben wird. (7) Jan Wigger
Mumm-Ra "These Things Move In Threes"
(Columbia / Sony)
Die vorausgeschickte EP "Black Hurts Day And The Night Rolls On" gehörte in der eigenen Einbildung wochenlang zu den schönsten EPs der letzten zwei Jahre, und dass Mumm-Ra geraume Zeit als Vorband der Kaiser Chiefs unterwegs waren, ist ihnen nicht anzulasten: Irgendwo muss man eben anfangen, wenn man aus Bexhill-On-Sea, East Sussex kommt, einem Seebad an der britischen Südküste, wo es wenig zu tun gibt und sehr viele Rentner wohnen. Mit "Now Or Never" beginnt "These Things Move In Threes" mit viel Inbrunst und tröstendem Pathos, Oli Frost singt "If walking back home is the way to my heart / Then youve taken it over and torn it apart" und im Hintergrund surren die Gitarren ein bißchen so wie früher bei My Bloody Valentine. Die schon bekannten "Out Of The Question" und "Song B" zählen hier klar zu den besten Stücken, das neue Material weist noch Schwächen auf. (6) Jan Wigger
Johnny Boy "Johnny Boy"
(Johnny Boy Recordings / Alive)
In der Kategorie "Song des Jahres 2007" liegen "Knocked Up" (Kings Of Leon) und "Intervention" (Arcade Fire) fast uneinholbar weit vorn, doch eine uns bislang kaum geläufige Gruppe mit Namen Johnny Boy zieht jetzt zumindest nach: Das von den himmlischen Phil-Spector-Produktionen der sechziger Jahre infizierte "You Are The Generation That Bought More Shoes And You Get What You Deserve" ist ein weiterer ernsthafter Kandidat.
Auch "Johnny Boy Theme" und "Livin In The City" sind famos, davon abgesehen wissen Johnny Boy aber nicht so ganz, wo sie eigentlich hinwollen: "War On Want" und "Springer" helfen niemandem weiter, "Formaldehyde (Last Words Of Lottery Loser)" und "Bonnie Parkers 115th Dream" lärmen ziellos vor sich hin. Immerhin: Schön schrottig produziert und zwei tolle Singles. (5) Jan Wigger
Erdmöbel "No.1 Hits"
(SonyBMG)
So ist das also: Die noch immer eher beliebte als bekannte Kölner Band Erdmöbel covert Nummer 1-Hits aus den Jahren 1965 bis 2001, deutscht sie ein, tauscht Wörter aus, modifiziert Bedeutungen und spielt ungezwungen mit dem, was schon vorhanden ist. Tom Jones "Whats New, Pussycat?" (Nr.1 in Finnland im Jahr 1965) wird so zu "Was geht, Muschikatz?" und den dazugehörigen Text ("Geh jetzt und puder die winzige Muschikatznase / Muschikatz, Muschikatz, ausschließlich dich mag ich / Dich und deine Muschikatznase / Was geht, Muschikatz?") darf man ohne Frage etwas betulich finden. Wobei man immer bedenken muss, dass Erdmöbel in diesem Leben auch sicher nicht mehr zu einer "coolen" Band werden. Aus Procul Harums Schmerzenslied "A Whiter Shade Of Pale" wird "Fahler als nur fahl", aus "I Started A Joke" (Bee Gees, Nummer 1 in Kanada und Neuseeland im Jahr 1968) "Ich machte nen Scherz", aus Cobains "Smells Like Teen Spirit" eben "Riecht wie Teen Spirit". Die entsprechenden Erdmöbel-Interpretationen sind manchmal geschmäcklerisch und oft genug ungewöhnlich. Nur bewerten kann man sie nicht. (Keine Wertung). Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)