Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Pink Floyd klingen zu ihrem 40. Geburtstag nicht wie 2007, nicht mal wie 1987 - zum Glück!, findet Jan Wigger. Ganz anders Gravenhurst: Sogar der Wind erstirbt, wenn Nick Talbot Gitarre spielt. Außerdem köstlicher Krach von The Go! Team und Neues von Okkervil River.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pink Floyd - "'The Piper At The Gates Of Dawn' 40th Anniversary Edition"
(EMI, bereits erschienen)

Wann immer eine musikhistorisch besonders bedeutsame Aufnahme erneut und "digitally remastered" zugänglich gemacht wird, ist die Feststellung, das Album klinge heute noch genauso aktuell und modern wie zum Zeitpunkt seiner ursprünglichen Veröffentlichung, sehr beliebt und oft genug falsch. "The Piper At The Gates Of Dawn" zum Beispiel klingt überhaupt nicht nach 2007, ja nicht einmal nach 1987. Es gehört in die Zeit, in der es entstanden ist, zu dem Gnom Grimble Crumble, der Vogelscheuche und der Maus namens Gerald, die das Genie Syd Barrett 1967 in den kinderliedhaften, nichtsdestotrotz reichlich gruseligen Stücken des Floyd-Debüts besang. Es war allein Barretts Album und besser als auf diesen gut 40 Minuten waren Pink Floyd trotz ungezählter brillanter Momente danach nicht wieder: Auch auf "A Saucerful Of Secrets" (1968) war das einzige Stück, das der bereits geschasste LSD-Kranke Barrett noch beisteuern durfte, Schluss- und Höhepunkt. Die "Piper"-LP wird vom berühmten "Bike" beschlossen, ein Jahrmarktgesang mit einem der rätselhaftesten Song-Enden der Pop-Geschichte: Zuerst gefährlich ratternde Räderwerke im Geisterzimmer, danach das durchgedrehte Schnattern einer Ente, das man nie mehr vergisst. Es gibt - und das gilt unabhängig davon, wie oft man diese Platte schon gehört hat - Stellen auf "The Piper At The Gates Of Dawn", die einen auch heute noch so erschrecken können wie ein Orchesterwerk von György Ligeti, in dem urplötzlich aus der totalen Stille heraus eine Tür zufällt. Syd Barrett aber nahm noch die komplett begnadeten Solo-Alben "The Madcap Laughs" und "Barrett" auf und ging ein paar Jahre später zurück zu seiner Mutter nach Cambridge, wo man ihn bis zu seinem Tod im Juli 2006 in Ruhe ließ. "The Piper At The Gates Of Dawn" erscheint in einer 3-CD-Deluxe Edition und angemessener Verpackung (Buchformat!) mit den A-und B-Seiten der ersten Floyd-Singles "Arnold Layne", "See Emily Play" und - endlich! - "Apples And Oranges". Nach wie vor unglaublich, dass Syd Barrett, Nick Mason, Roger Waters und Richard Wright es sich schon bei ihrem Debüt leisten konnten, auf diese Lieder zu verzichten. Sehr schade: Die im wirklichen Leben nirgends aufzutreibenden Barrett-Kompositionen "Scream Thy Last Scream" und "Vegetable Man" fehlen auch hier. (10) Jan Wigger

Gravenhurst - "The Western Lands"
(Warp / Rough Trade, 7.September)

Wie das Pochen eines leicht defekten Rohres in einem feuchten Maschinenraum beginnt "The Western Lands", das neue Album der Band Gravenhurst. Band deshalb, weil Nick Talbot einst allein anfing, Gravenhurst nun aber bereits zu viert sind und dies der Gesamtstimmung dieser ungeheuer klaren, fast gläsernen Songs zugute kommt. Sogar der Wind erstirbt, wenn Talbot im instrumentalen Titelstück eine delikate Gitarrenmelodie spielt, die sich durch diese vier Minuten zieht wie die unauslöschbare Traurigkeit durch das Werk der 4AD-Gruppen Lush, Red House Painters und Cocteau Twins. Zehn hinreißende Songs ohne nennenswerte Ausbrüche, auch ohne die Belanglosigkeiten, um die man bei fabrikneuen Drone-Pop-Bands nicht umhin kommt, zu bemerken. Ein Hämmern unter deinen Füßen und ein Rascheln über deinem Kopf: "The Western Lands" ist ziemlich genau die eine Platte, die Nick Talbot immer schon in sich hatte und immer schon einmal machen wollte. (8) Jan Wigger

Okkervil River - "The Stage Names"
(Jagjaguwar / Cargo, bereits erschienen)

Das Phänomen scheint weit verbreitet: Urplötzlich werden Künstler, die bisher nur am Rande oder als Fußnote Erwähnung fanden, für ihre aktuelle Veröffentlichung gelobt und hofiert - obgleich es sich gar nicht unbedingt um einen Schaffenshöhepunkt handeln muss. Okkervil River aus Austin, Texas sind ein gutes Beispiel: "Black Sheep Boy" tauchte 2005 allenfalls in Insider-Bestenlisten auf, "The Stage Names" aber ist plötzlich überall Platte des Monats und startet mit dem sensationellen Song "Our Life Is Not A Movie Or Maybe". Ich könnte schwören, dass Conor Oberst Text und Musik verfasst hat, aber am Ende war es doch nur Okkervil-River-Kopf Will Shelf, der es nicht mag, wenn man seine Kompositionen mit jenen von Will Oldham vergleicht (was nichts hilft, denn die Musik von Okkervil River klingt mehr als einmal recht ähnlich). Eine Meldung für Freunde des Saddle-Creek-Labels: Es wird wieder geheult! Auch Orgel, Wurlitzer und Pedal Steel sind am rechten Platz und machen "The Stage Names" zur vielleicht zweitbesten Okkervil River-LP bisher. (7) Jan Wigger

Hot Hot Heat - "Happiness Ltd."
(Sire, Warner, 7. September)

Die unterschätzte vierte Hot-Hot-Heat-Platte "Elevator" zeigte noch einmal die zwei kapitalen Stärken der kanadischen Gang-Of-Four- und The-Cure-Adepten Hot Hot Heat auf: Den ruhelosen, überanstrengten Tanzflächen-Track ("Pickin' It Up") und den ausführlicheren, vertrackteren, sich Zeit lassenden Pop-Song ("Middle Of Nowhere"). Die dritte Hot-Hot-Heat-LP "Happiness Ltd." markiert eine Trennungslinie zwischen den Bands, die zu Recht weiter auf dem Weg nach oben sind (Maximo Park) und jenen, die nach lediglich einer einzigen gelungenen Langspielplatte wieder den hochverdienten Aufzug nach ganz unten nehmen (Hard-Fi, The Dead 60s). Ist es unbotmäßig, festzustellen, dass das uralte und hier noch einmal neu eingespielte "5 Times Out Of 100" bereits das gelungenste Stück auf "Happiness Ltd." ist? Und darf man sagen, dass Hot Hot Heat diesmal möglicherweise zu viel auf einmal wollen? Gitarren und Keyboards scheinen mehrfach gedoppelt, Steve Bays Gesang kippt um vor Emphase, doch wirklich zwingend ist das Songwriting auf "Happiness Ltd." trotz viel Gedöns nicht mehr. Bemitleidenswert: Der Balladen-Versuch "Outta Heart". (5) Jan Wigger

The Go! Team - "Proof Of Youth" (Memphis Industries / Cooperative / Universal, 7. September)

Auf "Proof Of Youth" ist alles zu viel und das ist auch gut so. Köstlicher Krach, die größtmögliche Menge an legalen oder illegalen Samples, Loops, Sirenen und Mülltonnengeklapper: Ein Cheerleader-Sextett aus Brighton auf Kreuzfahrt, kein Ausflug, ein Raubzug, wie K.I.Z. sagen würden. Nun gibt es ihn wieder, den patentierten Sesamstraßen-Funk des Go! Teams, das schon auf "Thunder, Lightning, Strike" (2004) die Brücke zwischen Indie-Hörern, Hip-Hop-Kids und Funkstern schlug. Schon "Grip Like A Vice" und "Doing It Right" wohnt (wie "Kala" von M.I.A.) genau das bewusst kreierte Chaos, exakt der wilde, blutvolle, alerte und manchmal erstaunlich zärtliche Stoff inne, der desolate Singer/Songwriter-Hörer zur Weißglut treiben wird: Kindlich verzerrte Gitarren, schrottiges Drumming und Fraggles-Fanfaren, bis sich der Go!-Team-Sound über den halben Horizont dehnt. Lunatics over Brighton! (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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