Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Das schön boshafte Album von Ray Davies sollte man mal der neuerdings wieder retroseligen SPD vorspielen, meint Andreas Borcholte, während Jan Wigger sich im bleiernen Beat von Burial verliert und die Knalltüten von Ween für ihre Knalltütentum bewundert.
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Ray Davies - "Working Man's Café"
(V2 Records/Universal, bereits erschienen)

Ray Davies Altherren-Rockismus vorzuwerfen, ist ungefähr so originell wie andauernd zu betonen, dass die Rolling Stones zuletzt vor 30 Jahren cool waren. Dass man Davies, 63, auch den leisesten Verdacht auf Altknacker-Sentimentalität nicht verzeiht, hat natürlich auch damit zu tun, dass er in den seligen Sechzigern immer der widerborstigste der British-Invasion-Songwriter war. Mit geschliffenen Texten, sehr britisch und ätzend sarkastisch, manövrierte Davies seine Band The Kinks zunächst in die gediegene Erfolglosigkeit und geradewegs in einen bis heute anhaltenden Kult-Status. Sich daraus zu befreien ist schwer. Und so wird Davies' zweites Solo-Album nach dem überraschenden Comeback mit "Other People's Lives" (2005) vielleicht grundsätzlich falsch verstanden: "Working Man's Café" ist kein nostalgisches Gedusel eines Altstars, sondern macht sich mit beißender Ironie - und milder Häme - über jene Larmoyanten lustig, die im ungezügelten Sturm der globalisierten Wirtschaft nicht nur Hab und Gut, sondern auch ihren Mut verloren haben.

Gleich im dylanesken "Vietnam Cowboys" geht es um amerikanische Arbeiter, die staunend in die asiatischen Tigerstaaten schauen, wo sich die glorreichen Zeiten der Industrialisierung noch einmal wiederholen. Davies spielt auf seinem Album den ehemaligen Blue-Collar-Worker, der missmutig im Café sitzt und sich darüber beschwert, dass ihn zwar alle nach seiner Meinung zum Zeitgeist fragen ("You're Asking Me"), ihm bei seiner Klage über den Zustand der Welt dann aber doch keiner zuhört ("No One Listen"). Im wunderbar spöttischen "Peace In Our Time" träumt er vom Weltfrieden, indem er die naive Rhetorik der Idealisten aufspießt: "I know we can make it/ but we have to compromise"). Sollte man mal der neuerdings wieder sozialromantischen SPD vorspielen, das Album, finden die Retro-Genossen bestimmt schön kuschelig - aber nur, wenn sie nicht so genau hinhören. (8) Andreas Borcholte

Burial – "Untrue"
(Hyperdub/Cargo, 9.November)

Schon das selbstbetitelte Burial-Debüt aus dem letzten Jahr war ein unglaublich schaudererregender Stahlbrocken tragischer Düsternis, über das sich allerdings bis heute schwer etwas schreiben lässt, wenn man nicht gerade Skream oder DJ Youngsta ist. Auch die zweite Burial-LP beweist, dass die Neuzeit längst begonnen hat und Journalisten mit Störgeräuschen ängstlicher Plattenfirmen leben müssen: Durch die kompletten 50 Minuten von "Untrue" zieht sich der von einer Carrie-Ann-Moss-als-Trinity-artigen Frauenstimme vorgetragene, trostlose Sinnspruch: "This is a hyperdub promo". Na ja, immer noch besser als nach zwei Dritteln ausgeblendete Phillip-Boa-Songs oder der Crazy Frog auf "Hahnenkampf" von K.I.Z. "Untrue" hat etwas mehr Licht als das Debüt "Burial" und ist doch so vieldeutig und düster wie die auch von genrefremden Hörern gefeierte erste CD. Beide Platten jedenfalls klingen nach dystopischen Filmen wie "Blade Runner", und "Fight Club", beide Alben haben den bleiernen Beat, den erbarmungslosen Bass, den unablässig pochenden Soundtrack zur logischerweise in einer schmalen, ruchlosen Gasse Londons beginnenden Apokalypse. Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Toten auf die Erde zurück. (8) Jan Wigger

Ween – "La Cucaracha"
(Schnitzel Records/Rough Trade, 2. November)

Ein komisches Gefühl: Mehrere gefühlte Ewigkeiten lang gab es keine neue Ween-Platte, doch kurz nachdem die Garagenrock-Jahre offiziell für beendet erklärt wurden, stehen die hochbegabten Knalltüten Mickey Melchiondo (Dean Ween) und Aaron Freeman (GeneWeen) mit "La Cucaracha" schon wieder vor der Hintertür. Es passt zum sehr amerikanischen Humor der falschen Brüder, dass das neue Material bei der britischen Plattenfirma "Schnitzel Records" erscheint. Und natürlich sind das zugekiffte "Blue Balloon", der Al-Green-artige Soul-Song "Object", selbst die endlos lange Rock-Oper "Woman And Man" klassischer Ween-Stoff. Auf die Ween-Hits "Chocolate And Cheese" und "The Mollusk" konnten sich damals alle einigen, "La Cucaracha" ist ein soundgewordenes Luxusproblem: Ween können zu viel, die Masse aber will zu wenig. (6) Jan Wigger

Vashti Bunyan – "Some Things Just Stick In Your Mind – Singles 1964-1967)
(PIAS, 2. November)

Die Musik von Vashti Bunyan, sei es das sagenhafte Album-Debüt "Just Another Diamond Day" (1970) oder der erst 420 Monate später erschienene Nachfolger "Lookaftering" (2005), ist so delikat und empfindlich, dass man sich Bunyan am liebsten als mythische, alle Zeitläufte ignorierende Gestalt aus längst vergangenen Tagen vorstellt. Leider sagt das der Platte beigelegte Infoschreiben: "Vashti Bunyan steht auf Anfrage für Interviews zur Verfügung". Grund ist die Veröffentlichung der entzückend im Buchformat aufgemachten Doppel-CD "Some Things Just Stick In Your Mind", die Raritäten und Demo-Aufnahmen aus den mittleren und späten Sechzigern versammelt, teils von Bunyan selbst angesagt, wie die zwölf Tape Recordings aus dem Jahr 1964. Mit dabei: Das von Mick Jagger und Keith Richards geschriebene Titelstück und das schüchterne Lächeln der großen, unablässig seufzenden Geisterfrau. (7) Jan Wigger

Band Of Horses – "Cease To Begin"
(Sub Pop/Cargo, 2. November)

Man darf das ruhig so deutlich sagen, zumindest so lange, wie dieser wehmütige Gesang von Band-Of-Horses-Sänger Ben Bridwell noch durch ferne Wälder irrlichtert und die Nacht erhellt: "No One’s Gonna Love You" ist die bisher beste Komposition Bridwells und somit auch der beste Song der amerikanischen Band Of Horses: "Anything to make you smile/ You are the ever-living ghost of what once was/ I never want to hear you say that you’d be better off/ Or you liked it that way/ But no one is ever gonna love you more than I do." Wenn Mellotron und Banjo erklingen und man mit grundsätzlich einfachsten Mitteln Melancholie und zuckersüßen Schmerz herankarrt, ist es um leicht verletzbare Charaktere geschehen. Nicht alle Stücke sind so überragend wie "Is There A Ghost", "Detlef Schrempf" oder "Marry Song", und doch spielen Band Of Horses schon in ihrer eigenen Liga. Bereits gezogene Vergleiche mit The Shins und U2 (sic!) sind nicht angebracht: Wenn überhaupt, erinnern Band Of Horses an den ausufernden Slow-Motion-Folk von My Morning Jacket. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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