Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Rufus Wainwright "Rufus Does Judy At Carnegie Hall" (Geffen / Universal, 7. Dezember)
Gerade war der "Gay Messiah" wieder auf deutschen Bühnen zu sehen, mit zinnoberrotem Lippenstift, Nylonstrumpfhose, viel schwuler Koketterie und lasziven Andeutungen darüber, wie gewöhnlich all jene Menschen im Saal sind, die NICHT Rufus Wainwright heißen. Auf "Rufus Does Judy At Carnegie Hall" macht die magische Stimme nun nicht weniger, als Judy Garlands legendäres Carnegie Hall-Konzert aus dem Jahr 1961 Song für Song nachzuempfinden. Im Hintergrund koloriert ein von Stephen Oremus dirigiertes, 36-köpfiges Orchester die Geschichten von erwiderter und unerwiderter Liebe, vom schwindenden Glanz der Sterne und dem Mann, der verschwand: "No more that all-time thrill / For you've been through the mill / And never a new love / Will be the same." Wem Prätention und orchestraler Übermut zuwider sind, wird mit "Rufus Does Judy At Carnegie Hall" noch mehr Probleme haben als mit Wainwrights letztem Studio-Album "Release The Stars". Aber wie lange musste man auf eine Stimme warten, die selbst George Michaels "Jesus To A Child" in der Extended Version einsingen könnte, ohne sich komplett lächerlich zu machen? Eben. Zusätzlich erscheint die DVD "Rufus! Rufus! Rufus! Does Judy! Judy! Judy!"; das Garland-Konzert in der Uraufführung, allerdings im Londoner Palladium. (8) Jan Wigger
She Wants Revenge "This Is Forever" (Universal, bereits erschienen)
Am Erfolg von Pfeifen wie The Bravery und Hard-Fi sowie an den reflexartigen Beifallsstürmen, die Durchschnitts-Mucker wie The Departure oder Chikinki auslösen, lässt sich trefflich ablesen, mit wie wenig sich mancher Konsument heutzutage zufrieden gibt. Wenn es denn "rockt", "Spaß macht" oder an bessere Zeiten erinnert, glaubt man es mit den neuen Beatles zu tun zu haben. Das zweite Album von She Wants Revenge dürfte für ähnlich vermessene Reaktionen sorgen. Dabei ist es eine mediokre Veranstaltung: Zu unfassbar kitschigen Texten lamentiert Justin Warfield über Löcher im Herzen und einsame Mädchen, deren Zukunft darin besteht, "always broken" zu sein. "It's Just Begun" und zwei, drei andere Sachen sind gut, der Rest ist nur schwer erträglich. Und jeder Vergleich mit Joy Division und New Order natürlich eine Frechheit. (4) Jan Wigger
Kevin Gorman "Chemistry Lock" (International Deejay Gigolo Records, bereits erschienen)
Weil uns einfach nichts mehr halten kann, machen wir diese Woche weiter mit Club-Musik, House und Minimal-Techno. Der Protagonist heute: Kevin Gorman aus Manchester, ein Bartträger mit amtlicher Verbrechervisage, früher Lehrer, Grafiker und Promoter, heute Produzent, Label-Chef und Hochleistungs-DJ. Während jedes 79-minütige Pop-Album entschieden zu lang wäre, tragen Gormans mal offensive ("Slang"), mal eher freundlich pluckernde ("Orange") Tracks mit wenigen Ausnahmen über die volle Distanz. Mit etwas Fantasie kann man sich sogar vorstellen, dass Gorman mit "Chemistry Lock" die Anhänger von Trance, Minimal Techno, Detroit Techno und anderen urbanen Katastrophen in dasselbe Boot holt. Oder um es anders auszudrücken: "Chemistry Lock" fetzt momentan fast so wie die "Zimmer 483: Live in Europe"-DVD von Tokio Hotel. (7) Jan Wigger
Saturday Looks Good To Me "Fill Up The Room" (K Records/Cargo, bereits erschienen)
Ist es nur Einbildung, dass die neuen Stücke von Saturday Looks Good To Me ein kleines bisschen weniger lieblich klingen wie die auf dem letzten Album "Every Night"? Die Geigen, das Akkordeon, das Vibraphon sind noch da, genau wie der Wichtelmännchen-Charme und herrlich erquickliches Chaos. Aber diese Platte hat mehr Soul, weshalb die Presse-Info wohl neben den Beach Boys dieses Mal auch die Jackson 5 bemüht. Und es gibt sogar Gitarren-Solos. Das betörende "The Americans" und die verwaschenen Akustik-Gitarren in der Song-Vignette "Peg" fangen den unverdorbenen Charme alter Belle & Sebastian-EPs wieder ein: "Right now I can barely tell if I'm sleeping or awake / In a little while it'll be the morning / You won't remember being lost / In the after hours." Das seltene Beispiel einer Band, die niemandem weh tut, aber trotzdem gut ist. (6) Jan Wigger
New Young Pony Club "Fantastic Playroom" (Universal, bereits erschienen)
Das Cover von "Fantastic Playroom" sieht ja ziemlich nach Leuchtstäbchen aus. Aber klingen "F.A.N.", "Hiding On The Staircase" oder "Ice Cream" nicht viel zu lahm für die New-Rave-Bewegung? Der New Young Pony Club spielt ausgekühlten, mathematisch exakten Zeitlupen-Funk, vielleicht auch Disco, Electroclash oder Stumpf-Pop. Also Musik, die hundertprozentig mit dem Nullbegriff "tanzbar" bezeichnet werden wird. Aber wer Stücke wie "Talking, Talking" oder "Jerk Me" hört, möchte lieber nicht wissen, wie trist die Party sein muss, auf der man sich zu diesen Songs freiwillig bewegt. Oder wie Randalica mal sangen: "Und wenn se inne Stadt kommen / Dann gibt es Tote auffe Tanzfläche." Aber uns fehlt wohl einfach der Style, um zu "Fantastic Playroom" vorschriftsgemäß auszurasten. (5) Jan Wigger