Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Niemand tröstet sich und ihre Zuhörer so gut mit Coverversionen wie Cat Power, meint Andreas Borcholte. Und Jan Wigger? Freut sich über den seelenvollen Sound von Get Well Soon aus Mannheim und will Brian Wilson die Magnetic Fields vorspielen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Cat Power - "Jukebox"
(Matador/Indigo, 18. Januar)

Kraft erwächst ja bekanntlich auch manchmal aus der Krise. Davon, man möge die billige Pointe verzeihen, kann Chan Marshall alias Cat Power ein Lied singen. Nach dem überraschenden Erfolg ihres letzten Albums "The Greatest" wurde der aus Georgia stammenden Sängerin nicht nur der Durchbruch zu größeren Hörerschaften bescheinigt, sie erlitt vor lauter Aufregung gleich auch noch einen Nervenzusammenbruch. Arme Chan. Also erst mal ein Album voller Coverversionen, um die Seele wieder in Einklang mit den Geschehnissen zu bringen. Ist ja nicht das erste Mal, dass sie das so macht, man denke an "The Covers Record" von 2000, Cat Powers erstes Aufblitzen am Sternenhimmel. Auf "Jukebox" versammelt sie nun erneut ein paar Brocken, an die sich andere, weniger mutige Künstler im Leben nicht herantrauen würden, und füllt sie mit faszinierenden neuen Bedeutungen, wenn nicht neuem Leben.

Sinatras abgenutzter Schlager "New York, New York" etwa wird, seiner altbekannten Phrasierung und Big-Band-Instrumentierung beraubt, zu einem geisterhaften Soul voller Ängste und Zweifel. Ebenso verfährt Marshall mit dem frommen Delta-Gospel "Lord, Help The Poor And The Needy" von Jessie Mae Hemphill, der hier zum fragilen Blues verwittert. Aus Hank Williams' "Ramblin' Man" wird ein fiebriges "Ramblin (Wo)man".

Erst zum Ende füllt sich das eindrucksvoll zurückhaltende Album mit Wärme und Hoffnung, wenn Cat Power gleich drei starke Frauenklassiker zu einem fulminanten Abschluss aufreiht: "Don't Explain" von Billie Holiday, "Woman Left Lonely" von Janis Joplin und Joni Mitchells "Blue". Natürlich kommt auch Marshalls glühend verehrtes Idol Bob Dylan nicht zu kurz: Gecovert wird ausgerechnet das aus Dylans Jesus-Freak-Ära stammende "I Believe in You", was bei Marshall natürlich zu einem Stoßgebet an His Bobness wird. Gleich darauf folgt einer von zwei eigenen Cat-Power-Songs, "Song To Bobby", bei dem die Dylan-Liebe dann aber doch ein bisschen zu süßlich wird. Die andere Originalkomposition "Metal Heart" ist eigentlich auch eine Coverversion, Marshall schrieb eine vielfach kargere Fassung bereits für das Album "Moon Pix" von 1998. Gerade hier zeigt sich, dass Cat Power sich mit eigenem Material absolut nicht mehr verstecken muss. Mit ihrer einzigartigen Einfühlungskraft und einer Stimme, die mit ihren feinen Nuancen wohl wirklich jeden hintersten Winkel menschlicher Emotionen ausloten kann, wird es Zeit, einen Nachfolger für "The Greatest" anzupacken. Bis dahin reicht diese grandios gefüllte Jukebox aus. (8) Andreas Borcholte

Get Well Soon – "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon" (City Slang/Universal, 18. Januar)

Im Gegensatz zu Bielefeld ist das Erstaunliche an der Stadt Mannheim nicht, dass sie tatsächlich existiert, sondern die Tatsache, dass es dort entgegen anderslautender Aussagen eigentlich ganz schön ist, wenn Xavier Naidoo gerade auf Tour ist und die in dieser Region besonders niederträchtige Sommerhitze Urlaub hat. Konstantin Gropper, der momentan allerorten als kleinstädtisches Wundertalent gefeiert wird, wollte trotzdem weg und lebt nun in Berlin. Auf der Rückseite seines schon länger im Orbit herumschwirrenden Debüts sind die 14 Songtitel so akkurat und kunstvoll aufgelistet wie im Booklet der Bright-Eyes-LP "Lifted", beim klassisch ausgebildeten Musikschüler Gropper sogar mit "Prelude" und "Coda". Kurz gesagt: Weite Teile dieser überraschenderweise im Heimstudio aufgenommenen Platte sind ganz hervorragend, Gropper singt mal exakt wie Thom Yorke ("We Are Safe Inside While They Burn Down Our House"), mal wie der Balkan-Forscher Zack Condon (Beirut), dazu erklingen Vibraphon, Bläser, Glockenspiel und ein kleines Orchester. Wir sagen: Eat your heart out, Maxi Hecker! (7) Jan Wigger

The Magnetic Fields – "Distortion"
(Nonesuch/Warner, 25. Januar)

Der verbotene Satz zuerst: Songschreiber Stephin Merritt wird ein wenig überschätzt. Verglichen mit einer Band wie Spoon, die seit nunmehr vier aufeinander folgenden Alben auf allerhöchstem Niveau musiziert und zitiert und doch immer Insider-Thema blieb, ist den Magnetic Fields bisher noch kein ausnahmslos brillantes Album gelungen (nein, auch nicht "69 Love Songs"). "Distortion" allerdings kommt der Vollendung am nächsten: Ein völlig verwaschener, klirrender Sound, wie Phil Spector hinter Fiberglas, wie The Jesus & Mary Chain auf "Psychocandy", wie die Beach Boys nicht auf, sondern unter Wasser. Natürlich ein Konzept, ein genialer Kunstgriff, der "Distortion" von allen anderen Magnetic-Fields-LPs unterscheidbar macht. Mit dem spöttischen "California Girls" ist Merritt außerdem ein unerhoffter Super-Hit gelungen: "See them on the big bright street/ Tanned and blonde and seventeen/ I hate californian girls". Unbedingt Brian Wilson schicken! (8) Jan Wigger

British Sea Power – "Do You Like Rock Music?"
(Rough Trade/Beggars, 18. Januar)

Die etwas dümmliche Suggestivfrage, die British Sea Power im Albumtitel stellen, kann selbstverständlich mit einem klaren "Ja!" beantwortet werden. Ja, wir mögen Rockmusik, haben auch schon einmal von Led Zeppelin gehört. Ja, wenn Cate Blanchett für ihre alles überragende, ja göttliche Bob-Dylan-Verkörperung in "I'm Not There" nicht den Oscar bekommt, ist diese Welt definitiv nicht mehr zu retten. Und ja, auch das an sich wunderbare Konzept der Band British Sea Power (Zierfpflanzen als Bühnendekoration, teuflisches Marschgetrommel, Lieder über die Apokalypse) kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Do You Like Rock Music?" nicht genau weiß, wo es hinwill: Ist Stadionrock oder doch bowieeskes Szenegeschrammel (in "Waving Flags" gar mit Arcade-Fire-Chören) das Ziel? Die insgesamt doch eher geringe Anzahl jener Stücke, die man von den drei British-Sea-Power-Alben jederzeit auf Zuruf nachsingen könnte, zeigt, dass es vor allem am Songwriting krankt. Dabei hat der verrückte Sänger einmal mehrere Tage freigenommen, um auf einer Wiese liegend Kühe beim Grasen zu beobachten. (5) Jan Wigger

Baby Dee – "Safe Inside The Day"
(Drag City/Rough Trade, 18. Januar)

Cats On Fire, Wolves In The Throne Room, Panda Bear – die besten Künstler dieser Tage haben sich selbst Tiernamen gegeben, und auch Baby Dee hätte unter ihnen sein können, denn die singt wie ein liebeskranker Kater, preziös, pathetisch, zittrig und im Gesangsvortrag derzeit einzigartig. Wer bereits mit Stimme und Persönlichkeit von Antony Hegarty ein Problem hat, bekommt hier die verschärfte Variante: Baby Dee ist über 50, Transvestit und ehemalige Chorleiterin einer katholischen Kirche, dazu Harfenspielerin und Schmerzensfrau. "There's a harp in that piano/ And there’s a girl inside that boy/ And my daddy’s crowbars/ Are his pride and joy", so kommentiert Baby Dee im "Dance Of Diminishing Possibilities" die alltäglichen Ambivalenzen, aber auch die Schönheit im Schmerz. Obacht: "Safe Inside The Day" ist kein Debüt, Antony & The Johnsons, Will Oldham und David Tibet (Current 93) bewundern diese anrührende Randmusik schon seit einigin Jahren. (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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