Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Destroyer "Trouble In Dreams"
(Merge Records/Rough Trade, 21. März)
Wenn das neue Album einer Musikgruppe "vor Spielfreude und geballter Power nur so strotzt", wenn es "kernig, facettenreich, frisch und einfach anders" klingt, wenn sich "Senkrechtstarter", "Schwedenhappen" und "Jungspunde" wieder mal die Klinke in die Hand geben und "respektlos drauflosrocken", dann möchte man einen jährlichen Preis für unfreiwillige Satire in Musikbesprechungen und Plattenfirmen-Waschzetteln erfinden. Das Infoblatt zu "Trouble In Dreams" von Destroyer (weder kernig, noch sonderlich jung) ist natürlich deutlich besser, doch angemessen beschreiben kann man die Destroyer-Musik auch beim achten Album noch nicht. Aber das übliche Loblied singen, das kann man!
Der große, noch immer kaum bekannte Dan Bejar phrasiert in "The State" wieder unnachahmlich, schickt sein "Da-da-da-da-da-dam" in warme Nächte, vertont sonderbar verschlungene Lust-und Angstphantasien ("Leopard Of Honor"), lässt "Rivers" gegen Ende silbrig glänzen und hat mit dem beängstigend großartigen "Shooting Rockets (From The Desk Of Night's Ape)" eine Art-Rock-Oper aus dem Halbdunkel verfasst, die selbst "The Sublimation Hour", "Holly Going Lightly" oder "The Music Lovers" übertrifft: "Who let these animals into my kingdom?/ A blind doe learns to work the rig/ A once thin man turns into a pig:/ The empty groves wherein my soul pukes the night away." Die Herrlichkeit von Destroyer liegt auch darin, das wir nicht verstehen, was der stets etwas gekränkt singende Dan Bejar uns eigentlich sagen will. (8) Jan Wigger
The Gutter Twins - "Saturnalia"
(Sub Pop/Cargo, bereits erschienen)
Auf dem Cover von "Saturnalia" stehen zwei Sperrmüll-Stühle unter dräuendem Himmel in einer leeren Häuserparzelle zwischen ärmlichen Vorort-Behausungen. Ein düsteres Bild. So ungefähr muss man sich den Zustand der amerikanischen Rockmusik seit circa zehn Jahren vorstellen, denn so lange etwa hat es keine wirklichen Erleuchtungen mehr gegeben. Der Raum ist karg und öde, bevölkert von Nachtgestalten wie My Chemical Romanze, Jared Leto oder dem Anti-Springsteen Trent Reznor. Die beiden älteren Herren, die sich jetzt als Gutter Twins, also Gossen-Zwillinge verdingen, treten beileibe nicht an, Licht in dieses Dunkel zu bringen. Aber die Allianz von Greg Dulli (Ex-Afghan-Whigs) und Mark Lanegan (Ex-Screaming-Trees) lässt trotzdem tief blicken: Die Veteranen aus den fruchtbaren neunziger Jahren schließen sich zusammen, um gemeinsam Trübsal zu blasen.
Das lässt für die Genesung des US-Rocks zwar wenig Hoffnung aufkommen, aber dafür ist "Sarturnalia" ein phantastisches Album geworden, voll fiebrig-religiöser Beschwörungen ("The Stations", "Who Will Lead Us") und gespenstischer Rocksongs, deren Gitarren-Riffs knacken wie sonnengebleichte Knochen in der Wüste. Wie gut sich Lanegans sonores Knurren und Dullis heiliges Heulen ergänzen, hätte man bis zum Hören dieser Platte nie vermutet. Insofern ist dieses Album Überraschung und Offenbarung zugleich, das in der wundervoll rührenden Hymne "Front Street" gipfelt. Wenn man sich Cormac McCarthys Apokalypse-Roman "The Road" einen Soundtrack wünschte, hier ist er. (8) Andreas Borcholte
Supergrass "Diamond Hoo Ha"
(Parlophone/EMI, 28. März)
Schon anlässlich der letzten Platte wäre die Frage legitim gewesen, nun darf man sie endlich stellen: Sind Supergrass ein Relikt aus besseren Tagen, das heute nur noch die immer schmaler werdende Zielgruppe interessiert? Noch bis "Life On Other Planets" regierten die affengesichtigen Kiffköpfe England, doch mit dem Verzicht auf sichere Gassenhauer fuhren sie das ambitionierte "Road To Rouen" mitsamt Zither, Ukulele und short opera kommerziell an die Wand. "Diamond Hoo Ha" ist kleinteiliger, konzentrierter und näher am Herz des Songs, aber klingt fast schon nach Abschied: "Butterfly" ist eine letztgültige, beinahe absurde Ehrerbietung an David Bowie, das feiste "Bad Blood", der prächtige Gesang in "The Return Of...", auch die Leichtgängigkeit von "Outside" erinnern noch einmal an die Anfänge der Band. Und doch: So bezwingend wie damals in "Mary", "Mansize Rooster" oder "Going Out" werden sie nicht mehr, die jungen,alten Supergrass. (6) Jan Wigger
Navel "Frozen Souls" (Louisville Records/Universal, 28. März)
Das Beste, was man über Navel sagen kann, ohne vorher die CD gehört zu haben: Diese drei Schweizer Menschen Anfang 20 haben eine von ihrer Plattenfirma Louisville Records generalstabsmäßig geplante Tour mit den Smashing Pumpkins platzen lassen, weil sie nicht den allabendlichen Support-Act für "abgehalfterte Rock-Opas" geben wollten. Unverfroren, oder? Navel wollen "junge und alte Menschen nicht in dem Glauben aufwachsen lassen, Franz Ferdinand sei Rockmusik". Nun, das haben zumindest Franz Ferdinand ja auch nie von sich behauptet. Wer dennoch glaubt, Alex Kapranos sei ein Rocker, wird die Musik auf "Frozen Souls" vermutlich hassen: Tonnenschwere Riffs und Lavaströme, angepisste Vocals, Baugruben-Schlagzeug eine Verzweiflungstat. "Punk never broke" lautet die Maxime und so bescheuert muss man erst mal sein, im Jahr 2008 einen auf Soundgarden, Paw und "Bleach"-Nirvana zu machen. Über weite Strecken: Sehr irritierend, sehr geil. (7) Jan Wigger
Young Knives "Superabundance" (Transgressive Records/Universal, 21. März)
Ein Leben im Überfluss: Mit heiligem Quatsch, falschen Adelstiteln, Bundfaltenhosen, Kassengestellen und dem immer verbindlichen Credo "And if all else fails/ I am the Prince of Wales" waren die Young Knives aus Ashby-de-la-Zouch bei Loughborough in Leicestershire vor zwei Jahren die exzentrischste und volatilste Gruppe des Vereinigten Königreichs. Um keine blöden Gang-Of-Four-Fragen beantworten zu müssen, ließ die Band "Voices Of Animals And Men" gleich von Gang-Of-Four-Gitarrist Andy Gill produzieren. "Superabundance" ist die dritte LP: "Fit For You" und "Light Switch" haben noch einmal den von "Here Comes The Rumour Mill" und "She's Attracted To" bekannten Schmiss, das raffiniert zweigeteilte Mini-Drama "Turn Tail" ist ein erstaunlich betrübter Ausweg aus der Wiederholungsfalle. Die Young Knives bleiben die Streber von der ersten Bank, die keine Platten verkaufen. Und das, obwohl "Up All Night" genau die Propeller-Gitarren besitzt, die alle hören wollen, aber kein Mensch mehr hören kann. (7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)