Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Direkt ins Kerngebiet heißkalter Melancholie begeben sich Claro Intelecto, lobt Jan Wigger und schilt gleichzeitig The Kooks für ihre törichten Reime. Andreas Borcholte ist gerührt von Gonzales' Hommage an den Poprock der Achtziger.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Claro Intelecto – "Metanarrative"
(Modern Love/Baked Goods, nur als Import)

Dass nicht nur im Pop alles mit allem zusammenhängt, ist eh klar, konnte aber noch nie so leicht verifiziert werden wie im Zeitalter der Vernetzung: Den Refrain ihres Olli-Geißen-Hits "(I Just) Died In Your Arms Tonight" entnahm die Cutting Crew 1986 dem bombastischen, großartigen Asia-Song "Only Time Will Tell", von dem auch Europe ihre "The Final Countdown"-Synthies stahlen, die sich wiederum dreizehn Jahre später auf Tocotronics AC/DC zitierender Single "Let There Be Rock" wiederfanden. Vielleicht heißt das zweite Claro-Intelecto-Album ja auch deshalb "Metanarrative", vielleicht hält sich das britische Label Modern Love auch deshalb nicht nur mit regulärem Techno und Minimal-Kram auf, sondern preist neben Andy Stott auch die Genialität des begnadeten Elektronikers Mark Stewart, der auf "Metanarrative" die schroffen, maschinisierten Dancefloor-Tracks seiner "Warehouse Session"-EPs verlässt, um sich mit spielerisch pulsierenden Stücken wie "Gone With The Dogs" und "Beautiful Death" direkt ins Kerngebiet heißkalter Melancholie hineinzubegeben. Snare und Bassline sind unverwechselbar, und die Kunstfertigkeit, mit der Mark Stewart seine regennassen Fieberträume ausschmückt und begleitet, eine Pracht. "Metanarrative" ist eine Platte von größter Klarheit und bis zur kommenden Wiederveröffentlichung der seit vielen Jahren vergriffenen Ambient-Seltsamkeit "Zauberberg" von Gas das letzte Wort in Sachen Techno. (8) Jan Wigger

The Kooks – "Konk"
(Virgin/EMI, 11. April)

Bis man aus dem porösen Langzeitgedächtnis wieder rausgekramt hatte, dass nicht nur Ray Davies' Label (auf dem er Kinks-Alben wiederveröffentlichte), sondern auch sein Aufnahmestudio "Konk" heißt, war davon auszugehen, dass sich The Kooks den Titel ihres zweiten Albums besoffen ausgedacht haben. Ins "Konk" also mieteten sich Sänger Luke Pritchard und die anderen ein, und hier gelang ihnen der fabelhafte neue Song "Mr. Maker", this year's "She Moves In Her Own Way". Würden sich die Kooks doch nur mehr auf melodieselige, wehmütige Stücke wie dieses (oder "Shine On") verlassen! Stattdessen wird im töricht zusammengereimten "Do You Wanna" ("Do you wanna make love to me?/ I know you wanna make love to me!") demonstriert, wie fit man an den Instrumenten ist. "Love It All" ist eine unfreiwillig komische Variation von "Knockin' On Heaven’s Door", und die Riffs aus "Stormy Weather" und "Down To The Market" unsagbar abgegriffen und banal. Der Rest geht im Rahmen der Möglichkeiten gerade so in Ordnung, doch schon "Gap" klingt im Refrain wieder wie "Naive" vom Debütalbum "Inside In/ Inside Out". "Konk" wird sich hervorragend verkaufen, an die Kooks dennoch ein guter Rat: Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. (5) Jan Wigger

The Duke Spirit – "Neptune"
(PIAS/Rough Trade, 11. April)

Frauen im Pop sind zumeist ohnehin unantastbar, aber Frauen im Rock haben den ganzen schwanzfixierten, machistischen Zirkus diesseits und jenseits des Atlantik schon immer erträglicher gestaltet. Den unvergänglichen Verführungen von Kim Gordon (Sonic Youth), Stevie Nicks (Fleetwood Mac) oder den Wilson-Schwestern auf dem ultralässigen Heart-Debüt "Dreamboat Annie" von 1976 fügten The Duke Spirit mit Vokalistin Liela Moss schon vor drei Jahren das flamboyante erste Album "Cuts Across The Land" hinzu. "Neptune" erweitert das Duke-Spirit-Koordinatensystem in alle Richtungen: "Send A Little Love Token" schließt triumphal zu "Love Is An Unfamiliar Name" auf, die Sonic-Youth-Einflüsse in "This Ship Was Built To Last", "Lassoo" und "You Really Wake Up The Love In Me" (Duke Spirits "Sugar Kane"!) bleiben massiv und das Piano in "My Sunken Treasure" klingt schon nach süßem Abstieg in die Vorhölle. Die sexieste Band Englands? Kommt hin. (7) Jan Wigger

The Breeders – "Mountain Battles"
(4AD/Beggars/Indigo, bereits erschienen)

Die Zeit kennt kein Erbarmen: Paulchen Kuhn ist jetzt auch schon 80, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich Max Greger und der Mann am Klavier vor ihren Auftritten mit "Mountain Battles" warm machen, nur sehr gering. Überhaupt muss folgende Frage vorab gestattet sein: Wer außer dem üblichen, circa 35 Jahre alten Musikjournalisten und dem durchschnittlich desillusionierten Untergrund-Gitarrenschluffi könnte sich noch für eine neue Breeders-Platte interessieren? Und wer könnte sie zur Funktionsmusik erklären, wo in jeder schlechten Diskothek sowieso immer nur "Cannonball" (von 1994!) aufgelegt wird? "Mountain Battles" jedenfalls ist auf dieselbe Art und Weise ein "typisches Breeders-Album", wie "Xecutioner's Return" ein typisches Obituary-Album ist. "Walk It Off" (offensichtlich Kim und Kelley Deals Version von Velvet Undergrounds "I’m Waiting For The Man") und die kleine Dinosaur-Jr.-Hommage "It’s The Love" stechen sofort heraus, "Bang On" und "Regalame Esta Noche" sind furchtbar, "Night Of Joy" herrlich und das Titelstück (unter anderem) eher egal. Summa Summarum: (5) Jan Wigger

Gonzales – "Soft Power"
(Mercury/Universal, bereits erschienen)

Schon ein Teufelskerl, dieser Jason Beck alias Chilly Gonzales. Der gebürtige Kanadier galt Anfang des Jahrzehnts als unumstrittener Lounge- und Tanzbodenkönig Berlins und veröffentlichte auf dem damaligen Hip-Label Kitty-yo drei irritierend schräge, aber sehr gute Alben. Dann zog er weiter, produzierte Feist, spielte eine Platte voller Piano-Miniaturen ein, veröffentlichte eine Live-DVD und kehrt nun mit einer erneuten Kehrtwende zurück. "Soft Power" zelebriert den opulenten Poprock der Siebziger und Achtziger, wie ihn Todd Rundgren einst verspult-versponnen sang und spielte. Schon das Gonzales-Logo auf dem Cover erinnert entfernt an eines der damals immens populären Bombast-Epen Chicagos. Und der definierende Song "Slow Down" beginnt mit einer Piano-Akkordfolge, die auch eine gute alte TV-Serie wie "Cheers" einläuten könnte. Dazu schmachtet ein Saxophon so schlimm wie einst in Glenn Freys "You Belong To The City". Schon wähnt man sich in einer Neon-Bar im weißen Anzug mit viel zu großem Hemdkragen süße Cocktails schlürfend, ELO in der Jukebox. Zwischen die stringent durchgehaltenen Retro-Exkurse streut Gonzales die eine oder andere Spezialität, die kleine, feine Instrumentalnummer "Modalisa" zum Beispiel, aber leider auch die unbeholfen authentische R&B-Ballade "Apology". Macht natürlich trotzdem großen Spaß, weil übertriebene, ernsthaft durchgezogene Hommagen immer rührend sind. Hatte man aber natürlich alles schon mal. Am kühnsten immer noch vor knapp zehn Jahren auf Barry Künzels grandiosem Album "Tunnel Vision". Dagegen wirkt Gonzales zum ersten Mal in seiner aufregenden Karriere ein bisschen langweilig. (7) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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