Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Bonnie "Prince" Billy "Lie Down In The Light" (Domino/Indigo, bereits erschienen)
Jedes Jahr nimmt der Songschreiber Will Oldham neue Lieder auf und jedes Jahr stellen wir diese Lieder zu all den Platten von Palace Music, Palace Brothers, Bonnie "Blue" Billy, Bonnie "Deep Purple" Billy, Blind Lemon Oldham, The Will Oldham Five, Blind Billy McTell und den weiteren 42 Monikern, unter denen der verzagte Künstler seine oft transzendierende Musik unter die Öffentlichkeit bringt. Die letzte EP "Ask Forgiveness" zeigte den Dichter einmal mehr kurz vor dem Verschwinden: Nicht einmal die Namen der Songs waren im Booklet oder auf der CD angegeben, Oldham hatte längst schon wieder "Tschüss!" gesagt, um sich dem nächsten Album zu widmen: "Lie Down In The Light". Und wann hat man den Ex-Unglücksvogel zuletzt so gelöst und gesammelt, ja lebensfroh erlebt wie nun in "Missing One" oder "I'll Be Glad"? Letzteres Stück ist Oldhams Psalm für die blaue Stunde: "When you get your flock together, please take me along / Lord I'm too weak to travel, I'll be glad you're strong / And I'll lean on your arm." Dazu Ashley Webber als neue Duettpartnerin, das weich gezeichnete Banjo und eine Einsicht, die Prinz Oldham früher nicht so leicht von den Lippen gegangen wäre: "And keep your loved ones near." Mehr Licht!(8) Jan Wigger
Bruce Springsteen "17 Japan-Editionen" (Columbia/Sony BMG, 23. Mai)
Damals, im Jahr 2003, bekam das Leben für drei Stunden und siebzehn Minuten urplötzlich einen Sinn. Wir hatten Bruce Springsteen und die E Street Band schon oft gesehen, doch an diesem Abend auf der Westtribüne, im Block 18 A, trafen uns die "Born In The U.S.A"-Geniestreiche "Bobby Jean" und "No Surrender" wieder mitten ins Herz. Es gab Tränen und die Gewissheit, dass uns trotz Neil Young, trotz Bob Dylan, trotz Leonard Cohen und Nick Drake niemand so viel gegeben hatte wie der Boss. Schon zu Schulzeiten gab es selbst unter den Blind Guardian-Hörern kaum jemanden, der Bruce nicht liebte (oder zumindest respektierte) und bis heute erkennt man verkrampfte Indie-Puristen ja daran, dass sie das entmutigte, gebrochene Anti-Kriegslied "Born In The U.S.A" nie verstanden haben, Bruce für einen breitbeinigen Mucker halten und allenfalls die LP "Nebraska" besitzen, weil Conor Oberst vermutlich gesagt hat, das sei ein tolles Album.
Springsteens größte Anstrengung und gleichzeitig eine der fünf besten Platten aller Zeiten bleibt jedoch "Born To Run", mit dem unübertroffenen "Thunder Road", mit "Jungleland" und "Backstreets" und dem vor Lebensdrang fast zerberstenden "Night": "And you know she will be waiting there / And you'll find her somehow you swear / Somewhere tonight / You run sad and free / Until all you can see is the night." Mehr Protagonisten, die aus dem Nichts kamen und wieder zurück ins Nichts traten, gab es auf dem finsteren "Darkness On The Edge Of Town". Den Beginn von "Candys Room" klauten Motorpsycho unbemerkt für ihr "Hey Jane", und bei "Racing In The Street" gehen Träume in die Brüche: "Some guys they just give up living and start dying / Little by little / Piece by piece / Some guys come home from work and wash up / And go racin in the street."
"The River" vereinte Kontemplation und Kräftemessen, war aber, wie jedes Doppel-Album, einen Tick zu lang: Vollendet der Titelsong sowie "Drive All Night", "Stolen Car" oder der Ringelpietz "Sherry Darling", daneben aber Triviales wie "Cadillac Ranch", "I'm A Rocker" und "You Can Look (But You Better Not Touch)". Ebenso unterbewertet wie der nach Innen gekehrte "Born In The U.S.A"-Nachfolger "Tunnel Of Love" sind die wortgewaltigen, Soul und R&B-informierten, ersten beiden Springsteen-LPs "Greetings From Asbury Park, N.J" und "The Wild, The Innocent & The E Street Shuffle". Die Songs über Sandy und Rosalita, über die Eighth Avenue und die 57. Straße sind glänzend gealtert. Keine Frage: Der Boss hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Peter Maffay, Jon Bon Jovi und andere strickten aus Bruce-Platten gar eine ganze Karriere. Nun erscheinen 17 Springsteen-Alben als Mini-Vinyl-Replika in der seltenen Japan-Edition, ohne Bonustracks zwar, aber mit den für Sammler und Komplettisten essentiellen faltbaren Blättchen, die man "Obi Strips" nennt. Die Studioalben: "Greetings From Asbury Park, N.J (9)", "The Wild, The Innocent & The E Street Shuffle" (10), "Born To Run" (10), "Darkness On The Edge Of Town" (9), "The River" (8), "Nebraska" (10), "Born In The U.S.A" (9), "Tunnel Of Love" (9), "Human Touch" (5), "Lucky Town" (6), "The Ghost Of Tom Joad" (8), "The Rising" (8). Jan Wigger
Friska Viljor "Tour de Hearts" (Devilduck Records/Indigo, 23. Mai)
Sicher: Irgendwer wird über "Tour de Hearts" wieder schreiben, wie unglaublich sympathisch es ist, dass diese sympathischen Schweden so nonchalant ihre Einflüsse darlegen. Wenn aber im Stück "On And On" beinahe notengetreu Arcade Fire nachgespielt werden, ist das nicht sympathisch, sondern einfach ärgerlich. Der Rest des Albums ist, wie man sagt, eigenständig genug und einen spielerischen Reiz hat es schon, wenn das Lied, das hier am meisten nach Robert-Smith-Mittelphase klingt, "The Cure" heißt. "Oh No", eine Art Schnittmenge aus Beirut und Neutral Milk Hotel, ist der Höhepunkt der insgesamt guten Platte, das ausgelassene "Sunday" muss wohl auf der letzten Tour mit den Fraggles entstanden sein. Aber waren die Fraggles jemals auf Tour? Wenn ja, sei noch eine letzte Anmerkung erlaubt: Sie hatten gewiß bessere Texte als Friska Viljor. "Tour de Hearts" ist Musik für junge Leute. Doch niemand, der sich zu alt dafür fühlt, muss sich dafür schämen. (6) Jan Wigger
Born Ruffians "Red, Yellow & Blue" (Warp/Rough Trade, 23.Mai)
So wie Dial oder Southern Lord ist auch das Aphex Twin- und Maximo Park-Label eine jener Plattenfirmen, die quasi unfehlbar sind. Warp Records Geld für Schrott in den Rachen zu werfen, ist unmöglich. So sind es nun die Born Ruffians aus Kanadas zweitschönster Großstadt Toronto, die ihrer Knaller-EP "Born Ruffians" ein ganzes Album folgen lassen. Die drei Born Ruffians-Mitglieder sehen so aus, als hätten sie einige Tonnen Klebstoff geschnüffelt, auch gern einmal Helium eingeatmet und ja: Nur belesene Spinner wie sie nennen den einen ihrer verschachtelten, vor- und zurückprallenden Tracks "Kurt Vonnegut" und den nächsten "Red Elephant" um knapp damit durchzukommen. "Little Garcon" beginnt wie "New Slang" von den Shins und endet wie die Violent Femmes, "Badonkadonkey" verbeugt sich tief vor Animal Collective, "In The Mirror" hat die bei chronisch ausgeglichenen Menschen so unbeliebten Froschstimmen und prächtiges Gejaule. Man braucht Nerven dafür. Man wird belohnt. (7) Jan Wigger
Booka Shade "The Sun & The Neon Light" (Get Physical Music, 23.Mai)
Zu den elektronischen Acts, auf die sich Nachtclubber, Werber, Minimal Techno-Fachkräfte und Informatik-Studenten mit dicken Brillen einigen können, gehören Booka Shade spätestens seit ihrem Album "Movements", dass 2006 mit "Mandarine Girl", "Body Language", "Night Falls" und weiteren superschlauen Tracks eine Fülle von Hits abwarf. Das neue Album der Berliner Walter Merziger und Arno Kammermeier ist dagegen etwas irritierend ausgefallen: Mehr Breitwand, mehr Spielfluß, mehr Introspektion, größere Gesten und mehr Gewöhnlichkeit. Dass die öde Großraum-Disco-Nummer "Charlotte" von denselben Musikern geschrieben wurde wie einst "In White Rooms", ist eine große Enttäuschung, ebenso der schmierige Vocal-Track "Control Me", das wohlfeile "Psychameleon" und die über weite Strecken fast inspirationslosen Beats. Wir wollen ehrlich sein und empfehlen: Lieber "Movements" in der Tour-Edition kaufen, gerade neu aufgelegt, mit Live-DVD. (4) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)