Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Warten auf den nächsten Urschrei: Das neue Album der schottischen Rocker Primal Scream verheißt eine Zukunft der Extreme, meint Andreas Borcholte. Jan Wigger bescheinigt der brasilianischen Combo CSS Partytauglichkeit und würdigt das Gegenwärtige des britischen HipHops.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Primal Scream - "Beautiful Future"
(B-Unique/Warner, 1. August)

Der eine oder andere Leser wird gelangweilt aufseufzen, aber natürlich muss auch die neunte LP der schottischen Band Primal Scream besprochen werden. Warum? Weil es die Trümmertruppe um Sänger und Songwriter Bobby Gillespie nicht nur geschafft hat, die wilden Acid-Jahre Ende der Achtziger zu überleben, sondern sich auch noch ganz ordentlich durch den Britpop-Hype der Neunziger gerettet haben. Wie sie das geschafft haben? Böse Zungen behaupten ja, Gillespie arbeite seit nunmehr fast 25 Jahren mehr oder minder heimlich an der Neuerfindung seines Lieblings-Stones-Albums "Exile On Mainstreet", weshalb er auch so ausgiebig mit Alkoholika und Betäubungsmitteln experimentiert hat. Schaut man allerdings etwas genauer hin, entdeckt man eine erstaunliche Abneigung gegen das immer Gleiche, einen Hang zur Diskontinuität, der dann so unterschiedliche Alben wie den trunkenen Raver-Soundtrack "Screamadelica" und das metallische Industrial-Pamphlet "EXTRMNTR" hervorbringt. Zwischen solchen Extremen gibt es immer wieder unentschiedene Platten wie diese neue, gespickt mit zahlreichen Gastautritten (u.a. Lovefoxxx von CSS, Stone-Ager Josh Homme, Folk-Legende Linda Thompson), getrieben vom noch nicht ganz ausdefinierten Willen, mal wieder etwas Großes zu schaffen.

Gleich der erste Song, das Titelstück, bringt das Phänomen Primal Scream auf den Punkt: Auf einen lieblich dahinplätschernden Groove trällert Gillespie fröhlich von brennenden Autos und toten Körpern, die aus Bäumen hängen - eine schöne Hommage an Godards radikalen Nouvelle-Vague-Film "Weekend" - und eine Demonstration der Hinterhältigkeit: All die netten Melodien und süßen, Sixties- und Seventies-seligen Songs auf "Beautiful Future" sind nur Fassade, dahinter wabert Bobby Gillespies Paranoia wie ein Vulkan, der auf den nächsten Ausbruch wartet. Das nächste Album wird sicher wieder ein Urschrei. (6) Andreas Borcholte

CSS – "Donkey"
(SubPop/Cargo, 25. Juli)

Schon die ersten Sekunden von "Donkey", der hämmernde Beat des eröffnenden Songs "Jager Yoga" nämlich, über den durchaus auch die frühen Bloc Party hätten drübersingen können, schreien einem entgegen, sofort den Club zu verlassen, wenn man a) über 30 ist b) Karen O von den Yeah Yeah Yeahs gar nicht sexy findet und c) schon weit vor 21 Uhr lieber mit dem Hören von Nico-Platten beginnt, als sich zu einem schlecht belüfteten Keller-Konzert der Long Blondes zu begeben. Aber erinnern wir uns an CSS: Die Band ist brasilianischer als Sepultura, Sängerin Lovefoxxx rangiert auf Platz drei der komplett sinnlosen "Cool List" des NME.

Und dann war da der ausreichend eigenartige, sehr eingängige Bubblegum-Wave-Punk auf dem Debüt-Album "Cansei de Ser Sexy", der brauchbare Slogans wie "Let's Make Love And Listen To Listen To Death From Above" (macht das wirklich jemand?) und "Fuck Off Is Not The Only Thing You Have To Show" abwarf. "Die elf neuen Tracks des Albums wurden bis zur Perfektion geschliffen.", verrät das Infoschreiben. Das Könnte man CSS sogar zum Vorwurf machen: Gefährlich sind "Move" oder "Believe Achieve" zumindest auf Platte nicht mehr, den funktionalen Zweck als Ausgeh-Untermalung erfüllen sie jedoch immer. (6) Jan Wigger

Bodies Of Water – "A Certain Feeling"
(Secretly Canadian/Cargo, 1. August)

Man darf sich mit Recht fragen, ob Platten wie "A Certain Feeling" und auf die feierlichste Art und Weise vorgetragene Stücke wie "Gold, Tan, Peach, And Grey" ohne die überschwängliche Zeremonien-und Begräbnismusik von Arcade Fire in dieser Form möglich gewesen wären: Die von den emphatischen Kanadiern ins Licht der Öffentlichkeit gerückte Kunstform der Indie-Hymne dürfte der Band Bodies Of Water aus Los Angeles kaum verborgen geblieben sein. Für ein Pressefoto ließ sich das zuweilen bis auf zehn Personen anwachsende Kollektiv, dem wie bei Arcade Fire ein Ehepaar vorsteht, einmal das Cover der zweiten Talking-Heads-LP "More Songs About Buildings And Food" mit den eigenen Köpfen nachbilden, doch die Großstadt-Paranoia des jungen David Byrne ist Liebesliedern wie "Only You" oder "Darling, Be Here" vollkommen fremd. Dass man in Los Angeles leben und gleichzeitig ein Album wie dieses aufnehmen kann, ist eine kleine Sensation. (7) Jan Wigger

Dan Le Sac Vs Scroobius Pip – "Angles"
(Sunday Best/PIAS, 25. Juli)

Über Dizzee Rascal, über Jamie T, The Streets und die anderen, weniger bekannten britischen Rapper aus den Randgebieten wurde schon viel gesagt und noch mehr geschrieben. Und auch wenn in der ersten Euphorie nicht selten Gegenteiliges behauptet wurde: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit im Jahr 2028 noch regelmäßig "The Hardest Way To Make An Easy Living" oder "Panic Prevention" auflegen wird, ist relativ gering. Dans Le Sac Vs Scroobius Pip aus Essex wollten ihr Debüt "Angles" ursprünglich "James Blunt Can Fuck Right Off" nennen, was dem Duo ungefähr ebenso viele Sympathiepunkte einbringt wie die maximal uncoole Chuzpe, einen Track über das Periodensystem der chemischen Elemente ("Development") zu machen und ein anderes Stück ("Tommy C") nach dem Comedian Tommy Cooper zu benennen, der 1984 während einer TV-Live-Show mit einer Herzattacke zusammenbrach und die Ankunft im Krankenhaus nicht mehr erlebte. Das schlaue, versierte, mal lustige, mal ernste "Angles" mit den monumental langen Texten gehört in die Jetztzeit – was die Zukunft bringt, sollen andere entscheiden. (6) Jan Wigger

Sugarcubes – "The 7’’ Singles Box Set"
(One Little Indian)

Überraschend geliefert und ab sofort im Laden: Die Singles-Box der vor Sigur-Rós-Zeitrechnung berühmtesten isländischen Band The Sugarcubes. Man wird ja heute noch gesteinigt, wenn man zugibt, von allen Björk-Alben das experimentelle "Medulla" und den Soundtrack zum niederschmetternden Lars-von-Trier-Film "Dancer In The Dark" am liebsten zu hören, doch damals bei den Sugarcubes war Björk Gudmundsdóttirs Organ sogar noch etwas delikater und fordernder als heute. Der erste Reflex beim Öffnen des als Maxi-CD- oder "7’’-Vinyl-Box erhältlichen Vierecks: Wo ist die beliebte Hit-Single "Hit"? Nirgendwo, denn die streng limitierte Box versammelt lediglich die Sugarcubes-Singles der ersten drei Jahre, wie das Label One Little Indian auf der Rückseite des Kartons informiert: "Contains all the 7’’ recordings by the Sugarcubes from October 1986 – October 1989. This catalogue is now deleted." Beim Sichten der insgesamt acht Singles wird einem nicht nur die Weirdness der großartigen Debüt-Single "Birthday", sondern auch die seinerzeit von so manchem Björk-Only-Fan verleugnete Wichtigkeit des Co-Sängers Einar Örn Benediktsson für die ganz eigene Klangfarbe der Sugarcubes neu bewusst. Und keine Sorge: Das von Björk im Fallschirm hängend gegluckste "Regina" ("I really don’t like lobster!") ist auch dabei. (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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