Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Sten "The Essence" (Dial/Kompakt)
Das Cover, das der bildende Künstler David Lieske (alias Carsten Jost) für seinen Freund und Dial-Label-Kollegen Peter Kersten entwarf, passt so perfekt zur teils nachtschwarzen, teils hell auflodernden Musik auf "The Essence", dass man auch 58 Minuten lang diese Grafik anstarren könnte, anstatt Tracks wie "The Gate" oder "City Of Dust" zu hören. Wie Lieske ist Kersten ein Whiz Kid. Unter dem Moniker Lawrence nahm er so unvergessene Alben wie "The Night Will Last Forever", "The Absence Of Blight" und "Lowlights From The Past And Future" auf, die zum Wehmütigsten und Schönsten gehören, was Ambient und Minimal-House zu bieten haben. "The Essence" dagegen scheint mehr für die Tanzfläche gemacht.
Kersten zeigt darauf den unbedingten Willen zu Strenge, Klarheit und Reduktion, ist aber auch so frei, Konga-Sounds auftauchen zu lassen oder in "Take Me To The Fridge" Chicago-House-Verweise einzustreuen. Neben "Nah und Fern" von Gas, Claro Intelecto, Sascha Funke und Ellen Alliens "SOOL" ein weiteres elektronisches Muss im Jahr 2008. Oder um es mit dem Sprachgenie Kristof Schreuf von Kolossale Jugend zu sagen: Schmück die Wohnung in meinem Kopf! (8) Jan Wigger
Bloc Party "Intimacy" (Wichita/Cooperative Music/Digitaler Eigenvertrieb)
Die Formel "Hauptsache Musik!", die den Regisseur Jörg Buttgereit einmal vergeblich zum Kauf von sehr schlechten Flohmarkt-Schallplatten bewegen sollte, ist auch uns egal: Digitale Veröffentlichungen und Downloads sind uninspirierend und öde ganz gleich, um welchen Künstler es sich handelt. Für Bloc Party machen wir eine Ausnahme, weil einige Sachverständige die Band nach "A Weekend In The City" schon für so groß wie John Coltrane oder Pink Floyd hielten (obgleich sie ein Jahr später nicht selten zugaben, die Platte kaum noch zu hören).
Doch kommen wir zum dritten Bloc-Party-Album "Intimacy". Hätte man einen Mitbewohner, er würde bei Kele Okerekes nervtötenden Vocals auf "Ares" die Tür zu seinem Zimmer schließen. Die Single "Mercury" jedoch ist so gut wie "The Prayer" vom zweiten Album und "Biko" einer der ausgefallensten und besten Bloc-Party-Songs bislang. "Halo" ist eine "Silent Alarm"-A-Seite, "One Month Off" eine B-Seite, und "Signs" ein Zeichen dafür, dass sich Okereke und Band mit Depeche Mode und Boards Of Canada beschäftigt haben. Erstaunlich gute Platte mit dem vermutlich besten lebenden Drummer Englands. (7) Jan Wigger
Parenthetical Girls "Entanglements" (Tomlab)
Warum die dritte LP der Parenthetical Girls ein Geschenk des Himmels ist? Weil hier das Spiel mit Uneindeutigkeiten und Kapriziösem einmal nicht nur behauptet wird, sondern alles durchfließt, was die Band aus Portland, Oregon tut. So lässt sich das Quartett in einem Pressefoto eindeutig als die unheilsschwere, im Verfall begriffene Familie aus Ji-woon-Kims beklemmendem Meisterwerk "A Tale Of Two Sisters" darstellen und hat in Zac Pennington einen Falsettisten als Sänger, der die lästigen Grenzen zwischen den Geschlechtern spielerisch aufhebt, um etwas Ungehörtes zu erschaffen. Das kurze Titelstück klingt beinahe wie eine Ballett-Suite von Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch, doch auch Naheliegenderes wie Penderecki, Xiu Xiu oder Final Fantasy dürften den fabelhaften Song-Zyklus "Entanglements" beeinflusst haben. Musical-und Vaudeville-Puristen sei gesagt, dass sich auf der kompletten Platte nur ein einziger Gitarren-Ton befinden soll. (8) Jan Wigger
Rex The Dog "The Rex The Dog Show" (Hundehaus/ Cooperative Music/Universal)
Der Aufruf für heute: Bitte mehr Plattenfirmen mit ulkigen Namen gründen. Nach "Damenklo Records" und "Scheinselbstständig Records" veröffentlicht Jake Williams aka Rex The Dog nun seine Werkschau "The Rex The Dog Show" auf "Hundehaus Records". 14 Disco-Schocker vom geläufigen, wenn auch nicht weltbekannten Elektro-Produzent und Remixer also, der schon deshalb Sympathie verdient, weil er während des Remixens von Depeche Modes "Photographic" nachdrücklich betonte, das DM-Debüt "Speak And Spell" für eine der größten musikalischen Errungenschaften aller Zeiten zu halten. "The Rex The Dog Show" enthält nur wenige bereits auf CD erhältliche Tracks. Neben Williams' Interpretation von "Tony The Beat" (The Sounds) findet sich dort auch seine erste Auftragsarbeit: ein Remix zu "Heartbeats" von The Knife. (6) Jan Wigger
Oxford Collapse "Bits" (Sub Pop/Cargo)
Weil es so schön ist und das Sub Pop-Label gerade Jubiläum feiert, gibt es zum Abschluss der "Abgehört"-Kolumne eine Platte für seitengescheitelte, melancholisch dreinblickende Indie-Freunde. Die New Yorker Gruppe Oxford Collapse ist nicht nur Indie, sondern Mega-Indie. Die Band lässt die verzerrten Gitarren knistern, brettern und aufheulen wie damals Superchunk, Mission Of Burma, Chavez oder Camper van Beethoven, an deren "Take The Skinheads Bowling" das Oxford-Collapse-Stück "Young Love Delivers" angelehnt ist. Großartig auch der letzte Song von "Bits" mit dem unglaubwürdigen Titel "I Hate Nobody", der mit stoischem Bass-Spiel die Wochenend-Zuhausebleiber in Schutz nimmt: "The city looked alive on a Saturday night / But we were sleeping it off." Wie altmodisch, wie toll. (7) Jan Wigger