Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Und noch ein Comeback: 20 Jahre nach "Strange Weather" schenkt Hal Willner Marianne Faithfull einen neuen Strauß Coverversionen. Ganz schön gediegen, meint Andreas Borcholte. Auch Jan Wigger huldigt alten Recken: Brian Eno & David Byrne, "Fireman" Paul McCartney und Genesis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Marianne Faithfull – "Easy Come, Easy Go"
(Naive/Indigo, 14. November)

"18 Songs for Music Lovers" lautet der Untertitel dieser Songsammlung, die "gediegen" zu nennen eine Untertreibung sondergleichen wäre. Hinter der opulenten Dreier-CD mit 18 Liedern und Dokumentation steht kein geringerer als der Meister der Tribute-Alben und cleveren Compilations persönlich, Hal Willner. Willner war es auch, der einst die Neu-Erfindung Marianne Faithfulls inspirierte, indem er der damals gerade aus der Heroin-Hölle entkommenen Stones-Muse einen bunten Strauß Songs zum Interpretieren gab, was sie dann mit brüchiger Stimme auch brav absolvierte. "Strange Weather" hieß das Album, das Faithfull als Sängerin wieder auf den Plan brachte. Und nun, fast genau 20 Jahre später, ist Willner wieder derjenige, der ihr zu einem späten Comeback als reife Chanteuse verhilft. Wobei: Das Comeback hatte sie ja eigentlich schon selbst vollbracht – als grandiose Sex-Arbeiterin Maggie in Sam Gabarskis Film "Irina Palm". Fehlte also nur noch die Musik. "Easy Come, Easy Go" vereint so unterschiedliche Kompositionen wie das Decemberists-Stück "The Crane Wife 3" und Duke Ellingtons Standard "Solitude".

Das Problem ist nur: Gediegenheit passt so gar nicht zu der rumpeligen Sixties-Ikone, so dass die orchestral dahingetupften Arrangements des selbstredend erlesenen Orchesters manchmal etwas bemüht "adult contemporary" klingen. Machen wir uns nichts vor: Am stärksten ist Faithfull, wenn sie die geprügelte Stehauffrau in Dolly Partons "Down From Under" geben darf, sich zusammen mit Antony Hegarty im Soul-Pathos Smokey Robinsons verliert ("Ooh Baby Baby") oder gemeinsam mit Rufus Wainwright das sakrale Espers-Stück "Children of Stone" erforscht. Das singende und musizierende Personal ist so exklusiv wie das Songmaterial, und mit Merle Haggards "Sing Me Back Home" besitzt das Album einen rührenden Höhepunkt: Die alte Country-Nummer, die sie einst von Keith Richards lernte, singt sie nun, nach all den Jahren, endlich zusammen mit dem steinernen Greis. Ganz reizend. Nur an Randy Newmans "In Germany Before The War" hätte sie sich besser nicht vergriffen, so sarkastisch ist Old Faithfull einfach nicht. Und das ist in Ordnung so. (8) Andreas Borcholte

David Byrne & Brian Eno – "Everything That Happens Will Happen Today"
(Essential Music/Indigo, 14. November)

Am schlimmsten sind natürlich nie die Leute, die sich mit den exzellenten Gesamtwerken von David Byrne und Brian Eno ausreichend auseinandergesetzt haben und zu dem Entschluss gekommen sind, dass ihnen beide Künstler schlicht und einfach nicht gefallen. Am schlimmsten sind die, die bei jeder neuen CD aus London oder New York daherreden, sehr wohl zu wissen, wie "total wichtig" die Talking Heads für jede zweite dahergelaufene Post-New-Wave-Kinderband waren, aber nicht einmal die Ramsch-Best-Of "Once In A Lifetime" (4,44 Euro) aus dem örtlichen Saturn gehört haben. "Everything That Happens Will Happen Today" hat mit der letzten, sicher des Öfteren als kopflastig bezeichneten Byrne/Eno-Kollaboration "My Life In The Bush Of Ghosts" von 1981 nicht mehr das Geringste zu tun und gibt daher potentiellen Interessenten eine neue Chance: echte Songs (in denen Byrne wieder wie ein Gott singt)! Seltsame Sanftmut zum Mitklatschen! Hope of deliverance! Eno bezeichnet die Platte akkurat als "elektronischen Gospel", allen anderen sei gesagt, dass Stücke wie "Life Is Long" oder "One Fine Day" den späten Heads-LPs "Little Creatures" und "Naked" viel näher sind als dem Gipfelpunkt "Remain In Light". Kann sogar am Alter liegen. (7) Jan Wigger

Greg Weeks – "The Hive"
(Wichita/Cooperative Music/Universal, 21. November)

Warum werden eigentlich so viele Alben, die Geduld einfordern und deren Komplexität einfach nicht fürs eilige Nebenbeihören taugt, als "Kritikerplatten" abgekanzelt? Soll damit gesagt werden, dass Kritiker einen schlechten Geschmack oder einfach zu viel Zeit haben, um sich eigentlich schlechte Alben, wie man sagt, "schönzuhören"? Wenn uns nicht alles täuscht, ist die im Grunde sehr einfach und am besten in Bauchlage zu konsumierende Liedersammlung "The Hive" von Greg Weeks eine todsichere Kritikerplatte: Sie ist großartig, schläfrig, verspult, kenntnisreich, berührend, hemmungslos unhip und möglicherweise besser als alles, was Weeks als Sänger und Songschreiber der gleichfalls famosen Hippie-Folk-Band Espers bislang errungen hat. Im beiliegenden Infoschreiben singt der Amerikaner das Loblied auf sein Lieblingsinstrument, das Mellotron: "It's an instrument used by most of my heroes: Robert Wyatt, King Crimson, Led Zeppelin, The Pretty Things, Krokodil, Canadian Band Harmonium and all nine trillion Italian prog bands that I love!" Noch dazu dekonstruiert und entschleunigt Weeks Madonnas "Borderline" auf unglaubliche Art und Weise und singt dabei exakt wie – David Byrne. (8) Jan Wigger

The Fireman – "Electric Arguments"
(One Little Indian/Rough Trade, 28. November)

Wohl aus nostalgisch begründeter Ohnmacht heraus fand das letzte Paul-McCartney-Album "Memory Almost Full" bei überraschend vielen Rezensenten großen Anklang – auch wenn es zu keiner Zeit an Maccas vorheriger Meisterleistung "Chaos And Creation In The Backyard" kratzen konnte. "Electric Arguments" nun ist McCartneys dritte Zusammenarbeit mit dem Produzenten Youth, nicht nur Bassist bei Killing Joke, sondern auch berufsbedingter Beobachter der ersten "Chinese Democracy"-Aufnahmen von Axl Rose, damals, im Jahr 1865. Erstmals singt McCartney auf einem Fireman-Album – es sei denn, er röhrt gerade, wie im entsetzlichen Opa-Rock von "Nothing Too Much Just Out Of Sight". Doch bereits "Two Magpies" gemahnt an "Blackbird", und das düstere, grandiose "Travelling Light" an jene in Trauer getauchten Bruchstücke der "Driving Rain"-LP, die tiefer gingen als erwartet. Einen öden Schunkler wie "Light From Your Lighthouse" schreibt Paul wahrscheinlich in fünf Minuten, doch der Titel des Songs zitiert Arcade Fire herbei und siehe da: Selbst die "Times" beschreibt den neuen Fireman-Sound (der alte: Ambient, Dance, Elektro) als "Arcade Fire meets Led Zeppelin". Das orchestral gestützte "Dance 'til We’re High" heißt leider wirklich so, in "Universal Here, Everlasting Now" und "Don’t Stop Running" greifen Youth und McCartney dann doch noch einmal auf die beiden ersten, experimentelleren Fireman-Veröffentlichungen zurück. Wollen mal so sagen: Memory almost back. (6) Jan Wigger

Genesis – "Genesis 1970 – 1975" (Box-Set)
(Charisma/Virgin Music/EMI, bereits erschienen)

Später, viel später wurde das Texteschreiben wieder einfacher: "Love has the power/ It’s strong as a tower you can lean on/ Love is a fire/ A burning desire, it’s so warm." Hugo von Hoffmannsthal, ja sogar Rilke waren nichts gegen diese Zeilen von Toto, die sich scheinbar nie mit Peter Gabriels verwickelten, verstiegenen Texten beschäftigt hatten: "A salamander scurries into flame to be destroyed/ Imaginary creatures are trapped in birth on celluloid/ The fleas cling to the golden fleece/ Hoping they’ll find peace." Gabriels lustige Tier-und Fabelwelt, von Oberschülern verehrt, von Minderbegabten wie Marillion oder Arena dankend durch den Wolf gedreht und spätestens ab der absurd erfolgreichen CD "We Can't Dance" ohne Not lächerlich gemacht. Nun freuen sich Millionen Genesis-Fans und VW-Besitzer über die neu gemasterten frühen fünf Genesis-Alben im grünen Würfel, die ersten Jahre mit Gabriel also, selbstredend jeweils in der 2-CD-Edition mit Hybrid-SACD, Audio-DVD, Live-Videos, Interviews und was es heutzutage noch so alles gibt.

Dazu gibt es das Album "Extra-Tracks 1970 – 1975" mit einigen wenigen Raritäten. Was gibt es zu sagen? Peter Gabriels Schwanengesang "The Lamb Lies Down On Broadway" bleibt monumental, wobei man aber auch immer wieder dazu sagen muss, dass sich mit "Entangled" und "Mad Man Moon" gleich zwei der allerschönsten Genesis-Stücke überhaupt auf der nach dem "Lamb"-Wahnsinn veröffentlichten Platte "A Trick Of The Tail" befinden, die den damals noch nicht schnulzenverdächtigen Phil Collins als Vokalisten einführte. Die strenggenommen zweite Genesis-LP "Trespass" gilt gemeinhin als noch unausgereift, doch vieles von dem, was die Band in Zukunft ausmachen wird, ist in "Stagnation" und "Looking For Someone" schon angelegt. Auf "The Lamb Lies Down On Broadway" hören wir noch einmal das hypnotisierende (nicht: hypnotische) Himmelsklavier von "Broadway Melody Of 1974", in "The Musical Box" von "Nursery Cryme" die rührende "Play me my song/ Here it comes again"-Stelle und auf "Foxtrot" das gewaltige "Supper’s Ready". Über die im Buchformat beigelegten "Extra Tracks" sollen Gabrielogen richten. "Trespass" (7), "Nursery Cryme" (8), "Foxtrot" (10), "Selling England By The Pound" (10), "The Lamb Lies Down On Broadway" (10). Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)