Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Cowboy-Träume, Supermarkt-Königinnen, alternde Wrestler: Bruce Springsteens neues Album hat alles, was den "Boss" ausmacht, meint Jan Wigger und vergleicht Heinz Rudolf Kunze mit BAP. Andreas Borcholte ist mit Paul Weller einer Meinung: The Rifles sind ziemlich cool.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bruce Springsteen – "Working On A Dream"
(Columbia/SonyBMG, 23. Januar)

Erstaunlich früh ist er zurück: Bruce Springsteen, bester Live-Musiker des Planetens, nur echt mit E Street Band, Held der Arbeit, working for your love, working on the highway, working on a dream. Was zuerst auffällt: Anscheinend hat sich der Boss of it all diesmal bei der Cover-Gestaltung reinreden lassen. Von außen betrachtet sieht "Working On A Dream" jetzt aus wie die neue Chris de Burgh. Und von innen?

Ein Narr ist, wer von Springsteen noch immer Jahrzehnt-Alben wie "Darkness On The Edge Of Town" oder "Born To Run" erwartet. Setzen wir daher beim großartigen "Magic" (2007) an und fragen, ob Springsteen "Devil's Arcade" oder "Your Own Worst Enemy" übertreffen kann. Er kann, zumindest wenn man den ersten beiden Stücken traut, die wieder einmal die beste Bruce-LP seit "Tunnel Of Love" (1987) versprechen: Das achtminütige, lyrisch verdichtete "Outlaw Pete" ist ein Cowboy-Traum mit Kiss-Zitat, der auch Arcade Fire eingefallen sein könnte, und "My Lucky Day" reitet noch einmal auf den Schwingen des "Born To Run"-Giganten "Night".

Der Titelsong, nur mäßig beseelt, aber lässig, nimmt das Tempo raus, und das kitschige "Queen Of The Supermarket" ("As the evening sky turns blue/ A dream awaits in aisle number two") ist sicher nicht für Ehefrau Patti Scialfa bestimmt. "This Life" beginnt wie "At My Most Beautiful" von R.E.M, natürlich ein Liebeslied. Der gebellte Sumpf-Blues "Good Eye" teilt die dem im letzten Jahr verstorbenen Danny Federici gewidmete Platte in zwei Hälften, es folgen das leichtgängige "Tomorrow Never Knows", textliche Belanglosigkeiten, das karge "The Last Carnival" und ganz zum Schluss "The Wrestler": das Lied, das Mickey Rourke in Darren Aronofskys fabelhaftem Film in die Ewigkeit begleitet. "Have you ever seen a one legged man tryin' to dance his way free/ If you've ever seen a one legged man than you've seen me." Schön, dass wir noch einmal dabei sein durften. (7) Jan Wigger

Glasvegas – "Glasvegas"
(Columbia/SonyBMG, 30. Januar)

Die Band mit dem gravierenden schottischen Akzent und dem gewaltigem Pathos. Die Band, bei der die Frau endlich einmal nicht Bass, sondern Schlagzeug spielt. Die Band, dessen Sänger James Allan trotz später Geburt mit allen wichtigen Billy-Bragg-Alben vertraut sein dürfte, und nicht zuletzt die Band, über die in etwa drei Jahren so gelästert werden wird wie heute über Coldplay. Zuallererst aber sind Glasvegas brillante Diebe: Durch das stille "Stabbed" zieht sich Beethovens Mondscheinsonate, durch das ganze Album die Nachklänge von Ride, Oasis, My Bloody Valentine, The Jesus & Mary Chain und anderen Titanen des weißen Gitarren-Rauschens.

"Daddy's Gone", ein enttäuschter, anklagender Brief an den Vater, klingt schon jetzt wie ein Klassiker, "It's My Own Cheating Heart That Makes Me Cry" rührt auch das eigene Herz. Immer wieder drängt es dieses Quartett zum Feierlichen, zu Hymnen wie "Flowers & Football Tops" und "Polmont On My Mind". Wer das nicht mag, bleibt außen vor. Oft bemühte, aber in diesem Falle wahre Empfehlung: Hören Sie diese Platte so laut wie möglich. There's no other way. (7) Jan Wigger

The Rifles – Great Escape
(ADA Global/Rough Trade, 30. Januar)

Wenn Paul Weller, Vater aller Mods, seine schützende Hand über diese vier Jungs aus Walthamstow hält, dann muss etwas an ihnen dran sein. Gerüchten zufolge hat Stilgott Weller nicht nur die Frisuren der Rilfles gelobt, sondern auch deren Songs. Das allerdings verwundert nicht, denn schon mit ihrem Debütalbum "No Love Lost" zeigten die Burschen aus dem Londoner Vorort, dass sie viel bei The Jam und ihren zahlreichen Epigonen gelernt haben. Das ungestüme erste Album wurde von drei Akkorden, Sturm und viel Drang dominiert, bei der zweiten Platte schleichen sich nun erstmals ein paar ruhigere Töne ein.

Schön zu hören ist das beim von den Beatles infizierten "For The Meantime", bei dem auch gleich ein Mellotron zum Einsatz, wie einst in den Erdbeerfeldern. Aber auch an anderer Stelle kommen plötzlich Melodien zum Vorschein, wo vorher rüpelndes Rumpeln regierte. Vielleicht war es eine gute Entscheidung, sich zwecks Songwriting auf einen Bauernhof bei Norfolk zurückzuziehen. Denn mit viel Gelassenheit schütteln die Rifles auf "Great Escape" ein paar der besten Gitarrenpopsongs des noch jungen Jahres aus dem Ärmel: das an Weezer erinnernde "Sometimes", das mit Streichern aufgemöbelte Titelstück und das von fröhlichem Afro-Geklimper begleitete "Winter Calls". Hier ruft eher die ganz große Karriere. (7) Andreas Borcholte

Fennesz – "Black Sea"
(Touch/Cargo, 30. Januar)

Auch wenn man weiß, dass der Österreicher Christian Fennesz bereits mit Ryuichi Sakamoto zusammengearbeitet hat und den himmlischen David Sylvian auf seiner letzten LP "Venice" singen ließ, kennt man nur einen kleinen Teil des großen, dunklen Puzzles. Fennesz ist ein Meister der Aneignung, ein Freund des Abstrakten und scheinbar auch auf der Suche nach so etwas wie dem ultimativen Klang. Mit zitterndem Ambient, halbakustischer Schwermut und einem sonderbaren Knarzen und Schaben ist Fennesz mit "Black Sea" erneut eine herausragende Platte gelungen. Wie von Geisterhand werden Klangflächen auf- und nebeneinander geschoben, verbinden sich analoges und digitales Instrumentarium in Tracks wie "Perfume For Winter" oder "Glass Ceiling" zu etwas Neuem, noch Ungehörten. So herrlich, dass es jemand mal Edgar Froese von Tangerine Dream vorspielen sollte. (8) Jan Wigger

Heinz Rudolf Kunze – "Protest"
(Ariola/SonyBMG, 30. Januar)

Wenn im Infoschreiben zur CD steht, dass ein Künstler "in seinen Songtexten deutlich Stellung bezieht", kann man die Platte meist vergessen. Nun geht es hier aber um Heinz Rudolf Kunze, der vor zwei Jahren mit "Klare Verhältnisse" und sensiblen Liedern wie "Überlegungen einer reifen Frau" zumindest teilweise zur Form der frühen Achtziger zurückfand. Viel lieber als über die zwar alten, jedoch großartigen Kamellen redet der deutsche Dichter und berüchtigte Denker aber über seine jüngeren Arbeiten. Und ja, ein paar Sachen auf "Protest" sind dann auch wirklich hübsch geworden: "Frei zu sein" etwa, "Regen in meinem Gesicht" und das abschließende, feinnervige "Elixier".

Musikalisch ist "Protest" nur bedingt interessant: Beginnt "Längere Tage" noch wie ein Stück der späten Blumfeld (sorry, Jochen!), ist "Dagegen" eine grässlich misslungene Annäherung an Helmet. Auch die Freuden der Zweisamkeit hat Heinz selten so banal besungen wie in "Einmal noch und immer wieder": "Ich lieg in deinen Händen/ Du liegst in meinem Schoß/ So möchte ich einst enden/ Das wäre gut und groß." Schlimmer noch wird es, wenn Kunze in "Sie geht vorbei" den Verlust der Liebe beschreibt: "Meine Wehmut riecht nach Fisch/ Ich bin endgültig vom Tisch/ Ich war ihr goldener Retriever/ Jetzt steht sie mehr auf Mops." Oder: "Sie geht vorbei/ Und wiegt sich in den Hüften/ Sie geht vorbei/ Und jede Brust macht 'Hops'." Die letzte BAP war besser. (4) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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