Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
The xx - "The xx"
(Young Turks/XL/Beggars/Indigo, 14. August)
Falls sie noch gar nichts von The xx gehört haben sollten, könnte das daran liegen, dass man diesen Bandnamen immer nur geflüstert bekommt. Als Schlemihl aus der Sesamstraße das letzte Mal hier aufkreuzte, brachte er nicht nur die CD vorbei, sondern auch ein Bandfoto, das den Betrachter erschaudern ließ: Nie im Leben haben diese vier Kinder das Album "The xx" erdacht und eingespielt! Ganz im Gegensatz zu Gruppen, die exakt so aussehen wie ihre Musik klingt (Telekinesis, The Rasmus) lässt nichts an Romey Madley Croft, Oliver Sim, Baria Qureshi und Jamie Smith (alle 19 und aus London) auf die spindeldürr instrumentierten, brillant unterkühlten Lieder "Crystalised", "Night Time" und "Basic Space" schließen.
Hier treffen R&B, verhallter Soul, Young Marble Giants, Aaliyah und die minimalistischsten Momente des Cure-Meisterwerks "Faith" so seltsam aufeinander wie kaum zuvor. Die Plattenfirma spricht vom Debüt des Jahres. Wir verweisen abermals auf "Lovetune For Vacuum" von Soap&Skin und raunen: Close, but no cigar. (8) Jan Wigger
Zoot Woman - "Things Are What They Used To Be"
(Snowhite/Universal, 21. August)
Schon erstaunlich, was für ein Kult sich um diese Band rankt, nur weil sie seit sechs Jahren kein neues Album veröffentlicht hat. Dabei ist doch, siehe LP-Titel, alles beim Alten geblieben, was die vielleicht schönste Ironie bei der ganzen Geschichte ist, die sich Zoot-Woman-Anführer Stuart Price sowie die Brüder Johnny und Adam Blake für ihr kleines Comeback ausgedacht haben. Denn wer jetzt, wie der unbekannte Verfasser des Plattenfirmen-Infos, davon faselt, dass das Achtziger-Revival, in dem wir tiefer denn je stecken, vorbei sei und gleichzeitig behauptet, für Prices frühe Karriere als Les Rythmes Digitales interessierten sich heute nur noch Pophistoriker, der wird nie irgendwelche Einschläge merken. Fakt ist: Les Rythmes Digitales war für die erste große Welle europäischer Elektropop-Platten Anfang 2000 ebenso verantwortlich wie Daft Punk.
Zoot Woman nahmen die Hysterie über den Hedonismus und Synthie-Pop der Achtziger mit ihrem Debüt "Living In A Magazine" und dem schwächeren zweiten Album einfach mal kurz vorweg und ebneten dem Trend damit überhaupt erst den Weg. Price betreute, mixte und produzierte daraufhin einige der wichtigeren Pop-Acts (Britney Spears, Madonna) und kehrt nun mit Siegerlächeln und einem funkelnden Pop-Album wieder zurück zu eigenen Veröffentlichungen. Vor allem die erste Hälfte des Albums hat viele Höhepunkte: "Just A Friend Of Mine", "Lonely By Your Side", "More Than Ever" und "Saturation" führen die Melancholie des Eighties-Pop mit modernster Elektro-Geräuschkulisse zusammen und verströmen dieses kuschelige, nostalgische Sehnen, in dem man sich sofort wie zu Hause fühlt. Kein Wunder: Alles ganz schön, aber alles wie gehabt. Würde man all jenen, die jetzt über Zoot Womans Innovationskraft jubeln, mal eine New-Order-Platte vorspielen, gäbe das wahrscheinlich ein großes Hallo. (6) Andreas Borcholte
Fruit Bats - "The Ruminant Band"
(SubPop/Cargo, 7. August)
Der Titel der vierten Fruit-Bats-Platte "The Ruminant Band" ist nur so lange ungelenk, bis man das Wort "ruminant" nachschlägt: "grübelnd", "nachdenklich", "wiederkäuend", all das passt zur gefühlstiefen, zuweilen etwas harmlosen Gruppe, die allem menschlichen Ermessen nach nur aus den Vereinigten Staaten kommen kann. Schon am ebenfalls im Hochsommer erschienenen "Spelled In Bones" kam kein West Coast-Experte vorbei, der einmal "Canyon Girl" oder "Lives Of Crime" gehört hatte. Und nun, mit "The Ruminant Band", haben die Fledermäuse endgültig eine Gegenwartssprache gefunden. Funkelndes Beispiel: "Being On Our Own" mit Sam Wagsters Pedal Steel und den schönen Zeilen "And you'll come back as a soil/ Before you come back as a soul." Geschichte mit Bart am Schluss: Schon oft wollten wir Freunden der Fruit Bats, der Shins, Rogue Wave und Band Of Horses von "Grievous Angel", "Third/Sister Lovers" oder "Tusk" erzählen. Wenig überraschend: Das Interesse war stets gleich null. (7) Jan Wigger
The Temper Trap - "Conditions"
(Infectious/PIAS, 7. August)
Hand aufs Herz: Wer von uns hat sich nicht mit allen Fasern seines Seins nach einer Platte gesehnt, die endlich einmal mit einem Song endet, auf dem dreieinhalb Minuten lang nur getrommelt wird? Der "Drum Song" heißt und einfach nur zeigen möchte, wie unendlich geil es ist, zu trommeln? Ein solches Ende kommt überraschend, denn alles, was die australische Band The Temper Trap davor so veranstaltet, ist phasenweise derart kalkuliert, billig und abgeschmackt ("Fader"), dass es kein Wunder ist, wie gut dieser strategisch entwickelte und schon jetzt superfett produzierte Hybrid aus U2, Keane und Roachford in der Heimat verkauft (und in Kürze auch hier verkaufen wird). Angeführt werden The Temper Trap von Dougy Mandagi, einer sogenannten "Ausnahmestimme" (Hörzu, Brigitte.de), die im durchaus respektablen "Soldier On" klingt wie Jeff Buckleys falscher Bruder beim Versuch, eine B-Seite von Coldplay einzusingen. Jedes Riff, jeder Break, jeder Gitarrenseufzer ist bekannt, jedes Hauchen heuchelt Soul, jedes "Uuuuh, Baby", jedes "Ooooh-ooooh" will sagen: Komm mit uns ins Land der Leere. Wer eine Ahnung von der Zukunft haben möchte, bezahlt den Jungs hier ihr nächstes Mittagessen. (4) Jan Wigger
Mathieu Boogaerts - "I Love You"
(LePop Musik/GrooveAttack, bereits erschienen)
Schon wieder ein Album, das "I Love You" heißt (siehe Abgehört von letzter Woche), es scheint ja wahnsinnig viel Liebe in der Luft zu liegen in diesem Sommer. Den französischen Musiker Mathieu Boogaerts könnte man nun zwecks passender Überleitung zum einen wahnsinnig nennen und zum anderen als verliebt bezeichnen, und zwar in sein Schlagzeug. Das nämlich, nicht Gitarre oder Klavier, diente ihm als Basis-Instrument bei der Komposition seiner neuen Songs, die schon allein deswegen sehr rhythmusgetrieben sind. Boogaerts, der schon seit Mitte der Neunziger aktiv ist und zuletzt ein eher introspektives Album namens "Michel" veröffentlichte, setzt mit "I Love You", beherzt an, Genregrenzen einzureißen. Das klingt mal nach Chanson, der mit Funk gekreuzt wurde ("All I Wanna Do"), mal nach Afrobeat und Elektroclash, mal spröde und sperrig wie in dem wortakrobatischen "Chaque Fois", wo man im Stakkato des englisch-französischen Wortbreis, den Boogaerts zur Kunstform erhoben, auch die Zeile "Fuck Jacques Dutronc" auszumachen glaubt. So tritt er dem alt gewordenen Chansonnier, selbst ein Rebell zu seiner Zeit, elegant gegen das Schienbein und setzt sich von allzuviel Tradition ab. Very funky, très charmant. (6) Andreas Borcholte
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)