Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die schiere Unmöglichkeit einer Platte wie "Hospice" von The Antlers reißt Jan Wigger zu Lobeshymnen und wilden Assoziationen hin. Andreas Borcholte geht mit Portishead-Kopf Geoff Barrow und Beak> auf Zugfahrt durchs triste Bristol. Außerdem Neues von Daniel Johnston, Max Richter und Matias Aguayo.
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The Antlers - "Hospice"
(Frenchkiss/K7/Alive, 23. Oktober)

Aus jedem Bild spricht die Erinnerung. Denn klappt man das neue Antlers-Album "Hospice" auf, sieht man den Tisch, den Stuhl, das Zimmer, das urplötzlich Leonard Cohens berühmtes "Songs From A Room"-Foto ins Gedächtnis ruft. Aber wo ist Marianne Jensen, wo das Schachbrett? Die zweite Schwarzweißabbildung: Eine Krankenhausstation. Zehn Betten sind zu sehen, ein kleines Kind und ein distinguierter junger Mann warten darauf, dass die Zeit vergeht. Metallicas Kurzfilm "One", Thomas Manns "Zauberberg", Thomas Bernhards "Die Kälte" - und das Album heißt "Hospice" (dt.: Hospiz). Sänger und Gitarrist Peter Silberman erzählt hier die Geschichte einer Krankenschwester im Sterbetrakt, die ein junges, an Knochenkrebs dahinsiechendes Mädchen langsam an die Ewigkeit verliert. "Sylvia, get your head out of the oven/ Go back to screaming and cursing/ Remind me again how everyone betrayed you." Unmöglich, dabei nicht an Sylvia Plath, nicht an Arcade Fires "Funeral" zu denken, wiewohl der "Epilogue" doch eher auf Jeff Buckley, das schlagartig eruptierende "Sylvia" auf eine allgemeinverträgliche Variante von Animal Collective verweist. "I'd happily take those bullets inside you/ And put them inside of myself." In der generellen Unmöglichkeit dieses Unterfangens liegt die große Tragik einer bitteren, aber berückenden Platte. (8) Jan Wigger

Beak> - "Beak>"
(Invada Records/Cargo, 23. Oktober)

Revolutionäre Musik braucht manchmal Jahre, um zu reifen. Deshalb haben Portishead auch erst drei Alben in 15 Jahren Bandgeschichte herausgebracht, zuletzt das unheimlich bewegende "Third". Ab und zu reichen aber auch 12 Tage, um Großes zu erschaffen, zumindest wenn man Geoff Barrow heißt und das perfektionistisch veranlagte Gehirn von Portishead ist. Zusammen mit Billy Fuller und Matt Williams hat sich Barrow auferlegt, einfach mal locker zu lassen, nicht über jedem Beat, jeder musikalischen Reverenz, jedem Klong, Ping und Klack zu brüten, bis wieder Monate ins Land gegangen sind. Ergebnis ist das Nebenprojekt "Beak>", Man könnte also salopp formulieren, dass Barrow zur Abwechslung mal Musik macht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Auch wenn es kaum Gesang in dieser faszinierenden Musik gibt, die zwischen Ambient, Elektrobeat, Mathrock, Krautrock und Jazz hin- und herwogt, fast immer gestützt und auf der Spur gehalten von einem treibenden, trockenen Beat, einer Art Metronomschlag, auf dem sich ganze Klangwelten aufbauen. Jeglicher Versuch, näher zu beschreiben, wie sich "Beak>" anhört, muss an der Sprachlosigkeit scheitern, die dieses Album auch nach mehrmaligem Hören hinterlässt. Ähnlich wie bei Portishead geht es um die Erschaffung eines melancholisch-meditativen Erlebnisraums, doch die Welt von Beak> ist, vielleicht der hurtigen Produktionsmethode geschuldet, schroffer und unmittelbarer. Stücke wie "Backwell", "Pill" oder "Blagdon Lake" entführen in düstere Kanalsysteme unter postapokalyptischen Städten und erzeugen Spannung mit geisterhaft knarrenden Gitarren, die aus dem Klanggewaber auf- und abtauchen. In ruhigeren Momenten, etwa im sphärischen "Battery Point" stellt man sich eine Zugfahrt durch herbstliche Landschaften Englands vor, das farbenfrohe Laubidyll immer wieder durchbrochen von grauen Industriebrachen. Wenn "Beak>" ein erster Hinweis auf die Evolution von Portishead sein sollte, können wir uns auf einiges gefasst machen. Tristesse in neuer Dimension. (8) Andreas Borcholte

Daniel Johnston - "Is And Always Was"
(Feraltone/Cargo, 30. Oktober)

Er ist die lebende Antithese zu Marius Müller-Westernhagens "Es geht mir gut", wohnt wieder im Keller seiner Eltern und schreibt immer noch Songs, die dir das Herz ausquetschen. Daniel Johnston, 48, hat es zu großem Ruhm auf dem Papier gebracht, die Stichworte "Kurt Cobain", "MTV", "manische Depression", "Astroworld" und "Kleinflugzeug" nahmen in Jeff Feuerzeigs prächtiger Kino-Dokumentation "The Devil And Daniel Johnston" neue Gestalt an. Auf "Is And Always Was" spielt Johnston nun mehr als jemals zuvor mit den Geistern der Geschichte: "Without You" ist George Harrison in der Spätphase, für "Freedom" nutzt das splittrige Genie den Refrain von Neil Diamonds "Sweet Caroline", und mehr Pop als im grandiosen "High Horse" hat Johnston sich bisher nur selten erlaubt. "Say hello at my funeral/ I'll be right there on time." The devil and God are raging inside him. (7) Jan Wigger

Max Richter - "Memoryhouse"
(Fat Cat/Rough Trade, 26. Oktober)

Wer seine Zeit für Opernglas- und Ohrensessel-Klassik noch nicht gekommen sieht, konnte sich in der Vergangenheit mit einer Busladung von moderneren Komponisten beschäftigen: Henryk Mikolaj Górecki, Steve Reich, Philip Glass, Michael Nyman und natürlich Max Richter (um nur einige zu nennen), dessen schönstes Album "The Blue Notebooks" einem noch fünf Jahre später die Schuhe auszieht. Noch davor, im Jahr 2002, erschien "Memoryhouse", das schnell vergriffen war und nun von Fat Cat Records wieder zugänglich gemacht wird. Richter war an Ari Folmans "Waltz With Bashir" beteiligt, er arbeitete mit Future Sound Of London, Roni Size und Vashti Bunyan, doch warum "Sarajevo" oder "November" eigentlich so zupacken und aufwühlen, war schon damals nicht zu klären. Weiterhören: "IBM 1401, A User's Manual" (Jóhann Jóhannsson) und Sylvain Chauveaus "The Black Book Of Capitalism". (7) Jan Wigger

Matias Aguayo - "Ay Ay Ay"
(Kompakt/Rough Trade, 30. Oktober)

Den deutsch-chilenischen Musiker Matias Aguayo bitte nicht mit Atlético Madrids argentinischem Fußballgott Kun Agüero verwechseln. Aguayo ist nicht nur Teil des Cómeme-Labels, sondern auch Mitveranstalter der Bumbumbox-Partys auf südamerikanischen Straßen und Plätzen. Zur letzten Kompakt-Compilation "Total 10" steuerte Aguayo mit "Walter Neff" den Track bei, der vieles, wenn nicht alles andere auf der Doppel-CD verblassen ließ. Seine zweite LP "Ay Ay Ay" ist ein ähnlich radikaler Akt wie Björks "Medulla", "Sung Tongs" von Animal Collective oder "Arular" (M.I.A). Wie in Trance erkundet Aguayo die Vergangenheit vieler elektronischer und tribalistischer Ausdrucksformen, nur um sie in 58:39 Minuten nonchalant für überholt zu erklären. Wer Elektronisches, das vor allem im afrikanischen und südamerikanischen Raum wurzelt, gänzlich scheut, wird in "Koro Koro" wieder nur "Graceland" hören. Alle anderen werden die seufzenden, surrenden, prasselnden Stimm-Samples auf "Ay Ay Ay" so schnell nicht mehr vergessen. (8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)