Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
The National - "High Violet"
(4AD/Beggars/Indigo, bereits erschienen)
"With my kid on my shoulders I try/ Not to hurt anybody I like/ But I don't have the drugs to sort it out", singt Matt Berninger in seinem bestürzenden neuen Song "Afraid Of Everyone", ein Testament der Angst vor der alltäglichen Überforderung - durch das Leben, die Verantwortung, den Druck, alles richtig machen zu müssen und doch nichts wirklich zu kapieren. Es geht mal wieder um die großen Fragen bei The National, die zwar seit zehn Jahren in Brooklyn leben, deren Musik aber noch immer ein Spektrum der Sehnsucht und Melancholie abdeckt, das nur angesichts der überwältigenden Weite und Ödnis von Ohio entstanden sein kann, der eigentlichen Heimat von Sänger/Songwriter Berninger, den Dessner- und den Devendorf-Brüdern. Mit dem Vorgänger-Album "Boxer" hat "High Violet" das Düstere, Brütende gemeinsam, ansonsten aber stellen die elf neuen Songs einen Entwicklungssprung dar, der die bisher hauptsächlich von Kritikern verehrte Band nun endgültig in den Indierock-Mainstream katapultieren wird: The National werden in den kommenden Monaten die Band sein, auf die sich alle einigen können. Und warum auch nicht? Über den ausgeklügelt treibenden Trommelwirbeln Bryan Devendorfs schweben schöne Moll-Streicher, schimmern gedämpfte Edge-Gitarren und Berningers im getragenen Bariton gesungene Melodien, die sich immer mehr einem puren Pop-Appeal annähern: "Anyone's Ghost", "Runaway", "Bloodbuzz Ohio", "Lemonworld" und das versöhnlich vierviertelgetaktete "Vanderlyle Crybaby Geeks" - alles unaufdringliche Hits für das Zwielicht am Sonntagmorgen. (9) Andreas Borcholte
Foals - "Total Life Forever"
(Transgressive/Warner, bereits erschienen)
Und noch so eine Band, die gerade die Indie-Massen über die Maßen begeistert. Foals, angeführt von ihrem schlafwandlerisch singenden Vordenker Yannis Philippakis, kommen aus Oxford und lösen sich langsam von ihren vertrackten, verschachtelten, präzise abgezirkelten Math-Rock-Rhythmen, die das Debütalbum "Antidotes" zu einer faszinierenden Angelegenheit machten. Trotz Nerd-Alarm wurden die Briten zu Lieblingen in der Alternative-Szene - und dürfen sich nun mit "Total Life Forever" einen baldigen Superstar-Status ausrechnen. Die Platte an sich wird dabei leider nicht unbedingt besser. Auch wenn langsam anschwellende Stücke wie "Spanish Sahara" die Magie des Erstlings auf konventionellere Weise entfalten, "Miami" wie ein wunderbar rückwärts gespieltes Lied von Heaven 17 klingt und der Titelsong "Total Life Forever" angenehm an die zappelige Club-Hymne "Cassius" erinnert - am Ende wirken viele der neuen Songs etwas zu verschlafen und entrückt, um der pulsierenden Wucht von "Antidotes" würdig nachzufolgen. Dass sie eigentlich genug Energie haben, zeigen sie unter anderem im wirbelstürmenden "After Glow". Ein eher schwieriges zweites Album also, auf dem es aber noch viel zu entdecken gibt. Man wird die Platte eh oft genug zu hören bekommen in diesem Sommer. (6) Andreas Borcholte
Broken Social Scene - "Forgiveness Rock Record"
(City Slang/ Universal, bereits erschienen)
Ein verstohlener Blick auf die Gästeliste kann in diesem Fall nicht schaden: Leslie Feist, Amy Millan und Evan Cranley (Stars), Emily Haines und Jimmy Shaw (Metric), Jason Collett, Sam Prekop (The Sea And Cake), John McEntire (Tortoise) und Jason Tait (The Weakerthans) sind am seltenen Ereignis einer neuen Broken-Social-Scene-LP direkt beteiligt. Kurz und knapp: "Forgiveness Rock Record" entkommt dem langen Schatten, den das im Jahr 2005 veröffentlichte "Broken Social Scene" bis heute wirft, auf beeindruckende Art und Weise. Vom funkensprühenden Einstieg "World Sick" bis zum sanften Verschwinden "Me And My Hand" liefern Broken Social Scene mit ihren neuen Songs Erinnerungsmaterial, das Kolosse zu Fall bringt und sich im Magnetfeld der Fremdbestimmungen stolz behauptet. Das Kanadische ist in überreizten Songs wie "Chase Scene" stets spürbar, auch von Traumfarben umschmeichelter Pop ("Texico Bitches") gelingt den Eklektikern aufs Schönste. Der gemächliche "Highway Slipper Jam" unterteilt die Platte in zwei Hälften, die Gitarrenriffs des vehementen "Meet Me In The Basement" hätten im vorletzten Jahrzehnt auch Motorpsycho einfallen können. Ein besonders klassisches Stück Indie-Rock haben Broken Social Scene "Water In Hell" genannt. Dig deep! (8) Jan Wigger
Angus & Julia Stone - "Down The Way"
(Flock Music/PIAS, bereits erschienen)
Manchmal sollte man statt den Alben, die man in Ehren hält, einfach nur ein paar einzelne Songs aus dem so heißgeliebten, belächelten, verachteten und tröstlichen Singer/Songwriter-Genre hören, um zu wissen, was man verlieren würde, hätte man diese Rettungsringe nicht: Vielleicht Loudon Wainwrights rührendes "The Picture", Scout Nibletts "Your Beat Kicks Back Like Death", Jackson Brownes "Here Come Those Tears Again" oder das erhebende "See The Sky About To Rain", der einzige beleuchtete Tunnel auf Neil Youngs "On The Beach". Die australischen Geschwister Angus & Julia Stone haben mit "Down The Way" ein Album aufgenommen, auf dem sie sich wie selbstverständlich bei oben genannten (und unzähligen anderen) Quellen bedienen und das möglicherweise nicht einmal wissen. Die Konstruktion von Songs wie "Draw Your Swords" beeindruckt ebenso wie Streicher-Arrangement und Zusammenschmelzen der Stimmen in "Big Jet Plane". Allerliebstes akustisches Gezirpe auch in "The Devil's Tears", dem Schlusspunkt von "Down The Way". Manchmal kriecht ewige Dunkelheit in die Welt der beiden Hippie-Kinder, doch die gehört da hin. Angus und Julia zeigen uns ihre Tränen. (7) Jan Wigger