Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
The Drums - "The Drums"
(Moshi Moshi/Cooperative Music/Universal, 4. Juni)
Es muss mit dem Freizeitverhalten passionierter Musik-Fraggles zu tun haben, dass die Gruppe The Drums aus Brooklyn in so kurzer Zeit schon so viel Ablehnung auf sich zog. Wohlan: Wer die Zeit hat, britische und amerikanische Musikfachblätter zu studieren und in Blogs auf entlarvende Fotos zu stoßen, in denen der Drums-Bassist glücklich und dumm seine neue Herrenhandtasche präsentiert (frei erfunden), der hat schon vor dem ersten Ton einen so dicken Hals wie George "Corpsegrinder" Fisher von Cannibal Corpse. Was ungünstig ist, wenn man die wahrlich umwerfende Drums-Musik noch ganz ohne Faust in der Tasche beurteilen will. Aber wer beachtet schon Modestrecken in Musikzeitschriften? Wer lässt sich freiwillig und bei vollem Bewusstsein einen goldenen Song wie "Book Of Stories" ("I thought that my life would get easier/ Instead it's getting harder") vom Haarschnitt des Sängers versauen? Die kleinteilige Musik der Drums wirkt wie dahingeworfen, manchmal denkt man an einen verlorengegangenen Runterbringer von Joy Division, erahnt dann C86, Beat Happening, die ersten drei Cure-Alben oder einfach nur den juvenilen Kitzel, der bei Jonathan Pierce und Jacob Graham schon dann entsteht, wenn man wie in "Best Friend" auf der Autohaube sitzend den besten Freund erwartet, der später versterben wird. Das Leichtgängige, Luftige, Unbesorgte, das The Drums gern mit einem geleierten oder gekieksten "Ahhhhh ahhhh ahhhhh ahhhhhh" (auch: "Ooooooooo Ooooooo Oooooooo!") zu strukturieren versuchen, ist nur Fassade: Schon zwischen den ersten Sonnenstrahlen lauert der Tod, schon im ersten, zögerlichen Herantasten ist das Ende nah. "It Will All End In Tears". Schön, wenn man noch weinen kann. (8) Jan Wigger
Band Of Horses - "Infinite Arms"
(Columbia/Sony, bereits erschienen)
Wer auch immer mit den Barclay-James-Harvest-Vergleichen angefangen haben sollte: Er kann seinen Vergleich ab sofort im Ikea-Småland abholen (oder einmal die beiden tollen ersten BJH-Platten "Barclay James Harvest" und "Once Again" aus den frühen siebziger Jahren auflegen). Davon abgesehen könnte man die tendenziell eher enttäuschten Rezensionen zu "Infinite Arms" mit der Tatsache erklären, dass diese hochbegabte Bart-Band zu SubPop-Zeiten einmal Songs wie "The Funeral", "Cigarettes, Wedding Bands" oder "No One's Gonna Love You" zu Papier gebracht hat und nun die letzte Ausfahrt Stadion nimmt, ohne dem treudoofen Indie-Publikum ein paar wehmütige letzte Grüße hinterher zu schicken. Das einst bestechende Songwriting dieser grandiosen Gammler ist zwar noch immer akkurat zu nennen, doch geht alles etwas zu leicht ins Ohr ("Infinite Arms") oder wird mit bedeutungsvoll jubilierenden Streichern in die Sumpflandschaften der späten Coldplay hineingezogen. Das gedämpfte "Evening Kitchen" und die um so lautere Crazy-Horse-Hommage "Laredo" aber bringen den alten Zauber zurück. Objektiv ein gutes Album, subjektiv zu geschliffen, um wie weiland zu berühren. (6) Jan Wigger
The Dead Weather - "Sea Of Cowards"
(Warner, bereits erschienen)
Man muss da gar nicht so viel Gewese machen: Das Schöne an Jack Whites Drittband The Dead Weather ist, dass sie die unauffälligste Supergroup ist, die gerade unterwegs ist. Nochmal zur Erinnerung: Im letzten Jahr meinte Jack, mit den White Stripes, den Raconteurs, den Gesangsversuchen seiner Ehefrau Karen Elson sowie diversen anderen Projekten noch nicht genug an der Hacke zu haben, und gründete mit Kills-Sängerin Alison Mosshart, Raconteurs-Bassist Jack Lawrence und Queens-Of-The-Stone-Age-Gitarrist Dean Fertita eine neue Band mit ihm selbst an den Drums. Das Debüt-Album "Horehound" warf sich mit Verve vor Led Zeppelin und anderen Bluesrock-Größen der Sechziger und Siebziger in den Schmutz, und genau da setzt "Sea Of Cowards" erneut an. Kaum ein Stück ist länger als dreieinhalb Minuten, fast immer gibt eine in bester Jon-Spencer-Manier verstörte Gitarre den Takt an; alles kratzt, jault und heult, als wären die Aufnahmen morgens um drei in einer alten Blockhütte im Mississippi-Delta entstanden, während draußen ein Hurricane tobte. Um den Blues geht es hier, aber eben um die psychedelisch erweiterte Variante, auf die Jimmy Page, Alvin Lee oder Blue Cheer einst abhoben. Mehr Zeitgeist-Verweigerung, mehr Konzentration auf das Feiern alter Helden, einfach so, aus Bock, geht kaum. Ein Narr, wer von einem aus purer Musikleidenschaft und Spielerei getriebenen Liebhaber-Projekt aktuelle Impulse erwartet. Interessant ist aber, wie Jack White an den Stellschrauben dreht, um einen noch kohärenteren, komprimierten Sound zu erreichen, wie er in Nummern wie "Hustle And Cuss" oder das geradezu poppige "The Difference Between Us" verquere Funk-Elemente einsickern lässt und dazu - teils selbst, teils über den Umweg Mosshart, herrlich sinnlose Texte aus dem Unterbewusstsein strömen lässt: "Knock on the door/ The door knock's back/ Joke never go no further than that/ Fire go back inside the match" ("Hustle And Cuss"). Don't touch him, he's a real live wire. (7) Andreas Borcholte
Cats On Fire - "Dealing In Antiques"
(Pyramid/Cargo, bereits erschienen)
Der Titel ihrer letzten LP "Our Temperance Movement" wird im Beipackzettel zu "Dealing In Antiques" auch im zweiten Anlauf wieder falsch geschrieben (zuletzt: "Our Temporary Movement"), was nicht zwingend damit zusammenhängen muss, dass die britischsten Finnen der letzten Dekade natürlich genau das sind, was in unseren Metal-Tagen Psychotic Waltz oder Crimson Glory waren: Die unterbewertetste Band zur Zeit. Auf leichten Schwingen eröffnet das noch sehr junge "Your Woman" diese weniger kuriose als vielmehr berückende Sammlung von kommenden "Classics & Collectibles", in denen jede höflich aus Felt-Songs entliehene Gitarrenfigur, jedes Stocken und jedes elegante Sich-Winden in der feinsilbrigen Stimme von Mattias Björkas Tränen der Rührung in den Augenwinkel treibt. Dass "Crooked Paper Clip" bis jetzt unveröffentlicht blieb und "My Friend In A Comfortable Chair" lediglich von einer sechs Jahre alten EP stammt, glaubt man nur ungern, die unverstärkte, digitale Single "The Hague" schien wohl zu wenig spektakulär, um potentielle Käufer echter Platten zu rekrutieren. 20 noble Bekenntnisse lang ziehen Cats On Fire vor, es nicht zu tun. Coyness is nice. (8) Jan Wigger