Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Alles geht vorbei, nur auf Bill Callahan ist Verlass: Der Songwriter mit dem Naturfimmel bleibt auch angesichts der Apokalypse entspannt, stellt Jan Wigger erleichtert fest und verdammt die Hype-Band The Naked And Famous in die Mittagspause. Andreas Borcholte verabschiedet sich von The Kills.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bill Callahan - "Apocalypse"
(Drag City/Rough Trade, 8. April)

"The real people went away." Ein Satz wie in Granit gehauen. Es sind dies die ersten Worte auf "Apocalypse", und Bill Callahan, einer der drei größten lebenden amerikanischen Songschreiber, spricht ihn gelassen aus, während er das Vieh durchs Tal treibt und über Endgültigkeiten sinniert: "But I'll find a better way, someday/ Leaving only me and my dreams/ My cattle and a resonator." Später wenden sich die Tiere gegen ihn, denn sie können naturgemäß nicht wissen, dass Callahan eine eigene Form der Americana erfunden hat, die er auf seiner letzten LP "Sometimes I Wish We Were An Eagle" auf beängstigende Art und Weise zur Vollendung trieb. Viel früher, unter dem Moniker Smog, war Callahan der "River Guard", der die Gefangenen beim Schwimmen beobachtete. Er hörte "Highway To Hell" auf einem "shitty little tape" ("37 Push Ups"), er erblickte existenziellen Schrecken in Form eines blutroten Vogels ("Blood Red Bird") und drohte einer alten Liebe: "I'm gonna be drunk/ So drunk/ At your wedding." Vom großen Zerstörer wurde Bill Callahan zum großen Anverwandler: Als Wüstling unter den Gelehrten (und Gelehrter unter den Wüstlingen) eignet Callahan sich alles an: Das brillante "Universal Applicant" swingt und lauert, Bill zischelt kurz, erkennt aber auch den Ernst der Lage: "I saw the calf/ I saw the beast/ I saw the buffalo and the colt/ Well I'm sure they all laughed at me." Bill Callahan hat Humor, er ist ein Komödiant des Grauens, der zwischen Tür und Angel den fröhlichen Niedergang besingt: "With the TV on mute/ I'm listening back to the tapes/ On the hotel bed/ My my my apocalypse." Störten auf "Woke On A Whaleheart" vor allem zu viele Instrumente die Andacht, ist in den sieben neuen Songs bereits jedes Gewicht davongeweht: Gitarre und Klavier tragen "One Fine Morning" und andere sprituelle Versenkungen, zuweilen wird gefiedelt. "If this is what it means to be free/ Then I'm free and I belong to the free/ And the free/ They belong to me." Ein Mantra, gemurmelt. (10) Jan Wigger

The Raveonettes - "Raven In The Grave"
(Rykodisc/Warner, 8. April)

Die Entwicklung kam in kleinen Schritten und scheint auf "Raven In The Grave" seinen Endpunkt erreicht zu haben: Sharin Foo und Sune Rose Wagner haben die Skelette ihrer Songs freigelegt und sie vom wieder in Mode gekommenen Hall und Gedröhne befreit. Entstanden ist ein dunkelfarbiges Album zwischen Alfred Hitchcocks "The Birds" (die gefährlich schwarze Vogelschar auf den Klettergerüsten des Spielplatzes!) und Christoph Daum ("Jede starre Taktik wird zu einem Grab!"). Dem Titel gemäß klingt vor allem "Apparitions" schon wie eine Geistererscheinung, wie von Sinnen haucht Sharin Foo "Let's get out of here/ I want you to come along", bevor sie Revanche an der Liebe nimmt und in den Sternennebel steuert. Erschütternd: Das Schlaflied "Summer Moon", in dem etwas vergeht, was erhaltenswert war: "Most of all I can't let go/ This perfect thing is dying." Die Zeit zerstört alles. (7) Jan Wigger

The Kills - "Blood Pressures"
(Domino/Goodtogo, bereits erschienen)

Um da mal gleich anzuknüpfen: Die Zeit zerstört tatsächlich vieles, aber bisher blieb der Sado-Maso-Retro-Blues von The Kills davon relativ unbeeindruckt. Doch damit ist nun auch Schluss. "Blood Pressures" hebt nicht so sehr den Blutdruck wie der Titel versprechen könnte, zeigt aber deutlich das Drängen in noch unbekannte neue Richtungen, in die Jamie Hince und Alison Mosshart aufbrechen wollen. Nur können sie sich eben noch nicht ganz vom bekannten Terrain lösen. So viel Orientierungslosigkeit ist neu im bisher doch recht übersichtlichen Spielraum der beiden Londoner, die in der Zeit seit dem letzten Album "Midnight Boom" vor allem durch Schlagzeilen (Jamie Hince ist der Boyfriend von Kate Moss) und Nebenprojekte (Alison Mosshart singt bei Dead Weather) aufgefallen ist. Zu viele neue Einflüsse können den Brei schnell verderben, und an einer gewissen Unausgegorenheit krankt dann auch "Blood Pressures", zum Beispiel, wenn Hince auf "Wild Charms" plötzlich zum (auch noch soften) Sänger wird oder sich für das ebenfalls balladeske "Baby Says" etwas zu offensichtlich beim "Gimme Shelter"-Riff der Stones bedient. Und Mosshart? Zeigt in "The Last Goodbye", dass sie eigentlich gerne mal Powerballaden singen möchte und gibt sich in "Satellite" oder "Future Starts Slow" so muskelprotzig, wie sie es bei Jack White gelernt hat. Bleiben die schönen, weil stilistisch sauberen und textlich abgründigen Momente des Albums: "Could be a nail in my coffin/ And I don't need another one" faucht Mosshart ganz femme fatale in "Nail In My Coffin", und in "Damned If She Do", dem besten Song des Albums, zelebriert sie erneut die schwarze Messe aus Sex, Verderben, Leid und Rachegelüsten, die The Kills zu dunklen Gegenpolen der White Stripes gemacht haben: "She comes alive when she's dying/ She comes alive when she's on her death bed". Im lässig dahinrollenden "DNA" geben sich die beiden noch ganz ungerührt: "We will not be moved by it", singen sie da drohend. Leider zu viel versprochen. (6) Andreas Borcholte

The Naked And Famous - "Passive Me, Aggressive You"
(Fiction/Universal, bereits erschienen)

Das Gewese um The Naked And Famous, deren Herkunftsort Neuseeland man bloß dann aufregend finden konnte, wenn man noch nie von den Chills oder The Clean gehört hat, ist nun schon ein paar Wochen her. Trotzdem sind es nach wie vor drei Personenkreise, die "Passive Me, Aggressive You" am dringendsten brauchen: 1. Kinder, die das zweite MGMT-Album nicht verstanden haben, aber noch einen alten Leuchtstab besitzen, den sie noch immer müde zu "Kids" (und nun eben zu "Punching In A Dream") schwenken. 2. Werber und deren Kinder, die "We Are The People" aus der Vodafone-Werbung kennen und schon einmal in einem Ford Mondeo gesessen haben. 3. Männliche Mittdreißiger mit umfangreicher iTunes-Sammlung ohne Crowded House, die sich einmal Jane Campions Film "The Piano" wegen der tollen Landschaftsaufnahmen ansehen mussten und nun "lieber mal was Fetziges from down under" hören möchten. Aber wollen wir diese Band gleich auf ihre Singles reduzieren? Auf "Passive Me, Aggressive You" gibt es eine Armada an Effekten, die vorsichtige Vermählung von My Bloody Valentine und ABBA und die entsetzliche Version eines Nine-Inch-Nails-Songs, den Trent Reznor hoffentlich noch nicht geschrieben hat ("Spank"). Für die Mittagspause. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)