Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Beastie Boys - "Hot Sauce Committee Part 2"
(Capitol/EMI, bereits erschienen)
Ach ja, lang ist's her: Vor genau 25 Jahren drang der Schlachtruf "You gotta fight for your right to party" aus so ziemlich jeder Schüler- und Studentenkneipe, heute grölen nur noch ein paar betrunkene Mittvierziger mit, wenn der ewige Gassenhauer der Beastie Boys erklingt. Und die Jüngeren lächeln milde. Auch Adam Yauch, Michael Diamond und Adam Horovitz sind ordentlich in die Jahre gekommen, deshalb heißt es jetzt, gleich zu Beginn des neuen Albums: "We got a party on the left/ A party on the right/ We gotta party for the motherfucking right to fight". Party und Partei, das ist im Englischen dasselbe - und ein schönes Wortspiel für das reimende Trio aus Brooklyn, um die Verhältnisse zu klären: Der Fight ist vorbei, jetzt gilt es, in den Niederungen der Ebene Boden gut zu machen: "Make some noise If you're with me!" Das siebte Album der Beastie Boys hätte eigentlich schon vor zwei Jahren erscheinen sollen, doch dann erkrankte Adam Yauch alias MCA an Krebs. Die Tour wurde abgesagt, die Veröffentlichung verschoben, letztlich ein komplett neues Album aufgenommen. Ob "Hot Sauce Comittee Part 1" je erscheinen wird? Die Überlegung ist so müßig wie sich darüber zu wundern, dass es eine Bengelbande wie die Beastie Boys überhaupt noch gibt. In dem - sehr amüsanten - halbstündigen Film , den MCA, Ad-Rock und Mike D. zum Album mitliefern, sind Seth Rogen, Elijah Wood und Danny McBride als junge Beasties zu sehen, wie sie bierspritzend und marodierend durch die Nachbarschaft ziehen - bis sie auf ihre Alter Egos aus der Zukunft treffen (Jack Black, Will Ferrell, John C. Reilly) und sich auf eine Old-School-Tanz-Competition einlassen. Old School, alte Schule, das waren die Beastie Boys tatsächlich schon damals, als Rap seine erste Mainstream-Blüte erlebte. Dazu zu stehen, das muss man lernen, und wie ein Aufbegehren gegen diesen Erkenntnisprozess klingt "Hot Sauce Committee Part 2": als wären 25 Jahre ein Witz. Mit modernen HipHop-Trends hat das alles natürlich nicht viel zu tun, auch wenn Rapper Nas und Elektrobeat-Newcomerin Santigold an zwei Stücken mitgewirkt haben. Alles an dieser Platte, vom Aufstampfer "Make Some Noise" über das funky dahingleitende "Nonstop Disco Powerpack", Albernheiten wie "Funky Donkey" und "Lee Majors Come Again" bis hin zu Beastie-Standard-Hooks wie "Ok" und "Say It" atmet den nostalgischen Geist von Brooklyns Straßenecken anno 1986. Mutige Soundexperimente wie "Hello Nasty"? Nüchterne 9/11-Respektsbekundungen wie "To The 5 Boroughs"? Vergessen. Selbst das notorische Polit-Engagement von MCA wird in einen Instrumental-Track ("Multilateral Nuclear Disarmament") verbannt. Fürs erste. Denn fürs erste, nach Altersschock, Krankheit etc., ging's wohl nur darum zu zeigen, dass die Lebenssäfte noch fließen und die Beastie-Soße noch scharf genug für ein rumpelndes, rockendes Rap-Album ist. Fair enough. (8) Andreas Borcholte
13 & God - "Own Your Ghost"
(Alien Transistor/Indigo, 13. Mai)
Was an "Own Your Ghost" wirklich überrascht, ist nicht die Tatsache, dass Markus Achers so unendlich traurige Stimme noch immer unser Herz in Stücke schneidet. Die eigentliche Sensation ist die beiläufige Selbstverständlichkeit, mit der sich The Notwist, diese Giganten des Melancholischen, die noch nie einen mittelmäßigen Song geschrieben haben, "It's Own Sun", "Beat On Us" oder das wundervolle "Armored Scarves" für ihr Projekt 13 & God mit der amerikanischen HipHop-Gruppe Themselves aufgespart haben. Die schnell gerappten Worte im Weilheimer Tüftler-Umfeld, die wohltemperierte Stimme Achers im ruhigen Meer aus Beats und Scratches - hier finden zwei Welten noch deutlich natürlicher zusammen als auf der ersten LP aus dem Jahre 2005. Die Themenkreise Altern, Tod und langsames Vergehen passen nur manchmal zur Musik, doch es quietscht und kratzt und schlingert zuweilen so verstörend, dass man schon ahnt, wohin die Reise geht: "You can't take the 'eat' out of death/ That spelling is fixed/ Sure as day on the skeleton sets both, are forever at your neck/ It's an eat on us." Abschied von gestern. (8) Jan Wigger
Smith Westerns - "Dye It Blonde"
(Domino/Goodtogo, bereits erschienen)
Würde auf einem dieser blöden Viking-Metal-Besäufnisse plötzlich der wiederauferstandene Quorthon ein einziges, todesverachtendes Bathory-Live-Konzert als Headliner geben, wären die meisten Methorn-Kinder wohl schon kurz vorher nach Hause gegangen. Auch im Independent Pop ist die Geschichtsvergessenheit von "Q"-Lesern und pudelhaarigen Trendfachkräften (Typische Unterhaltung: "Du besitzt also keine einzige Bob-Dylan-Platte, aber findest die sogenannten Wombats wichtiger als Simon & Garfunkel?" - "Ja! Was denkst du denn, Opa?!") evident: Lassen sie die Smith Westerns mal im Vorprogramm des Electric Light Orchestras auftreten - noch bevor Jeff Lynne auf die Bühne torkelt, haben alle unter 40 den Saal verlassen. Die Smith Westerns, deren furioses Debüt wir erst vor kurzem besprachen, haben es aufgegeben, ihren spukhaften Sunshine-Pop unter Bergen aus Lärm zu vergraben: Auf "Dye It Blonde" klingen sie plötzlich wie eine Kreuzung aus Jellyfish, optimistischem Bowie und Teenage Fanclub. Die Gitarren jubilieren, das Piano ist schon später Lennon, und "End Of The Night" und "Only One" werden nach Hause gedengelt wie zwei Stücke der psychedelischen Byrds. Gab es natürlich alles schon in besser, aber das muss den Kids ja niemand sagen. (7) Jan Wigger
Various Artists - "Analog Love In Digital Times"
(Clouds Hill Record Ltd., bereits erschienen)
Wenn man sehr schlecht in Mathe war und nicht weiß, wie man seine Musiksammlung auf eine Festplatte bekommt, hat man sicher auch Probleme, die vorbildlich verpackte Clouds-Hill-Vinylbox wieder ordnungsgerecht zusammenzuschnüren, wenn man die Platten einmal aus der Verpackung befreit hat. "Analog Love In Digital Times" ist die zweite Schellack-Box des honorigen Hamburger Studios Clouds Hill, das bereits Phantom Ghost besangen. In Sackleinen gewickelt und mit Kordeln befestigt, finden wir unter anderem Exklusives von Faust, Stella, The Ape, Wyatt Derbyngton, Michaela Meise, Scams, Scheerer und Stadtfischflex auf 12" und 7". Besonders die Beiträge von Wyatt Derbyngton und Faust zeigen auf ganz unterschiedliche Art und Weise, wie grundlegend die Methode der analogen Aufnahme dieses Studio definiert. Bei den Remixen des stoischen Efdemins und der beunruhigenden Bo Ningen tun sich neue Welten auf. Streng limitiert auf 200 Stück, immerhin hundert mehr als die erste Sammlung mit Phantom Ghost, Muff Potter oder 1000 Robota. (7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)