Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Wenn es um Morricones Filmmusik geht, wird selbst Star-Produzent Danger Mouse zum Mäuschen, staunt Andreas Borcholte über das schwelgende Soundtrack-Album "Rome" - und bescheinigt der neuen Rock-Hoffnung Mona eine kurze Halbwertszeit. Jan Wigger geht mit Kate Bush ins Gericht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Danger Mouse & Daniele Luppi present "Rome"
(Parlophone/EMI, bereits erschienen)

Wie gerne hätte wohl Brian Burton alias Danger Mouse einmal Mäuschen gespielt in den heiligen Hallen des Forum Music Village in Rom, wo Ennio Morricone seine legendären Soundtracks für Sergio Leones Western aufgenommen hat. Zusammen mit dem italienischen Komponisten Daniele Luppi, mit dem er bereits mehrere Projekte zusammen bestritten hatte, erfüllte sich der 1977 geborene Musiker genau diesen Traum - allerdings reiste er nicht als staunender Schüler dorthin, sondern als einer der weltweit gefragtesten Produzenten, der demnächst das neue U2-Album betreuen wird. Aber zuerst musste ein Kindheitstraum realisiert werden. Burton und Luppi gelang es, Orchestermusiker von einst zu versammeln, die Leone-Filme wie "Zwei glorreiche Halunken" oder "Spiel mir das Lied vom Tod" mit Morricones Musik zu unsterblichen Meisterwerken machten. "Rome", komplett per Hand eingespielt, also ohne Zuhilfenahme elektronischer Mittel, feiert die bedrohlich flüchtigen, von süßer Melancholie beschwerten Hymnen der sechziger und siebziger Jahre mit großer Inbrunst und gehörig Pathos. Auch Gesang gibt es auf dem Album, er wird bestritten von Jazzpop-Bestsellerin Norah Jones und Gitarren-Purist Jack White, die sich in der ungewohnten Sound-Umgebung wacker schlagen. Jones überzeugt vor allem mit rauher Stimme in der Ballade "Black", der ehemalige White-Stripes-Boss zeigt sich ebenfalls mit neuen Facetten im Popsong "Two Against One". Man kann gespaltener Meinung sein über dieses Liebhaberprojekt, das völlig aus jedem Zeitgeist herausfällt: Die einen mögen sagen, es sei zu flach und zu wenig extravagant für eine Hommage an Morricone, der selbst in seine schwülsten Kompositionen immer eine Schräge einbaut, an der jede Eindeutigkeit abrutscht; die anderen freuen sich vielleicht genau darüber: Endlich ein Spaghetti-Western-Soundtrack, der in einem Durchgang konsumierbar ist und dessen Flow nicht mit Irritationen durchbrochen wird. Nur eins ist klar: Nach diesem grandiosen Kitsch-Outing möchte man sehr gerne bei Burtons Aufnahmen mit U2 Mäuschen spielen. (7) Andreas Borcholte

Mona - "Mona"
(Island/Universal, bereits erschienen)

A propos U2: Diese schwer leidenden und in ihren dicken Lederjacken ordentlich schwitzenden Mucker aus Nashville werden landauf, landab bereits als neue Hoffnung des Rock'n'Roll gefeiert, als wenn man da nicht bereits jegliche Hoffnung fahren gelassen hätte. Die letzten, denen diese Last auferlegt wurde, waren die Kings of Leon, mit dessen Urschrei-Organ die Stimme des Mona-Sängers Nick Brown gerne verglichen wird. Aber man sieht ja, was all das Hoffnungs-Gerede aus den ebenfalls aus Tennesse stammenden , ehemals gefährlichen Rocker-Königen gemacht hat: zahme Kuschelrockradio-Knappen. Mona geben sich immerhin weitsichtig und bauen mit "Pavement" die Power-Ballade gleich auf dem Debüt-Album ein. Ansonsten rockt alles tatsächlich schön nach vorne, Regler auf und losbraten, das simuliert immer noch am besten den echten Rebellen-Spirit! "Cloak And Dagger", "Teenager", "Say You Will" pusten ordentlich Staub aus den Lautsprechern und könnten durch puren Ungestüm glatt darüber wegtäuschen, dass Mona - natürlich - auch nichts Neues zu bieten haben, außer einem gut gemachten Amalgam aus Achtziger-Jahre-Stadionrock und brachialem Indie-Lärm. Das kommt beim besten Stück der Platte besonders gut zur Geltung: "Shooting The Moon" fängt schön athmosphärisch wie "Bullet The Blue Sky" von U2 an und geht dann in einen geradeaus rockenden Stampfer über, bei dem die Newcomer wie die bösen Brüder von Bon Jovi wirken. Das gab es damals, in den Achtzigern, auch schon mal, da hießen die allerdings Skid Row. Noch jemandem bekannt? Nein? Aha. Das dazu. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. (5) Andreas Borcholte

Austra - "Feel It Break"
(Goodtogo/Domino, bereits erschienen)

Den besten, gewaltigsten, ja monumentalsten Song des Jahres 2011 haben jetzt schon Ja, Panik mit "DMD KIU LIDT" aufgenommen. Den enervierendsten, da von einer beinahe hirnrissigen Einfachheit (und Schönheit) getragenen, nun ja, "Ohrwurm", hat sich Katie Stelmanis, Songschreiberin und ehrfurchtgebietende Sirene der Band Austra mit "Lose it" ausgedacht. Weil das Infoschreiben Stelmanis' "intensive, kraftvolle Stimme" bejubelt, als seien Austra Cassandra Steen, wäre die CD beinahe im Müllcontainer gelandet. Gut, dass wir doch noch mal reingehört haben: Hochambitionierter, raffinierter Synthie-Pop, der mal ein diffuses Unwohlsein auslöst ("The Future"), mal so wirkt, als hätte man den Black Metal in Fever Rays Gesamtkonzept zugunsten einer in weiß gewandeten Schicksalssymphonie ausgetauscht. Dass Katie Mozart, Bach und Trent Reznor verehrt, schlägt sich in den Songs nur selten nieder: Hier ringt jemand zuvorderst mit sich selbst - und einer Armee von Synthesizern. (6) Jan Wigger

Kate Bush - "Director's Cut"
(Fish People/EMI, bereits erschienen)

Vielleicht könnte man den "Director's Cut" auch so zusammenfassen: Kate Bush ist eine Göttin, man muss alles besitzen, was sie jemals veröffentlicht hat, aber "The Sensual World" und "The Red Shoes" zählen doch recht eindeutig zu ihren schwächeren Alben. Nun hat die leicht zu kränkende Schamanin, die man sich stets so vorstellen sollte wie auf dem Cover von "The Dreaming", ein paar Songs von beiden Platten genommen und sie modifiziert. Das müde Klischee, nach dem eine Komposition vor allem durch die Wegnahme bestimmter Details bereichert wird, stimmt partiell auch hier: Kate Bush kommt uns näher als in manchem "Aerial"-Moment, sie vertieft die Erotik und andere nicht abreißende Gespräche, reduziert Hall und Echo, ändert einerseits gleich den Songtitel (das bestrickende "The Sensual World", in dem Kate einst furchtlos durch brennende Dornbüsche glitt wie eine kapriziöse Elevin, heisst nun "Flower Of The Mountain"), andererseits überhaupt nichts ("Moments Of Pleasure"). Keine gute Idee ist es, das bereits wie mehrere Jahrtausende alt klingende "Deeper Understanding" ausgerechnet mit einem ganz und gar unpassenden Vocoder aufzuhübschen. Dafür gibt es noch einmal die berühmten letzten Worte aus "Song Of Solomon": "Don't want your bullshit, yeah/ Just want your sexuality/ Don't want excuses, yeah/ Write me your poetry in motion/ Write it just for me, yeah/ And sign it with a kiss." Kate Bush hat uns tausend Träume weit eine Welt vorgegaukelt, von der wir immer wussten, dass es sie nicht gibt. Wir wollten belogen werden. (6) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)