Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche - DER SPIEGEL
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Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Woher kommt diese neue Sehnsucht nach den großen naturverbundenen Songwriter-Eremiten, fragt sich Andreas Borcholte angesichts des kargen weißen Souls von Bon Iver. Jan Wigger mag den verliebten Patrick Wolf nicht mehr ganz so gerne und geht lieber Haareschütteln mit Cults.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bon Iver - "Bon Iver"
(4AD/Beggars Group/Indigo, 17. Juni)

Gut, dass es drei Jahre gedauert hat, bis Justin Vernon nun den Nachfolger seines Debüts "For Emma, For Ever Ago" veröffentlicht. Gut deshalb, weil man dieses Monument eines ersten Albums lange sacken lassen musste - und weil man auch ein bisschen Angst hatte, der Einsiedler aus Wisconsin könnte sich mit zu schnell herausgehauenem Nachschub entzaubern. Diese Furcht war zum Glück unbegründet, auch wenn Vernon inzwischen vom großen Pop-Recycler Kanye West vereinnahmt wurde, widerlicherweise auf dem Soundtrack zu einem der "Twilight"-Schmonzetten auftauchte und auch von der großen Allgemeinheit schon als Heilsbringer gefeiert wird: Steht also zu befürchten, dass der geisterhafte weiße Soul Bon Ivers demnächst sogar im Dudelfunk zwischen Lady Gaga und Pietro Lombardi zu hören sein wird? Wobei man sich getrost die Frage stellen kann, welches Heil sich der Mainstream-Pophörer eigentlich von dieser kargen, recht hoffnungsfreien Musik erwartet? Ist die Vereinsamung trotz Pseudogemeinschaften wie Facebook schon so weit fortgeschritten, ist der Rückzugsdrang angesichts der Übersexualisierung - und -reizung im bunten Mahlstrom von Gaga, Bieber, DSDS und Topmodel schon so groß, dass wieder nach amerikanischen Einsiedlern gerufen wird, die vom beschaulichen Leben im Wald erzählen? Und wenn das so ist, warum ist Bill Callahan dann nicht erfolgreicher?

Justin Vernon hat darauf keine Antworten, er bleibt seiner unentzifferbaren Innerlichkeit treu. So ist auf seinem schlicht "Bon Iver" betitelten neuen Album wiederum nur zu erahnen, worüber genau der Songwriter mit dem heiseren Falsett in seinen fiebrig-ätherischen Liedern singt. Bon Iver, das ist eine Lautumformung von "bon hiver", mit dem sich Franzosen einen guten Winter wünschen. Und um den Winter, die Absenz von Wärme und Leben, um Eingefrorenheit und klirrende Kälte, aus der manchmal übernatürliche Klarheit entsteht, darum scheint es in dieser religiös anmutenden Musik, die diesmal nicht an einem Ort verhaftet ist wie beim Debüt, sondern sich dynamischer gibt, melodiöser, und auf die Reise geht: Jeder Song auf "Bon Iver" markiert einen mehr oder weniger realen Platz in der großen Weite Amerikas, die meisten finden sich in Vernons Heimatstaat Wisconsin ("Perth"), aber auch Washington ("Wash.") oder das 3000-Einwohner-Kaff Lisbon in Ohio werden mit obskuren Hymnen bedacht, letzteres ein knapp zweiminütiges Instrumental-Stück mit flächigen Synthies und einem atmosphärischem Zirpen, das an die letzten Hilferufe eines im All verloren Satelliten erinnern. "There's nothing to this sound", singt Vernon mit diesem längst zum Trademark erhobenen Autotune-Gesang, der bei ihm jedoch so zweckdienlich und passend erscheint, dass er die prätentiösen elektronischen Stimmverbiegungen populärer R'n'B-Künstler mit reiner Erhabenheit zu verspotten scheint - vor allem in "Beth Rest", dem etwas zu elegischen Schlusssong, für den sich Kanye West wahrscheinlich eine Hand abhackt hätte. Aber Vernon will uns hinters Licht führen: Der Sound ist nicht nichts, sondern alles in dieser Musik, die von der großen Vereinzelung und vom Geworfensein erzählt. Seine Stimme, mag sie noch so prägnant geworden sein in den letzten Jahren, in diesem andächtigen Orchester der Introspektion ist sie nur ein tröstliches Instrument unter vielen. (8) Andreas Borcholte

Patrick Wolf - "Lupercalia"
(Mercury/Universal, 17. Juni)

Wer den Schrecken eines langen, nächtlichen Spazierganges in der Kampfzone ("Wind In The Wires") bevorzugte, wird enttäuscht sein. Wer sich willenlos vom grandios konzipierten Science-Fiction-Bombast ("The Bachelor") einfangen ließ, wird trauern. Wer bloßen Eskapismus ("The Magic Position") schätzt, der könnte ihn hier vermissen. Patrick Wolf ist verliebt. Schön für ihn, aber warum erzählt er uns das? "I was lost until that night", "Only your love makes house a home", "Love knows no boundaries", "You come near, I see my future clear", "I turn out the light, we kiss goodnight", "That night you saved me with the kiss of life", so geht das Lied für Lied und endlos weiter, so rollt uns der Mann, der einmal "To The Lighthouse", "The Libertine" und "Magpie" schrieb, einen widerspruchsfreien, lebensgefährlichen Kitschteppich aus. Slippery when wet! Der erste Rausch einer neuen, gleichsam symbiotischen Tag-und-Nacht-Beziehung war selten gut für die Kunst, und würde Wolf in "The Days" oder "Time Of My Life" nicht deutlich origineller von den Mühen des Verlusts berichten, hätte man einen der vielversprechendsten Lyriker Englands bereits für vermisst erklären müssen. "Lupercalia" erzählt aber auch von Wolfs Rückkehr zum Ort seiner Kindheit, davon, wie London atmet, wie es einen eigenen, ewigen Song aus sich macht, wie es dich und deine Liebe auffressen kann ("I won't let this city destroy my love"). Wieso ausgerechnet Lady Gaga, deren eigene, aktuelle Platte ja eine einzige Blamage ist, den Faun aus Richmond jetzt ihren Fans empfiehlt, ist kein Geheimnis: In für den Mainstream gezähmten, geglätteten Stücken wie "House", "Time Of My Life" oder "The Falcons" erkennt die Frau mit dem Abendkleid aus Steaks sich selbst. Fanboy-Bonus inklusive: (7) Jan Wigger

Cults - "Cults"
(Columbia/Sony, bereits erschienen)

In einer dieser herrlichen Wochen, in denen ich nur noch Captain Beefheart, Pere Ubu und ausgewählte Power-Balladen der Gruppe Bad English hören konnte und mir Richard J. Lewis' Film "Barney's Version" in 134 Minuten exemplarisch das Leben an sich zusammenfasste, flog eines Morgens die Cults-CD durchs offene Küchenfenster. Madeline Folin und Brian Oblivion (Yeah, right!) haben zusammen sehr viele Haare und sind, wie Lucky Soul, The Pipettes oder Camera Obscura, nur zufällig mittels eines Wurmlochs in der heutigen Zeit gelandet. Die drei ersten Songs der Platte plus "Oh My God" sind todsichere Hits, besonders das ganz reizende "You Know What I Mean", in dem Folin so wehmütig die Stimme streckt, als sei sie Eva Marie Saint im Jahr 1954. "Cults" ist nicht nur ein fernes Echo der Musik von Phil Spector, den Supremes oder den Shangri-Las, sondern auch eine dieser Platten, die man aufgrund ihres eigenartigen, infernalischen Sounds, der alle elf Stücke durchzieht, immer und immer wieder hören muss. The world. The flesh. The devil. (7) Jan Wigger

Neil Young & The International Harvesters - "A Treasure"
(Reprise/Warner, bereits erschienen)

Alle Welt blickt zurück in die achtziger Jahre, auf der Suche nach recyclefähigem Material: Die Anti-Atomkraft-Bewegung, das Kino und die Popmusik schon länger, als uns lieb sein kann. Und nun auch noch Neil Young, der mit "A Treasure" einen vermeintlichen "Schatz" an Live-Aufnahmen hebt, die zwischen 1984 und 1985 entstanden sind und zum Teil nie veröffentlicht wurden. Nun muss man fairerweise sagen, dass der Retro-Trip in die Achtziger sich für den Kanadier nicht unbedingt aufdrängt, denn diese Dekade im Schaffen Youngs wird von Fans liebevoll das experimentelle, von weniger Wohlmeinenden gerne auch das vergurkte Jahrzehnt genannt: Auf "Trans" verstörte er mit Techno-Pop und exzessivem Synthesizer-Einsatz, auf "Everybody's Rockin'" zelebrierte er ziemlich nervenzerrend den guten alten Rockabilly - und mit "Old Ways", von Youngs damaliger Plattenfirma Geffen lange blockiert und 1985 endlich veröffentlicht, widmete er sich dem traditionellen Country. Mit "Landing On Water" und "Life" erschienen dann noch zwei Alben, die zu den erfolglosesten des Folkrock-Superstars der Sechziger und Siebziger gehören. 1988 wechselte Young dann wieder zu seinem früheren Label Reprise und fasste mit dem zynischen Jazz-Album "This Note's For You" langsam wieder Fuß. Doch zurück in die Mitte der Achtziger: Hintergrund für Youngs beherzten Country-Trip, den man bei Geffen entnervt als zu unkommerziell zurückwies, war Youngs Engagement für die darbenden Farmerfamilien mit den Benefiz-Open-Airs "Farm Aid". Mit den International Harvesters scharte er eine Reihe erlesener Country-Cracks um sich, darunter den Pedal-Steel-Gitarristen Ben Keith, den Pianisten Spooner Oldham und den Fiddler Rufus Thibodeaux. Gleich der erste Song, "Amber Jean", ist Youngs damals gerade geborener Tochter gewidmet; "Get Back To The Country" war zu jener Zeit Youngs musikalische Signatur. Vergurkt ist das alles nicht, im Gegenteil: Neil Youngs beeindruckendes Talent als Songwriter funkelt selbstredend auch im Country-Zusammenhang, letztlich ja ein Musikgenre, das ihn mindestens genauso stark beeinflusst hat wie der frühe Rock'n'Roll und der traditionelle Folk. Deutlich angegilbt (im Young-Zusammenhang müsste man eigentlich sagen: angerostet) ist diese beschauliche, nun nachhörbare Episode aus den Achtzigern natürlich dennoch. Eignet sich also nur für Komplettisten und Youngologen. Und für diese Fanatiker erscheint der Archiv-"Schatz" denn auch zusätzlich in einer opulent ausgestatteten Vinyl-Edition. (6) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)