Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Kellermensch - "Kellermensch"
(Vertigo/Universal, 24. Juni)
Weil ich noch nie einen Menschen getroffen habe, der Tag und Nacht und 168 Stunden die Woche so viel freie Zeit zur Verfügung hat wie ich selbst, ließ ich mir kürzlich das Nummer-eins-Album "Sterneneisen" der Rockgruppe In Extremo schicken. Ergebnis: Die mit Abstand schlimmste Musik, die ich jemals gehört habe, Tanzwut, Keilerkopf, The Great Kat, Polarkreis 18, Haudegen, Samsas Traum, Kärbholz, V8Wixxer, Die Kassierer, Johannes Oerding, Grober Knüppel, Laith Al-Deen und das zweite Glasvegas-Album inbegriffen. Auch der Bandname Kellermensch lässt Grausames vermuten, doch handelt es sich angeblich bloß um einen Verweis auf Dostojewskis Novelle "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch". Die Musik: Muskulöser, symphonischer, mal ins Feierlich-Theatralische, mal ins Destruktiv-Zerquälte fallender Total-Eclipse-Of-The-Heart-Rock aus Esbjerg, Dänemark - unter Blog-Lesern und Festival-Besuchern bereits ein alter Hut. "Army Ants" ist die wohl dreisteste Arcade-Fire-Kopie, die mir jemals untergekommen ist (aber: was für ein Hit!), "Nothing Left" eine etwas verträglichere Variante von Neurosis, die ja eine eigene Wissenschaft gemacht haben aus Kellermenschentum, Misantrophie und Selbstverachtung. Als etwas störend erweisen sich bloß die Screamo-Passagen ("Dead End"), die befürchten lassen, dass auch Menschen mit komischen Ohrringen zu den Kellermensch-Konzerten kommen werden. Diese schweren Dinger halt, die dazu führen, dass die Ohrläppchen in Kniehöhe hängen. (7) Jan Wigger
Wu Lyf - "Go Tell Fire To The Mountain"
(Lyf/Pias, bereits erschienen)
Es ist ja relativ leicht, in Großbritannien einen Pop-Hype zu erschaffen: Man tut einfach so, als sei man wahnsinnig politisch, gibt keinerlei Interviews, beleidigt stattdessen die Presse, verweigert sich einem normalen Business-Model und vermummt sich auf Fotos, so dass am Ende alles so weit im Unklaren bleibt, dass du nur der heißeste neue Shit sein kannst. Wu Lyf haben das verinnerlicht. Die Band, Wu Lyf steht für "World Unite! Lucifer Youth Foundation", kommt aus Manchester, besteht aus vier ziemlich ambitionierten weißen Jungs - und hat ihr Debüt-Album "Got Tell Fire To The Mountains" in Eigenregie herausgebracht. "To tell fire is to question, to bring fuel to the fires started by kids no longer blinded by spectacle glare. So go tell fire", heißt es im offiziellen Pamphlet zur Platte, was im Klartext bedeutet: Lasst mal schön die Finger von bösen kommerziellen Konkurrenten und kauft lieber unser Album. Das kann man bedenkenlos machen, denn die Musik zumindest erschließt sich gleich beim ersten Hören als zeitgemäßer Indierock mit hübsch perlender afrikanischer Gitarre und ungestümen Marschmusik-Getrommel - also irgendwas zwischen Vampire Weekend, Glasvegas und Kings of Leon. Die vielleicht überraschende letzte Referenz liegt deshalb nahe, weil Sänger Ellery Roberts über das gleiche heisere, fiebrig-atemlose Organ wie Caleb Followell verfügt, als dieser noch nicht zum Kuschelrocker degeneriert war. In den Texten wird man auf der Suche nach Agitation neben zahlreichen verrätselten Mountain-Metaphern schließlich fündig: In "Spitting Blood" geißelt Roberts den Konsumwahn und sorgt sich um den Nachwuchs; "Dollar is not your friend", heißt es in "Dirt", und aus "Heavy Pop" spricht die Sehnsucht, sich in einer Welt wieder wohl zu fühlen, die im Kapitalismus erkaltet ist. Das alles erfährt man aber erst, wenn man sich das Album tatsächlich kauft, denn im Booklet sind die Texte abgedruckt. Verließe man sich nur aufs Hören, wäre man verloren: Roberts krakeelt seine Songs so komplett unverständlich heraus, dass er genauso gut auf Spanisch oder Swahili singen könnte. Das kann man doof und arrogant finden. Oder künstlerisch wertvoll, mit viel gutem Willen sogar subversiv. Was bleibt? Clevere Selbstvermarktung, solides Album, Indiedisco-Ruhm garantiert. It's not your brain, it's just the flame. (7) Andreas Borcholte
Andreas Dorau - "Todesmelodien"
(Staatsakt/Rough Trade, bereits erschienen)
In Zeiten, in denen der daunenweiche Soft-Rock von Destroyer hilflos mit James Last verglichen wird und man in YouTube-Videos sehen kann, wie bei Portisheads "The Rip" (also dem ungefähr traurigsten Lied des letzten Jahrzehnts) ab dem zweiten Refrain wie wild mitgeklatscht wird, sollte man erst recht zwischen die Zeilen schauen. Andreas Doraus neue LP "Todesmelodien" ist gespenstisch, schlau, bitterböse und handelt zuweilen vom Sensenmann, der zwischen dem Dreh von Woody Allens "Deconstructing Harry" und dem eigenen Ableben noch etwas Zeit opfern konnte. Aber: "Größenwahn", "Stimmen in der Nacht" oder "Inkonsequenz" sind auch mindestens so erhebend wie die schönsten Pop-Songs, die uns der Künstler mit dem absurd nasalen Gesang in den achtziger und neunziger Jahren schenkte. Furchtlos schreibt Dorau über Altersheime wie andere übers Fremdgehen: "Im Altersheim gibt's viele Menschen/ Die haben miteinander nichts zu tun/ Doch eines eint sie alle/ Sie leben hier, um auszuruhen/ Ausruhen, ausruhen/ Man nennt es auch Entspannen/ Ausruhen, ausruhen/ Entspannen und zerstreun." Auf dem Cover: The man in the long black coat, J. D. Salingers "The Catcher In The Rye" (im Original) und eine Vinyl-Ausgabe von "Double Fantasy" - ein makaberer Verweis zu Mark David Chapman, der diese beiden Dinge bei sich trug, als er John Lennon ermordete. Noch so eine idealistische Existenz, die lachend in den Abgrund blickt. (7) Jan Wigger
Anmerkung der Redaktion: in einer früheren Version dieser Rezension wurde das Cover-Motiv von "Todesmelodien" irrtümlich mit dem Album "Songs Of L. And Hate" assoziiert. Wir haben den Text durch die nun korrekte Zuordnung zu Mark David Chapman korrigiert.
John Maus - "We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves"
(Southern/Cargo, 24. Juni)
Dass John Maus John Maus heißt, zuweilen so singt wie Scott Walker zwischen "Climate Of Hunter" und "Tilt", gleichzeitig aber nicht der vor kurzem verstorbene John Maus ist, der damals Teil der Walker Brothers war, ist wohl einer der größten unfreiwilligen Witze des US-amerikanischen Musikgeschäfts. Die Unergründlichkeit und Morbidität der falschen Brüder aber ist auch den Kompositionen des John Maus zu eigen, der bereits mit Ariel Pink und Animal Collective arbeitete. Maus legt falsche Fährten aus, verwischt alle Spuren, die ein Indiz darauf geben könnten, ob er eher Walker, eher Bowie, eher Paul Quinn oder sogar Lawrence von Felt sein könnte, dessen virtuos geleierten Songs trotz all der verhallten Hinweise auf Lou Reed und Bob Dylan heute ja auch so klingen, als hätte es ein eigenes Raum-Zeit-Kontinuum gegeben, das nur er bewohnte. In "Streetlight" und anderswo nutzt Maus den frühen Synthie-Pop von Cabaret Voltaire, der Bass im Gruselstück "Quantum Leap" müsste nach menschlichem Ermessen von Peter Hook gespielt worden sein. "Cop Killer" und "Head For The Country" sind wohliger Proto-Goth mit Kirchenglocken und prominentesten Synthesizer-Einsätzen. Und hätte man mir das wunderbare "...And The Rain", in dem man schon die Engel singen hört, als Freizeitaufnahme von Ian McCullochs jüngstem Bruder andrehen wollen: Ich hätte es wahrscheinlich geglaubt. (8) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)