Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Atlas Sound - "Parallax"
(4AD/Beggars Group/Indigo, 4. November)
Dinge verändern scheinbar ihre Position, wenn man den Blickwinkel verändert, so könnte man eine Parallaxe für Doofe wie den Autor dieser Zeilen beschreiben. Bradford Cox nimmt auf seinem neuen Solo-Album als Atlas Sound auch eine andere Position ein, eine, die ihn von seinem Hauptrojekt, der gefeierten Indie-Band Deerhunter abrückt. "Found money and fame/ But I found them really late/ So in my mansion I'd sit/ Waiting for it all to end", eröffnet er "The Shakes" - und tut so, als wäre er nicht 27, sondern ein alter, saturierter Gatsby oder ein Southern Gentleman, der auf der Veranda dem barmherzigen Ende entgegenbrütet. "When you're down/ You're always down", singt er mit erstaunlicher Nähe zu Bono in "Te Amo". Klassisch protodepressives Auf-die-Schuhe-Gestarre also, doch die große Kunst von Cox besteht darin, daraus große, atmende und sehr moderne Popmusik zu machen: Aus der Todessehnsucht entspringt ein Fluss - oder so ähnlich. Stilistisch setzt er sich keine Grenzen: Das Spektrum reicht von klassischem Gitarren-Twee-Pop wie "Mona Lisa", einem veritablen Pophit, über taumelnde Elektro-Sphären wie "Modern Acoustic Nightsongs" oder "Parallax", die gerne mal auf einem karibischen Beat aus der Casio-Dose dahinpuckern. "Is your love like a sunset chandelier", fragt Cox trunken in "Nightsongs", als hätte er gerade zu lange mit Brian Wilson am Strand gesessen und Sandburgen gebaut. Cox wünscht sich offenkundig, schon jetzt einer der großen Altersweisen des Pop zu sein, vielleicht ist er deshalb so umtriebig und veröffentlicht zurzeit geschätzte fünf Alben pro Monat unter seinen diversen Monikern. Das Coverfoto zu "Parallax" hat übrigens Mick Rock gemacht, einer, der schon Hendrix und Bowie zu Ikonen gemacht hat. Man könnte denken, Bradford Cox hat schon mal die richtige Position eingenommen. (8) Andreas Borcholte
Wild Flag - "Wild Flag"
(Wichita/PIAS/Rough Trade, 4. November)
Das Langweiligste, was sich über Wild Flag sagen lässt, ist sicher, dass man ganz genau weiß, wem diese Band unbedingt gefallen wird: Den vegan lebenden Lifestyle-Suffragetten, die Hole, Kim Deal und Team Dresch mögen und bei Tegan And Sara akkurates Songwriting vermuten. Aber auch den an Gender-Theorien und Poststrukturalismus geschulten, politisch korrekten Dampftheoretikern, in deren Beisein man keine versauten Witze erzählen, kein Album von K.I.Z. oder den Kassierern loben und keinen Big Mac essen darf. Andererseits sollte man sich beim Hören euphorisierender Stücke wie "Romance" oder "Endless Talk" auf keinen Fall daran stören lassen, wer sie denn eigentlich sonst so schätzen könnte. Hauptsache ist: Mit "Wild Flag" haben Mary Timony (Helium), Rebecca Cole (The Minders) und die beiden Sleater-Kinney-Göttinnen Carrie Brownstein und Janet Weiss eine Platte gemacht, die es (auf eine viel offenere, neugierigere Art) zumindest stellenweise mit "Dig Me Out" oder "The Hot Rock" aufnehmen kann. Man denke an Mary Weiss, Kate Pierson, Ari Up, Cherie Currie und an die erste Strophe des unnachahmlich quengeligen "Short Version": "Inside this stillness is a wave/ A force from which we won't be saved/ We shimmy in the light/ We shake it in the day/ But moonless nights seem to find us anyway/ We're future ghosts without a grave." The incredible shrinking girls! (7) Jan Wigger
Dillon - "This Silence Kills"
(Bpitch Control/Rough Trade, 11. November)
Die Luft wird dünner und dünner: Cäthes nerviges und dämlich Powerfrau-mäßig betiteltes Album "Ich muss gar nichts" wird zumindest von Umsonstzeitschriften (die den Metallica/Lou Reed-Scheißdreck "Lulu" vermutlich als "spannend" feiern) und kritiklosen Alleshörern wahrgenommen. Der nach wie vor stark verhaltensauffällige Mainzer Trainer-Clown Thomas Tuchel coacht noch immer, und auf der neuen Yann-Tiersen-CD "Skyline" klebt ein Sticker, auf dem "life-affirming" steht! Wer bitte hört sich freiwillig eine lebensbejahende Platte an? Rettung kommt in Form von Dillon, die wenigstens benennt, was sie fertigmacht, und auf dem außerordentlich gelungenen Cover von "This Silence Kills" wie Emma Suarez oder Meiko Kaji beredt ins Leere schaut. Man ahnt, was Dirk von Lowtzow und Thies Mynther (der "This Silence Kills" co-produzierte) in Dominique Dillon de Byington sahen: Den unbedingten Willen zur Kunst (dem immer auch die Wahrscheinlichkeit innewohnt, sich bis auf die Knochen zu blamieren) und das Wahrhaftige, Unperfekte, das jeden Moment damit droht, unbemerkt in sich selbst zusammenzufallen. Der Track "Tip Tapping" (liebreizend, irrlichternd) steht dabei stellvertretend für die Möglichkeiten, mit denen Dillon jongliert: Chanson, Vaudeville, minimaler Pop, leichtes Maunzen. What's not to like? (7) Jan Wigger
MGMT - "Late Night Tales"
(Late Night Tales/EMI, bereits erschienen)
Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich mir, nachdem ich das MGMT-Meisterwerk "Congratulations" nach und nach mitsprechen konnte, nur zwei Dinge wünschte: Erstens einen Teller Pilze, der mir exklusiv einen noch bescheuerteren Albumtitel als "You Can Tune a Piano, But You Can't Tuna Fish" (REO Speedwagon) einflüstern würde, zweitens eine von Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser persönlich zusammengestellte Kompilation von quirks und Merkwürdigkeiten, von versunkenen oder vergessenen Schätzen, mystizistischen Wendungen und ungeplanten Totalabstürzen. Et voilà: "Late Night Tales" ist die seltsam-schönste, tröstlichste und wichtigste Songsammlung verschiedener Interpreten, die ich in den letzten Jahren hören durfte: Nebst bekannten Stücken von Felt, Television Personalities, The Chills, The Velvet Underground und Julian Copes "Laughing Boy" (von der grandiosen "Fried"-LP), schenken MGMT uns auch wunderbar Verspultes von Disco Inferno, Mark Fry, Cheval Sombre und den gerade auch im Zuge der aktuellen Real-Estate-Rezeption interessanten The Wake. MGMT selbst covern "All We Ever Wanted Was Everything" von Bauhaus und befreien es endgültig vom Gruftgeruch. Man darf darauf hoffen, dass auf dem nächsten Studioalbum von MGMT endlich, endlich kein einziger "Hit" mehr drauf ist. (8) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)