Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche
Rihanna - "Talk That Talk"
(Def Jam/Universal, bereits erschienen)
Und weiter geht's in der großen Seifenoper, die der Pop schreibt. Letzte Woche widmeten wir uns den neuen Befindlichkeiten des Rappers Drake, heute wollen wir mal schauen, wie es Rihanna so geht. Ähnlich wie Drake nutzt die Barbie aus Barbados ihre Musik ja dazu, möglichst viel aus ihrem Leben zu erzählen (auch wenn sie ihre Texte nicht selbst schreibt, aber das ist ein anderes Pop-Phänomen). Da sie fleißig jedes Jahr ein neues Album veröffentlicht, und das schon seit 2005, da war sie gerade mal 18, bleibt man eigentlich immer up to date. So standen die letzten beiden Platten, "Rated R" und "Loud", mit ihren düsteren Themen ("Rude Boy", "Man Down") für die Verarbeitung ihrer unguten Beziehung zu Chris Brown, der sie 2009 heftig verprügelt haben soll. Hier knüpft auch Rihannas neue Single "We Found Love" an, die textlich eigentlich immer nur die Zeile "We Found Love in a hopeless place" wiederholt. Im zugehörigen Video aber wird die ganze Geschichte einer wilden Liebe, die in Drogen und Wahnsinn endet, nochmal erzählt, natürlich in ästhetischen Pseudo-Elendsbildern, in denen Rihanna auch noch sexy wirkt, wenn sie (bunte Bänder) auf den Gehweg kotzt. Die Musik dazu stammt von Star-DJ Calvin Harris, dem britischen David Guetta, und definiert den Sound, mit dem Rihanna aktuell die Charts erobern will - und wird: Der Pop-Trend geht Richtung Clubsounds der Neunziger, so erstaunt es kaum, dass "Talk That Talk" viele Elemente enthält, die an CeCe Peniston, Crystal Waters oder Robyn S. erinnern. Das Titelstück hingegen führt dank neuerlicher Kollaboration mit Jay-Z zurück zu Rihannas noch eher unschuldigen Anfängen mit "Umbrella". Seitdem hat sich jedoch viel getan: Recht explizit waren Rihannas Songs (und Outfits) immer schon, diesmal aber ist der Sex-Talk Programm: "Suck my cockiness and lick my persuasion" repetiert sie in "Cockiness (Love It)" mit kaum verhohlener Porno-Lingo, und im kurzen M.I.A.-Zitat "Birthday Cake" werden ziemlich versaute Anzüglichkeiten mit Nachtisch-Metaphern verrührt - leider nicht immer mit textlich sicherer Hand. Der Kummer ist also überwunden, Rihanna geht als gehärtetes Sex-Monster aus der ganzen Sache hervor - und lässt sich von zu vielen Produzenten zu viele Stile auf den leichtbekleideten Leib tackern. Denn während die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Schicksal bei Singer/Songwritern oder selbst bei R&B-Konkurrentinnen wie Beyoncé oder Mary J. Blige zu emotionaler Tiefe, sprich: seelenvoller Musik führt, herrscht bei Rihanna erschreckende Kälte vor, die präzise Statik eines am Reißbrett entworfenen Hit-Albums. Womit wir wieder bei der Seifenoper wären, die echte Gefühle ja auch nur simuliert. Wie es Rihanna hinter all dem Sex-Gepose und -Geprotze wirklich geht? Keine Ahnung. Man würde es gerne mal herausfinden. She can talk that talk, but she can't walk that walk. (4) Andreas Borcholte
Dan Mangan - "Oh Fortune"
(City Slang, bereits erschienen)
Schlimm ist, wenn vereinzelte Leser, die die Definition einer Kolumne nach Max Goldt wohl schon vor längerer Zeit wieder vergessen hatten, mich bedrängen: "Bitte schreiben Sie doch mehr über die Musik! Ich möchte nämlich so gerne die vierunddreißigste deutschsprachige Wilco-Besprechung lesen, in der es ausschließlich um die Mugge geht. Nein, selbst reinhören möchte ich nicht, wo denn auch, ich will darüber lesen, wie die Musik sich anhört, denn Sie sind der Herr Musikkritiker und wenn Sie etwas anderes als Musikkram zu sagen haben (oder wenn Sie etwas über sich selbst zu sagen haben), dann schreiben Sie bitte ein Buch!". Fast noch schlimmer ist, wenn ein neues Album von, sagen wir: Lambchop oder Bob Dylan fröhlich auf die Hälfte seines Inhalts reduziert wird: "Bitte hören Sie auf, die Texte zu zitieren! Sie (und die Jungs vom deutschen 'Rolling Stone') wollen damit nur Zeilen schinden und wissen doch selbst nicht, was da gesungen wird. Wenn Ihnen Textkram gefällt, dann lesen Sie bitte ein Buch!". Das Allerschlimmste aber machte Dan Mangan auf seiner letzten LP "Nice, Nice, Very Nice", indem er ohne sichtbare Ironie (ja, trotz des Plattencovers damals) das hochhausgrößte Männerklischee aller Melancho-Hipster und Katzenbesitzer bemühte: Die wartende Indie Queen. "Bus down to the local record store/ Buy something to make me like you more/ Indie queens and tatty east-side punks/ They are listening/ Always waiting/ Are you watching, are you?/ Are you watching or just waiting to see/ That your days are numbered?/ Cause my days are numbered too/ Are we cool now?/ Are we cool?" Meine Fresse. "Oh Fortune" immerhin ist your typical Bart'n Banjo record, mal etwas zu melancholisch, mal etwas zu gefühlig und zu festlich gehalten, doch mit ein paar sehr schönen Songs, von denen man leider genau weiß, welchen Patrick-Watson- und Mumford & Sons-Fans sie gefallen werden: "Post-War Blues", "Oh Fortune", "Regarding Death And Dying". Möge der Geist in Dan Mangans Herzen noch lange Feste feiern. (6) Jan Wigger
Bill Wells - "Lemondale"
(Domino/Goodtogo, 2. Dezember)
Heute, in der wohl miesesten Zeit, die es jemals für neue Musik gab, heißen die Bands ja eh alle Betontod, Luxuslärm, Kärbholz oder Vierkanttretlager. Doch irgendwann vor der Jahrtausendwende, als Stereolab, die High Llamas, The Aluminium Group und The Sea And Cake sich noch gegen die Beschissenheit der Dinge stemmten und Jens Dreiser von Hannover aus einsam um mehr Stil für die Menschheit rang, wäre Bill Wells die große Nummer gewesen. Wie Amazon pflichtschuldig informiert, arbeitete Wells bereits "mit den Pastels, Maher Shalal, Isobel Campbell, Barbara Morgenstern und Aidan Moffat" zusammen, und fein ist doch, dass an der Tokio-Platte "Lemondale" nun sogar Nikaido Kazumi und Saya von den wunderbaren Tenniscoats teilnahmen. Leider nicht The Free Design! Ein wahnsinnig geschmackvolles (manche würden sagen: geschmäcklerisches) Album, dass sie mit fast jedem Jazz- und Klassik-buff (und vielleicht sogar mit ihren Eltern) teilen dürfen, ohne dass es eine Tracht Prügel setzt. (7) Jan Wigger
Smashing Pumpkins - "Gish" + "Siamese Dream" (Deluxe Edition)
(Virgin/EMI, 2. Dezember)
Neben der Tatsache, dass Billy Corgan unter manchen Musikjournalisten als wortkarger und nur schwer verträglicher Quertreiber und Aufwiegler gilt, gibt es auch noch zwei weitere Eigenschaften, die den großen Sentimentalisten und hochnostalgischen Märchenonkel sympathisch machen: Er ist absoluter und vollkommen unironischer Kenner des Gesamtwerks von Rush und er verehrt Uli John Roth. Trotzdem gilt ausgerechnet die Musik der Smashing Pumpkins unter nicht wenigen Eingeweihten als schlecht gealtert. Ein Freund, der Musik kurioserweise oft danach bewertet, ob sie "heutzutage noch irgendwen interessiert", testete kürzlich "Siamese Dream" an einer Person, die die tatsächliche Veröffentlichung dieses Monsters damals nicht selbst miterleben durfte. Ergebnis: Die Probandin wusste den "Krach" nicht einmal ansatzweise einzuordnen, er gehöre wohl - aufgemerkt nun also! - "zu einer anderen Zeitrechnung". Wer aber kümmert sich schon um das Jahr, das wir schreiben, wenn er "Rocket", "Disarm", "Quiet" oder "Spaceboy" hören darf? Schon "Gish" war eine höchst seltsame Platte: Wo "Rhinoceros" beruhigte und das Herz bewegte, haute dir "Bury Me" mitleidlos den Schalter raus. Billy Corgan, dessen stets erinnerungsreiche Zeilen man nur selten sofort durchschaute, litt nebulös und unpräzise an der Zeit, den Veränderungen - und an sich selbst. "Siamese Dream" (dem mit "Mellon Collie And The Infinite Sadness" und "Adore" die beiden letzten Meisterwerke der Smashing Pumpkins folgen sollten) zählte auch im großartigen Musikjahr 1993 ("Exile In Guyville", "Spilt Milk", "Gentlemen", "Rid Of Me") zur Top 5, die Monde und Engel und Kinderfotos in Schwarz-Weiß hatten eine Menge zu tun mit Corgans Weltschmerz, seiner Traurigkeit, seinem in Schönheit gekleideten Zorn. Noch heute ist der kahle Mann aus Chicago ein Kind, und die drei, vier ersten LPs der Smashing Pumpkins sind am ehesten mit einem Film von Tetsuya Nakashima zu vergleichen: Grausam, stilisiert und wunderhübsch. Nun erscheinen "Gish" und "Siamese Dream" in der "Deluxe Edition": Liner notes, Track-by-Track-Kommentare, Collagen und Postkarten, Demos, Mixe, Live-Konzert. Here is no why. "Gish" (8), "Siamese Dream" (9). Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)