Abgenickt Gewalt macht das Spiel
The Roots: "Game Theory"
(Def Jam/Universal)
Das Album heißt "Game Theory", wie immer haben die Roots eine Agenda. Das Spiel, dessen Regeln hier erklärt werden, nennt sich soziale Ungerechtigkeit; die Verlierer stehen von vorne herein fest. Es sind die Afroamerikaner, die von "Katrina" heimgesucht und von der Regierung im Stich gelassen wurden, die in Ghettos verkommen und in Gefängnissen sterben.
Die Band um den Schlagzeuger Ahmir "Questlove" setzt in diesem Game auf harsche Kritik ein Blatt, das in Hochzeiten von Gangster- und Glamour-Rap nur noch wenige ausspielen. Der so genannte Krieg gegen den Terror, die politische Katastrophe "Katrina", die Korruption der Bush-Regierung, das Elend der Ghettos: The Roots verstehen ihr Album als Kampfansage, nicht als Party-Soundtrack.
Dennoch geben Funk, Soul und Jazz weiterhin den Ton an; man bleibt dem Prinzip des Organic HipHop, der auf analogen Instrumenten eingespielt wird, treu. Das klingt rauer und unmittelbarer als die Hightech-gestützten Spielchen des aktuellen Rap-Mainstream, bedient aber dennoch nicht den Nostalgiewunsch jener Traditionalisten, die im Sampler den Untergang des Genres sehen. Schließlich kommen bei den Roots auch Radiohead als Soundschnipsel vor die Musiker aus Philadelphia wissen, wie man Intertextualität in Szene setzt.
Mit den Alben "Phrenology", "Tipping Point" und jetzt "Game Theory" hat die Band eine Trilogie der gesellschaftlichen Missstände vorgelegt, eine Geschichte der Ungerechtigkeit und wie man sie beim Wort nennen kann. Dass dies alles auch swingt und groovt, ist kein Widerspruch. Bekanntlich mischt man die Verhältnisse am besten auf, indem man sie zum Tanzen bringt.
Various Artists: "In Prison"
(Trikont/Indigo)
Die Gewaltästhetik vieler Rap-Songs, die die Knast-Erfahrung zum Gütesiegel stilisierten, hat dem Genre keinen Gefallen getan. Hinter die Vermarktung trat das tatsächliche Leid zurück. Wenn die Rapperin Lil' Kim pünktlich zum Haftantritt ein Album auf den Markt brachte und ihre Zeit hinter Gittern zur Internet-Promotion nutzte, war dies Wasser auf die Mühlen der Zyniker: Handschellen sind Modeschmuck, Gitterstäbe lediglich ein Accessoire für den lukrativen Gangster-Look.
"In Prison" hingegen macht die historischen Bedingungen dieser Entwicklung hörbar: Von den frühen Worksongs der Chain Gangs (Big Louisiana) über die Klagen eingesperrter Bluesmusiker (Fred McDowell) bis zu den Knast-Epen der HipHopper (Tupac Shakur) präsentiert diese exzellente Compilation das politische und kulturelle Drama einer Ethnie im Medium ihrer populären Musik.
Über zwei Millionen Menschen sind in Amerika inhaftiert, beinahe die Hälfte von ihnen sind Afroamerikaner was ungefähr dem Vierfachen ihres prozentualen Bevölkerungsanteils entspricht, wie Jonathan Fischer, der die Sammlung besorgt hat, vorrechnet. Jeder achte afroamerikanische Mann zwischen 25 und 35 sitzt in einer Gefängniszelle von ihrem Leid, ihrer Geschichte erzählt "In Prison" in 19 aufrüttelnden Songs.
Omar: "Sing (If You Want To)"
(Peppermint/SPV)
England ist nicht das Mutterland des Soul, aber dessen Wahlheimat. Hier wird das Genre mit einer Hingabe gepflegt und weiterentwickelt wie nirgendwo sonst. Die englische Club-Szene ist beispiellos; allein in London treten diesen Monat die Klassiker Rose Royce, die Veteranin Marva Whitney, die Newcomer Dwele und Lemar und die DJ-Ikone Jazzie B von Soul II Soul auf.
In Deutschland versuchen sich ein paar Enthusiasten an der Soul-Förderung im Insel-Stil. Vom 23. bis 25. März 2007 soll im Ostseebad Weissenhäuser Strand der erste große Weekender über die Bühne gehen, und weil Veranstalter Daniel Dombrowe ein Faible für Klassiker hat, wird er auch Omar einladen. Der Sänger hatte Anfang der Neunziger mit "There's Nothing Like It" einen Riesenhit, verschwand dann aber von der Bildfläche des Mainstream.
Jetzt, sechs wenig bekannte Alben später, tritt er wieder auf den Plan mit dem programmatischen "Sing (If You Want To)". "Sing wenn du willst, sing wenn du's brauchst, du wirst es nicht bedauern, wenn du's wirklich fühlst", heißt es im Titelsong, und genauso unbeschwert wie dieses Bekenntnis zur Musik, zur Kreativität kommt die ganze Platte daher.
Omar gibt nicht den Superlover wie viele seiner amerikanischen R&B-Kollegen, auch mit Sozialkritik oder Gangster-Attitüden hat er wenig am kokett gestutzten Afro. Dafür wird von persönlichen Krisen, vom kleinen Liebesglück und nicht ganz so kleinen Herzschmerz erzählt - immer beschwingt, mit dieser exzellenten Mischung aus Jazz, Soul und Latin, zu der es sich wunderbar singen lässt - natürlich nur, wenn man will.
Masta Killa: "Made in Brooklyn"
(Nature Sounds)
War das Authentische jemals artifizieller, das Künstliche jemals realer als in den Erscheinungsformen des Wu Tang Clan? Das New Yorker HipHop-Kollektiv fächerte sich über die Jahre in eine Truppe Einzelkämpfer auf, die sich wahlweise als Mastermind (RZA), Clown (Old Dirty Bastard) oder Apokalyptiker (Method Man) inszenierten, dabei aber dem Stilprinzip des Clans grundlegend treu blieben. Das bedeutete: wilde Rhetorik über spröde Beats, mal aufgemischt mit Soul, mal mit Computerspiel-Samples, immer aber in Abgrenzung zum melodiöseren Wesküsten- oder schrilleren Südstaaten-Rap.
Masta Killa ist der Unbekannteste der Crew. Auf "36 Chambers", dem legendären Debüt des Clans von 1993 ist er nur auf einem Song vertreten; 2004 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum "No Said Date", das ihn als gleichrangig neben die großen Clan-Lyriker GZA, Raekwon und Ghostface stellte.
"Made in Brooklyn" ist ein derart unprätentiöses Album, dass ein amerikanischer Kritiker von Minimalismus sprach, der in Magersucht umkippe. Fett ist diese Platte tatsächlich nicht, kulinarische Sperenzchen sucht man vergebens. Überhaupt fehlt alles Modische: die Stop-and-go-Beats, die Retro-Synthies, der ganze Innovations-Buhei, der viele aktuelle HipHop-Produktionen auf die Schnelle hip und um so schneller veraltet klingen lässt. Masta Killa setzt hingegen auf knappe Soul- und Film-Samples, trockene Drums und Storytelling, das von der großen Liebe ebenso lakonisch erzählt wie vom täglichen Überlebenskampf im Ghetto.