Abgenickt Träum weiter, Soul-Fan!
Soundtrack: "Dreamgirls"
(Columbia/SonyBMG)
Die "Dreamgirls" sind die zurzeit heißeste Ware der Traumfabrik. Ihre Geschichte, als Broadway Musical ein Evergreen, räumte letzte Woche an den amerikanischen Kinokassen ab (Deutschlandstart: 1. Februar), zwei Darsteller (Jennifer Hudson, Eddie Murphy) haben bereits Golden Globes kassiert, die Oscar-Ehrung ist in Reichweite.
Der Soundtrack zum Musikmärchen um drei schwarze Sängerinnen, die eine Weltkarriere machen, kam in Amerika nicht gut weg: Kritiker verglichen die Songs mit dem klassischen Sound von Motown, dessen Story auch Gegenstand des Films ist. Die Schelte ist ein wenig naiv, weil sie dort nostalgische Standards einklagt, wo die Vergangenheit allenthalben retro, aber nie authentisch sein kann: im Pop.
Wenn die "Dreamgirls"-Songs also nicht nach Marvin Gaye und Stevie Wonder klingen, sondern nach R. Kelly und Jermaine Dupri, ist das kein Nachteil. Im Gegenteil: Die dancefloortauglichen Tracks "Steepin' To The Bad Side" und "Dreamgirls" und die Balladen "Family" und "Listen" sind zeitgemäße Übersetzungen des klassischen Soul-Idioms, wie es von Motown in den Sechzigern mitkreiert wurde. Und Jennifer Hudson, die "American Idol"-Finalistin, singt sich mit "One Night Only", einem wunderbar traurigen Schmachtfetzen, in die erste Riege der R&B-Tragödinnen.
James Brown: "Live at the Apollo"
(Polydor/Universal)
Wer damals dabei war, vibriert vermutlich noch heute: Apollo Theater, New York, 24. Oktober 1962. Bitterkalt soll es gewesen sein für die Fans, die zwei Blocks lange Warteschlangen bildeten. Browns Leute gaben Kaffee aus, später ließ der Funk-Meister Koffein aussehen wie ein Beruhigungsmittel. Begleitet von seiner Band, der Cheftrompeter Lewis Hamlin den Marsch blies, den Tänzerinnen Five Brownies und der Sängerin Yvonne Fair, wurde James Brown zum Godfather des Soul.
Noch nicht ganz einen Monat ist er jetzt unter der Erde, mit diesem Album kann man ihn schnell wieder auferstehen lassen. An jenem Abend, in Harlems 12th Street, war er bereits der Schluchzer und virtuose Schreihals, der Schmachter und Einheizer, der Generationen von Popmusikern Funk vorbuchstabierte.
Die Aufnahme sorgte schon kurz nach Erscheinen für Furore, der New Yorker Musiksender WWRL, der Auszüge abspielte, wurde mit Telefonanrufen bombardiert, am Ende musste man das ganze Programm senden. Die CD bietet neben den frühen Hits "Think" und "Try Me" auch ein großartiges Medley mit "Please, Please, Please" "I Found Someone" und "I Want You So Bad". Früher Schmierstoff der Groove-Maschine James Brown, die hoffentlich rattern und schnurren wird bis ans Ende aller Zeiten.
Young Jeezy: "The Inspiration"
(DefJam/Universal)
Es geht ums Mehr, jenen Schlüsselbegriff der kapitalistischen Logik: mehr Geld, mehr Autos, mehr Frauen, mehr Ruhm. Young Jeezy, der Workoholic unter den Südstaaten-Rappern (120 Songs soll er für das aktuelle Album vorproduziert haben), hat die Maximierung auch soundtechnisch zum Stilprinzip gemacht. "The Inspiration" ist ein Fest der Klanghäufungen: Synthies sägen, Beats dröhnen, dazu Jeezys dräuende Stimme - das Ganze ein Pandämonium des Gangsterlebens mit den Mitteln des Rap.
Vor zwei Jahren sorgte Young Jeezys Logo für einen Skandal; der brillantene Schneemann, der dem MC fotogen die Rap-Heldenbrust schmückte, lies keinen Zweifel darüber aufkommen, wie man als afroamerikanischer Ghettokunge zum Unternehmer wird.
Jeezy ist immer noch der coole Zocker, der sich den kreativen Sprung aus der Illegalität versilbern lässt, ein Entrepreneur des Gangster-Rap, der auf die Attitüde des Gentleman (P. Diddy) oder des Mäzens (Jay-Z) konsequent verzichtet. "The Inspiration" ist inspiriert von der Härte des Verteilungskampfs. Ein kaltes Kunststück, ideal fürs Geldzählen und Waffenputzen in einsamen Nächten.
Clipse: "Hell Hath No Fury"
(Jive/SonyBMG)
Kurvt Jeezy auf breiten Synthie- und Gittarenfelgen durchs Rap-Revier, knattern The Clipse mit minimalistischer Härte durchs Ghetto. Dealer-Reportagen auch hier, nur noch härter, kälter, nihilistischer.
Drei Jahre brauchten die beiden Brüder Malice und Pusha-T, um nach ihrem gefeierten Debüt "Lord Willin" nachzulegen. Streitigkeiten mit dem Label sorgten für eine eigen Clipse-Folklore und steigerten die Erwartungen beträchtlich.
Sie werden nicht enttäuscht: Selten haben die Neptunes als Produzenten ihren reduzierten Sound aus schwer schleppenden Beats und koketten Sample-Spielerein so konsequent auf einen Künstler zugeschneidert. Darüber machen sich die MCs ihren eigenen Reim auf jenes Macht- und Schmachtverhältnis, das der Drogenhandel zum Industriezweig werden ließ.