Abgenickt Vorsicht, bissiger Mund
Lisi: "Eine wie keine"
(Four music/SonyBMG)
Ein Zauberwort heißt Flow, ein anderes Realness. Wenn die Reime über den Beat strömen, dass man irgendwann nicht mehr weiß, wer den Takt vorgibt: die Drums oder die Stimme. Wenn der Text zu einem pumpenden Organismus zusammenwächst, in dem die Bedeutung der Wörter und ihr rhythmischer Wert nicht mehr zu trennen sind. Wenn Silben und Sätze körperlich werden, so dass der Kopf unweigerlich anfängt zu nicken - dann ist das Flow.
Realness heißt: Du bist authentisch, aber auch Figur einer Inszenierung, die überzeugt und - ein weiteres Zauberwort - Respekt verdient. Die Berliner Rapperin Lisi hat Flow und ist "real". Man würde ihr zuhören, selbst wenn sie die Bedienungsanleitung einer Waschmaschine zum Besten gäbe, und sie bedient die Klischees weiblicher Selbstinszenierung im Männerbusiness HipHop, ohne ihnen auf den Leim zu gehen.
Lisi trägt Highheels, hantiert mit Waffen, posiert im Pelz und Negligé und wirkt dabei so gefährlich wie eine Hauptstadt-Reimerin im Angesicht von Gangster- und Porno-Rap heutzutage eben wirken muss, um als satisfaktionsfähig zu gelten. Sie beschimpft in herrlichen Kaskaden die Konkurrenz ("Interessiert mich nicht"), leistet sich eine kritische Hommage an ihre Heimatstadt ("Berlin") und diffamiert Angeber in schönstem Slang ("Das Problem"). Dass die diversen Haltungen - Proletin, Gangsterin, Chronistin - nicht zum gut vermarktbaren Image erstarren, sondern spielerisch zusammenwirken, macht Lisi tatsächlich zu einer wie keine. Respekt.
J. Dilla: "The Shining"
(bbe/Rough Trade)
Der Rapper Common verglich J. Dillas künstlerischen Einfluss mit dem von Marvin Gaye, Stevie Wonder und John Coltrane. Und tatsächlich: Der Anfang des Jahres verstorbene Dilla (bürgerlich; James D. Yancey) hat mit seiner Sample-Kunst HipHop geprägt wie nur wenige andere Produzenten.
Er kreierte den Sound für Größen wie Slum Village und A Tribe Called Quest und war dennoch nur einem kleinen Kreis Interessierter bekannt. Diskretion und Zurückhaltung gehörten zum Verfahren; anders als P. Diddy und Kanye West, die großen Selbstvermarkter unter den Producern, ertüftelte der Detroiter einen minimalistischen, auf Soul und Funk basierenden Sound. Den präsentierte er zuletzt auf dem Konzeptalbum "Donuts", das sich dem Thema Krapfen widmet und ein furioses Kaleidoskop der Stil- und Klangzitate ist.
Man muss diesen Leckerbissen ebenso hören wie sein erstes, 2001 veröffentlichtes Solowerk "Welcome 2 Detroit" und das jetzt erschienene "The Shining": Dilla konstruiert mit Sampler und Keyboard eine perfekte Plattform, auf der sich Rapper wie Common, Pharoahe Monch und Black Thought entfalten können. Der Soul der sechziger und siebziger Jahre ist auch hier der Fundus, aus dem sich der große Beat-Architekt bedient - er schuf damit ein Gebäude aus Anspielungen und Verweisen, in dem man sich wunderbar verirren und gleichzeitig zu Hause fühlen kann.
DMX: "Year of the Dog Again"
(Columbia/SonyBMG)
Der Künstler als Querulant, als Opfer von Obsessionen und Leidenschaften: dieses Image ist eine Erfindung der Romantik, bis dahin verstanden sich Artisten meist als talentierte Handwerker und waren auf soziale Anerkennung bedacht.
DMX ist so gesehen der letzte große Romantiker des HipHop: Anders als die Entrepreneurs (Jay-Z) und Womanizer (Pharrell), die Spaßmacher (Lil' Jon) und Sozialkritiker (Kanye West) ist er ein Selbstzerfleischer, der passenderweise den Kampfhund zum Wappentier erklärt hat. Die "New York Times" stellte ihn neben Tupac, den großen Schmerzensmann des Genres, und Eminem, den White-Trash-Rabauken, der seine dysfunktionale Familie zum Anlass für mehr als eine Gewaltoper nahm.
DMX' Leid ist konkreter: Während 50 Cent von seiner Dealer-Karriere prahlt, wurde er tatsächlich wegen Crack-Rauchens angeklagt; während Snoop als Comic-Held Frauen an der Hundeleine spazieren führt, kassierte DMX ein Verfahren wegen Tiermisshandlung. DMX ist der Rap-Bullterrier, der sich in sich selbst verbissen hat. Dementsprechend ist auch sein neues Album ein Melodrama der Selbst- und Weltanklage: "I'm still going through it, the pain and the hurt"/Soaking up trouble like rain in the dirt", bellt er - und inszeniert sich in 13 Songs erneut als armer Hund, den das Schicksal im Regen stehen ließ.
James "D-Train" Williams: "Miracles of the Heart"
(Passion Mu/Rough Trade)
Wer heute Soul sagt, hat schon eine Wertung ausgesprochen. Geschichtsbewusstsein, Virtuosität - seitdem der so genannte Neo Soul die sechziger und siebziger Jahre stilistisch aufgriff, bezeichnet der Begriff die bessere, auf Altenpflege bedachte Hälfte von R&B, der schlampigen Schwester, die nur Geld und Sex im Sinn hat.
Doch Stars wie Jill Scott und Angie Stone beschränken sich mittlerweile aufs Durchspielen der immergleichen Formel: Motown-artige Bläser-Sätze, Koloraturen à la Marvin Gaye und dazu ein am Ostküsten-HipHop der Neunziger orientierter Beat.
Der Sound der Achtziger ist da im Vergleich regelrecht erfrischend, seine Künstlichkeit wirkt angesichts des in Werbespots verschlissenen Format-Souls aufregend und neu. Zum Beispiel James D-Train Williams: Seine Alben "In Your Eyes" und das jetzt wieder vom Expansion-Label aufgelegte "Miracles of the Heart" sind Klassiker des Achtziger-Jahre-R&B. Damals, im Zuge des Disco-Booms, war Tanzbarkeit das Gebot der Stunde. Der Synthesizer machte Instrumentalisten weitgehend überflüssig, der Produzent wurde zur zentralen Figur im schwarzen Pop.
"Miracles" ist ein Produkt dieser Ära, kommt aber nicht im Disco-Stechschritt daher, sondern gestattet sich eine gehörige Portion Funk und Jazz. Natürlich scheppern die Drumcomputer und die Synthie-Bässe blubbern monoton, aber haben uns Musiker wie Pharrell und Lil Jon auf ihrem Weg zurück in die Zukunft nicht auf diesen Sound vorbereitet?