Abgenickt: Wenn Diven zu sehr lieben - DER SPIEGEL
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Abgenickt Wenn Diven zu sehr lieben

Warnung: Diese Kolumne enthält extrem traurige Love Songs von drei der besten Soulsängerinnen aller Zeiten. Wer dennoch keine Angst vor Herzschmerz hat - Taschentücher raus und reinhören: Mary J. Blige, Gwen Mc Crae und Gladys Knight geben den Ton an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mary J. Blige: "The Breakthrough"
(Geffen/Universal)

Sie ist natürlich immer noch die große Schmerzensfrau des Soul, auch wenn sie bereits 2001 versprach: "No More Drama". Der Titel von Mary J. Bliges fünftem Album war eine Finte: Nicht unbeschwerter Optimismus, sondern der Blues gab den Ton an, und Blige übersetzte ihn virtuos für die Generation HipHop. Auch vor "The Breakthrough" gab die offizielle Königin des HipHop Soul zu Protokoll, ihr Leben sei keine Tragödie mehr; sie sei glücklich verheiratet und habe zu Gott gefunden. Dennoch ist diese exzellente Platte wieder ein Porträt der Frau als Leidensqueen. In "Good Woman Down" klagt Blige ihren Vater an, der ihre Mutter verprügelte, in "Enough Cryin'" werden jene Männer abserviert, die Sex, aber keinen Trauschein wollen. "Ain't Really Love" rechnet mit einem kaltherzigen Lover ab. So erzählt die 35-jährige New Yorkerin, mit einer überwältigenden Stimme zwischen Jazz-Virtuosität und Gospel-Wallung, erneut jene Geschichte, die die großen Trägodinnen seit jeher beschäftigt: Sie handelt vom Kampf der Geschlechter, der Frauen zu Opfern und Heldinnen macht. Kein neues Szenario, wie gesagt, und angesichts der Unbeschwertheit, mit der junge R'n'B-Stars ihre Sexualität vermarkten, fast schon antiquiert. Aber es klingt bei Blige wie ein Breakthrough, ein Durchbruch - nicht in die Zukunft, sondern zurück in die Geschichte des Soul, wo man zugleich schmachtend, leidend und jubilierend die Zuhörer beglückt.

Gwen Mc Crae: "Live In Paris"
(Hi&Fly Records)

"90 % of Me is You" - Wie lässt sich das Drama unbedingter Hingabe besser in eine Formel fassen? Gwen McCrae sang den Song 1975, zum Klassiker wurde das ergreifende Midtempo-Stück aber erst in der Modern-Soul-Szene der Neunziger. Seitdem gilt die 1943 in Pensacola, Florida, geborene Sängerin als Queen of Rare Groove, was einerseits ein Adelsprädikat ist, andererseits deutlich macht, wo viele der großen Soulkünstler der sechziger und siebziger Jahre die Zeiten überdauern: in den Plattenschränken von DJs und Sammlern, als Sample-Fundus für Rapper und House-Produzenten.Dabei ist McCrae nach wie vor eine großartige Live-Künstlerin: Erst letztes Jahr tourte sie durch Europa, gab Konzerte in Hamburg und Paris und brachte Fans und Kritiker zum Schwärmen. Begleitet von den Soulpower Allstars, einer Formation aus Hannover, brillierte sie mit jenen Songs, die zu Klassikern des Genres zählen: dem rasanten "Funky Sensation", dem lasziven "Cradle of Love", der herrlichen Ballade "For Your Love".Wenn ich zu 90 Prozent aus dir bestehe: McCrae hat die Kosten der Leidenschaft schon lange vor Mary J. Blige überschlagen; von der Dialektik einer aus Hass und Begehren geschaffenen Liebe singt sie heute noch genauso überzeugend wie vor dreißig Jahren. Auf der vom Hamburger DJ Pari produzierten Live-CD kann man sie jetzt wieder entdecken: die große Soul-Dramatikerin, die zeigt, dass die James-Brown-Generation - R'n'B-Pornografie hin, Testosteron-Rap her - noch lange nicht ausgespielt hat.

Gladys Knight and The Pips: "Soul Legends"
(Motown/Universal)

Im Jargon heißen sie "wrist slasher", Pulsadernöffner: Songs, die so traurig sind, dass sie zugleich begeistern und niederschmettern. "The Way We Were" von Gladys Knight and the Pips, Mitte der Siebziger live in einem Club in Detroit eingespielt, ist so ein genialer Schmachtfetzen. Wenn die legendäre Motown-Sängerin, unterstützt von ihrem Bruder Merald und ihren Cousins William Guest und Edward Platten, von verlorener Liebe singt, dann wird Soul wieder zur Bühne für große Gefühle.Aber auch ohne diese ergreifende Ballade wären Knight und ihre Truppe eine Institution des Genres. Sie bauten das Motown-Label mit auf und spielten einige der größten Hits der sechziger Jahre ein, darunter "I Heard It Through the Grapevine", das durch Marvin Gaye zum Evergreen wurde. Den Superstar-Status wie ihre Labelkollegin Diana Ross erlangte Knight jedoch nie, ein Kritiker nannte sie "die ewige Zweite im Motown-Gehege". 1973 wechselte die Band zu Buddah Records, für die sie den Klassiker "Midnight Train to Georgia" aufnahmen. Er ist, wie alle anderen großen Hits - von "The Way We Were" bis "Everybody Needs Love" - auf der neuen Best-of-Sammlung enthalten. Knight selbst, mittlerweile 60 Jahre alt, ist immer noch eine Diva, die Live-Shows in Las Vergas mit ihrer Grandezza veredelt. Wer erleben will, wie weit man die Kunst des eleganten Schmachtens treiben kann, dem sei ihr vorletztes Soloalbum empfohlen. es heißt "At Last" (2001) und ist für viele herrlich traurige Momente gut.

Various Artists: "Rawkus - Best of Decade 1"
(Interscope/Universal)

Nein, diese Jungs schmachten nicht, mit Soul verbinden sie weniger Geschlechter- als Klassenkämpfe. Talib Kweli und Mos Def, die ersten Stars des 1995 gegründeten Rawkus-Labels, rappen nicht über Herzschmerz, sondern über Politik und wie man sie besser machen kann.1989 betraten die beiden New Yorker, damals noch als Duo, unter dem Namen Black Star die Szene und setzten dem Materialismus des aufstrebenden Gangster Rap ein kritisches, an der Bürgerrechtsbewegung geschultes Bewusstsein entgegen. In der Folge wurde Rawkus die Labelheimat von Künstlern wie Common, Pharoahe Monch und Hi-Tek, allesamt Ostküsten-HipHopper, die schnell im Ruch standen, die Soziologen des Rap zu sein.Ist ihr Sound deshalb spröde, lustfeindlich, theoretisch? Im Gegenteil: Wie Mos Def gemeinsam mit Tash und A-Tribe-Called-Quest-Rapper Q-Tip ein jazzig elegant fließendes Eigenlob anstimmt ("Body Rock") oder Talib Kweli ein Nina-Simone-Sample für eine federnde Hymne auf bessere Verhältnisse nutzt ("Get By") - das ist smart, hat Biss und Groove. Der Jubiläums-Sampler zum zehnjährigen Geburtstag ist eine furiose Leistungsschau - und beweist, dass man das Publikum nicht nur mit dicken Knarren und Karren in Fahrt bringen kann.