AC/DC mit Axl Rose in Hamburg - DER SPIEGEL
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AC/DC-Deutschland-Auftakt: Machismo, inszeniert

Foto: Axel Heimken/ dpa

AxlDC in Hamburg Gott, gib uns Starkstrom!

Fünf Männer und ihre Elektrogeräte: AC/DC feierten in Hamburg den Zauber von Stromgitarren und übergroßen Sexfantasien. Eine perfekte Bühne auch für Axl Rose und seinen heiteren Machismo.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er steht. Damit ist die wohl größte Unwägbarkeit in der "Rock Or Bust World Tour" betitelten Millionen-Dollar-Unternehmung mal gleich am Anfang abgehakt. Es stand ja die Frage im Raum, ob Axl Rose aufgrund seines gebrochenen Fußes im Sitzen auftritt, auf Krücken oder ob er vielleicht auf diesem kleinen drolligen Spezialroller mit Füßchen-hoch-Vorrichtung auf die Bühne kommt, mit dem man ihn zuletzt in Fernsehberichten durch Flughafenhallen und Hotellobbys düsen sah.

Nein, Rose steht. Ja, er stampft sogar. Nicht nur das, er stratzt regelrecht mit Stützschuh am Fuß über die 50-Meter-Bühne, von links nach rechts. Und wieder zurück. Ein stolzer, trotziger Gruß an sein orthopädisches Team, das den als pflegeresistent geltenden Rock'n'Roll- und Risikopatienten Rose (lässt keine Schlägerei aus, nimmt seine Pillen nicht!) wieder auf die Beine befördert hat.

Doch auch wenn uns klar ist, dass da die letzten Wochen ganz viele zarte, resolute, heilkundlich gelenkte Hände geschraubt, gestreichelt und massiert haben, würden wir gerne glauben, dass allein die heilende Kraft des Starkstroms den Mann aus der Horizontalen befördert hat. Eingestöpselt, auskuriert, sozusagen.

Denn an diesem Abend in Hamburg, dem deutschen Auftakt der nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden von Sänger Brian Johnson bedrohlich ins Schlingern geratenen AC/DC-Welttournee, dreht sich eigentlich alles nur um die Frage der richtigen Strom-, und klar, Kapitalzufuhr. Wir trinken das viele, teure Bier an diesem Abend aus Bechern, auf denen "High Voltage"-Schriftzüge prangen, Tausende von kleinen, käuflich erworbenen roten Teufelshörnern werden von Tausenden kleinen Batterien am Flackern gehalten. Und auf der Bühne wird mit - mindestens! - Trilliarden Watt der größte elektrische Budenzauber aller Zeiten veranstaltet. Raketen! Meteoriten! Männerfantasien!

Die Frauen sind hier ein weiteres Spielgerät. Irgendwann während der Show wackelt im Bühnenhintergrund eine gigantische Puppenausgabe der legendären Matrone Rosie mit ihren Händen in Schenkelgegend. Erstmals besungen wurden diese zwei Zentner Weiblichkeit 1977 von AC/DC; in Hamburg zollt die Band ihnen nun in einer besonders schön geknatterten Version von "Whole Lotta Rosie" Tribut.

Stromzufuhr statt Triebabfuhr

Und zwar so: Während Rose, der Steher, von Rosie, der Liegenden, mit den Worten "Honey, you can do it, do it to me all night long" den Geschlechtsakt erfleht, rennt Gitarrist Angus Young in seiner viel zu roten Schuljungenuniform unter Rosies einladend beleuchteter Weiblichkeit über den Bühnensteg.

Es gibt ja Menschen, die behaupten, all die AC/DC-Songs übers shaken, shooten und rumblin' behandelten das Thema Triebabfuhr. In Wirklichkeit behandeln sie doch nur das Thema Stromzufuhr. Das wird an diesem Abend im ausverkauften Hamburger Volksparkstadion besonders deutlich. Hier gehts um fünf Männer und ihre Elektrogeräte. Frauen und Fleischlichkeit sind da nun mal eher eine Erinnerung vergangener Zeiten, die es eben elektrisch zu erzeugen und zu erhalten gilt.

Durch den Einsatz von Axl Rose wird dieser Aspekt noch mal nach vorne geholt. Der schlichten, ehrlichen Muscleshirt-Fleischbergigkeit von Brian Johnson setzt er mit Tüdelüt-Accessoires in Leder, die aussehen wie von der Praktikantin von Thomas Gottschalks Ehefrau entworfen, einen hollywoodesken Kunstentwurf von Männlichkeit entgegen. Machismo, inszeniert. Und eben ziemlich ramponiert. Zwischendurch macht Rose Ansagen mit einer Stimme, die klingt, als ob er vorher Helium eingeatmet hätte. Mann oder Micky Maus? Irgendwie beides.

Ansonsten knödelt er sich beinahe seriös durch die vielen alten Nummern von AC/DC. Großartig gleich die zweite Nummer "Shoot to Thrill", auch frühe bluesige Songs wie "High Voltage" oder "Rock'n'Roll Damnation" nimmt er spielend. Für das bereits ausverkaufte Konzert in Leipzig am 1. Juni wurden 8000 Karten zurückgegeben, als bekannt wurde, dass Rose für Johnson einspringt. Davon sind 6000 inzwischen wieder weggegangen, die Käufer werden nicht enttäuscht sein. Rose funktioniert.

Nur bei "TNT" kann er einfach nichts machen, aber mal ehrlich: Ist ja sowieso ein Schrottsong. Purer Effekt, null Effizienz, keine Sternstunde für die Elektriker von AC/DC. Da helfen auch die von fast 300 Helfern aufgebauten 17 Truckladungen Gerät nichts - die dann wiederum gegen Ende noch mal voll zum Einsatz kommen. Während sich Rose in seiner weißen Lederkapitänsuniform hinter die Bühne verzieht, hat Angus Young seinen allabendlichen Jahrhundertauftritt: "Let There Be Rock"!

Young wirft sich während eines schier endlosen Solos auf den Boden, der sich dann auf einmal unter ihm gen Himmel hebt, er turnt über die monströse Verstärkerwand, er badet im elektrisch ins Endlose verstärkten Traum einer Welt, die nur aus Rock'n'Roll besteht. Und wir mit ihm. Gott schütze uns vor Stromausfall.

Video: So klingt AC/DC mit Axl Rose


Weitere Termine: 1. Juni: Leipzig, 15. Juni: Düsseldorf