Ahoi Lars Rudolph singt Seemannslieder
Minuten takten eine Stunde aus, irgendwann lang nach Mitternacht. Gedanken wälzen sich träge von der Zunge, und saumselig bastelt einer an der oft gestellten Frage: "Warum bin ich?". In diesem Fall fragt Lars Rudolph, Sänger und Trompeter des Berliner Trios Ich schwitze nie. Nach ersten Schritten auf den Brettern der Berliner Schaubühne ist er inzwischen vor allem als Schauspieler ("Die Siebtelbauern", "Lola rennt", "Fette Welt") bekannt keine glatte Figur, dafür ist er zu sperrig, zu kauzig, zu schmuddelig. Musikalisch sticht er seit fünf Jahren mit Nicholas Bussmann (Cello, Klavier) und Hanno Leichtmann (Schlagzeug, Synthesizer) in See, die auch gern Elektronisches produzieren. Mit moderner Technik und bizzaren Arrangements vertonen die drei alte Lieder von Matrosen, Flaneuren und anderen leichtfüßigen Abenteuren.
Zwischen schöngeistigem Jazz und bonbonfarbenem Easy Listening flattern nun 13 "Billige Flaggen" im Wind. Wellen plätschern und ein Nebelhorn dröhnt so beginnt ihre laszive Version von "Beim ersten Mal da tuts noch weh". Kurze Knarzer verhindern beim nächsten Klassiker "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" das bräsige Tappen in Harmoniefallen, auch "La Paloma" klang selten abgedrehter. Und wer ließ jemals die "Schwarze Rose von Hawaii" minutenklang in friedlichem Kuhglockengeläut und monotonem Rauschen vorbeifahrender Autos verklingen, eigentümlich beruhigend wie ein Sonntagnachmittagsgeräusch?
Ohne Hektik spinnen die Instrumente ihr sparsames Seemannsgarn. Auf ihm tänzelt Rudolphs Stimme, der jene markige Männlichkeit fehlt, die nach zehn Schnäpsen ganz besonders bartstoppelig klingt. Er haucht, brummt, jault und winselt, kreischt wie ein Troll, schliddert gern mal ins Obszöne, um dann wieder reinen Herzens Jubelgesänge anzustimmen. Und trotzdem bleibt es romantisch, grüßen Liebe, Fernweh und das Abschiednehmen, hört man den vertrauten Liedern glücklich zu und drückt mindestens noch einmal auf Repeat.
Ich schwitze nie "Billige Flaggen" (Trikont)