Mastodon: Im Schlamm waten für Alle
Neues Mastodon-Album Der Güterzug brennt, der Armschlitzer nicht
Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser, mit "Once More 'Round the Sun" von Mastodon kommt mal wieder ein Metal-Album für Leute heraus, die in dem Genre nicht dauerhaft daheim sind. Ist das schlimm?
Der geschätzte Kollege Arno Frank versucht sich als Gastkritiker an einer Antwort auf diese Frage. Abgesehen davon der Hinweis: Wer zur "Amtlich"-Blog-Übersicht will, bidde aufs Kästchen klicken.
Bis denne.
tdo
"Amtlich" - Die besten Metal-Alben des Monats. Und mehr: Thorsten Dörting, Boris Kaiser, Jan Wigger und der eine oder andere Gastautor empfehlen hörenswerte Platten, sehenswerte Bands und beweisen auch mit allen anderen Blog-Einträgen, dass das 21. Jahrhundert den Nagelarmbandträgern, Kirchenverbrennern und Bierbauchtänzern gehört.
Mastodon - "Once More Round The Sun"
(soeben erschienen)
Einer meiner besten Freunde schlitzt sich heute noch regelmäßig mit der Rasierklinge den Slayer-Schriftzug immer dann in den Oberarm, wenn die alte Wunde gerade vernarbt ist. Für mich hingegen ist der Metal eine Jugendliebe geblieben, die ich irgendwann aus den Augen verloren habe und von der ich, wenn ich mal wieder von ihr hörte, dachte, dass das auch besser ist so. Anders gesagt: Wenn Metal, wofür es gewisse Anzeichen gibt, eine Religion ist, bin ich ein sympathisierender Atheist und mag mich nicht an fundamentaltheologischen Debatten beteiligen. Kurzum: Mir ist es oft einfach zu blöde.
Dann kam "Blood Mountain" von Mastodon, 2007, und ich war plötzlich wieder infiziert. Bis auf das Gesamtwerk von Grandaddy und The Mars Volta gab es in den Nullerjahren nichts, nach dem ich süchtiger gewesen wäre als eben: "Blood Mountain".
Auf den Alben davor hatten sie es noch nicht, auf den Alben danach nur teilweise, dieses Gleichgewicht aus Eleganz und Brachialität. Und jetzt, mit "Once More 'Round the Sun", hat die Band aus Atlanta wieder ein Metal-Album gemacht für Leute, die in dem Genre nicht so zu Hause sind wie ein Leviathan in der Tiefsee. Also für mich.
Bei Mastodon ist alles Wühlen und Drängen, wie es sich für diesen Stil gehört, den Kenner schlicht "Sludge" getauft haben. Matsch. Schlamm. Bärtige Männer, die da brüllend durchstapfen, bestenfalls mit Baumstämmen auf dem Rücken. Zugleich firmieren Mastodon wegen ihrer Freude an vertrackter Metrik und halsbrecherischen Rhythmuswechseln auch unter "Prog". Gitarrist Brent Hinds arbeitet in seiner Freizeit an Holzskulpturen, die er mit der Motorsäge aus Baumstämmen fräst. Das passt zu Mastodon. Anders als ihre großen Vorbilder von Neurosis verbergen sich selbst unter tonnenschweren Riffs, von denen es auch auf dieser Platte wieder wimmelt wie vor der australischen Küste von Haien, immer mitsummbare Harmonien. Jawohl, Melodie.
Schon die ersten Akkorde klingen wie etwas, an dem Jethro Tull 1979 gearbeitet haben könnten. Aber das ist nur eine Täuschung, prompt setzt mit Wucht die aufputschende Wirkung ein wie ein akustisches Amphetamin. Immer wieder erholsam der Wechselgesang von Brent Hinds und Troy Sanders - wenn einem der "growl" (na ja, fast) des einen auf die Nerven geht, setzt bestimmt bald der sauberere Gesang des anderen ein (und umgekehrt). Hier ist man als Hörer also nie mit einer Heulboje allein oder, schlimmer noch, mit einem dieser Bösartigkeit vortäuschenden Tieftongrunzer. Schön zu hören in "High Road", dem mein Freund mit den selbstgeschnitzten Slayer-Narben ein "geiles Riffing", aber einen "schwachen Chorus" bescheinigt. Tatsächlich klingt er wie etwas, an dem Iron Maiden etwa 1984 gearbeitet haben könnten. Und das muss nicht das Schlechteste sein.
Darüber hinaus klingt auch "Once More 'Round the Sun" wieder nach etwas Großem, Kräftigem, das gerne raus möchte und nicht kann - was nicht zuletzt an diesen wie geschmolzenen und schlau geschichteten Gitarrenläufen liegt, die ihre eigene Brutalität immer wieder in freudvolle Komplexität münden lassen. Oder etwas, dass komplizierter klingt, als es ist. Die kleinen Tricks (mal ein 7/8-Takt, mal ein paar rhythmische Querläufer von Schlagzeuger Brann Dailor) sind inzwischen nicht mehr neu, wie überhaupt das Album daherkommt wie ein brennender Güterzug voller Stahlträger auf bekannten Gleisen, dass die Splitter fliegen. Den Arm schlitzt man sich damit aber nicht auf. (Gesamtwertung: 8) Arno Frank
Anspruch: Vorbei die Konzeptalben über die Zarenfamilie auf Astralreise oder durch das Werk des Herman Melville. Heute singt der Drummer: "This time things will work out just fine", und so ist das dann auch. Ein paar Songs mit gedrechseltem Anlauf, aber trotzdem auf die Zwölf. (7)
Aussehen: Brann Dailor am Schlagzeug sieht aus, als hätte er noch einen Roller in Brighton geparkt, Bassist Troy Sanders wie der junge Catweazle. Optischer Glanzpunkt ist natürlich das Tattoo im Gesicht von Brent Hinds. (10)
Artwork: Ein ebenso florales wie diffus interstellares Blubberwesen aus einer dieser Dimensionen, in die man möglicherweise mit LSD vordringen kann - eine Reminiszenz an psychedelischere Zeiten. (8)
Aussagen: Lyrischerseits haben sie sich endlich ein wenig ausgetobt, das Überspannte vergangener Tage ist einer gelassenen Gebrauchspoesie gewichen. Schön trotzdem, wie plötzlich die Mädels von The Coathanger aus dem benachbarten Punk herüberbrüllen: "Hey-Ho, let's fucking go!" (7) Arno Frank