Andrew W.K.: Messias der Metaller - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Andrew W.K. Messias der Metaller

Der US-Musiker Andrew W.K. kombiniert Pop und Heavy Metal zu rasendem Bombast. Die Briten liegen ihm dafür zu Füßen.
Von Holger In't Veld
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In England haben Heilige ein kurzes Leben. Mit schöner Regelmäßigkeit verkündet der "New Musical Express", das britische Zentralorgan der Popmusik, einen neuen Gott, wenige Wochen später ist der Name wieder vergessen. Doch diesmal, so scheint es, haben sie den Erlöser wirklich gefunden: einen hochgewachsenen Jüngling mit Bart, langen, leicht gelockten Haaren und weichen braunen Augen. Andrew W.K., da ist sich das Blatt sicher, ist der "Retter der Musik" und "größer als Jesus".

Dabei waren, abgesehen von der Ähnlichkeit mit dem Christus-Klischee, seine Voraussetzungen denkbar schlecht. Andrew W.K. kommt nicht nur aus den USA - womit sich die nationalstolzen Briten immer noch schwer tun - er macht auch weder BritPop noch HipHop, sondern die unhipste Musik der Welt: Heavy Metal.

Jesus - ein Metaller? Nicht ganz. "I Get Wet", das Debüt des 22-Jährigen, vereint Pop und Metal, Himmel und Hölle, kombiniert hämmerndes Piano, Schlachtenchöre und Gitarrengedresche zu einem bislang ungehörten Bombast. Das Ergebnis klingt wie Meat Loaf auf doppelter Geschwindigkeit, als hätte jemand aus den größten Hits von Kiss und Queen die Mitgröl-Momente herausgeschnitten und den Extrakt nochmals aufs doppelte Volumen aufgepumpt. "Lauter als der Krieg" titelte treffend der "NME". Zu diesem rasenden Bombast skandiert Andrew, dessen Kürzel gerüchteweise für "White Killer" steht, allgemeinverständliche Botschaften: "It's Time To Party", "Party Hard" und "Party Til You Puke" - feiern bis zum Erbrechen.

Real Video: "Party Hard" von Andrew W.K. 


Andrew W.K. ist auf einer Mission. "In einer Welt voller Ironie, Verbitterung und Angst ist dies ein Monolith von Wahrheit und Reinheit", deklamiert er, und seine leuchtenden Augen sagen, dass er es ernst meint. Für dieses Ziel ist er mit 18 Jahren aus seinem Elternhaus im mittleren Westen nach New York geflohen, hat sich dort drei Jahre lang mit McJobs durchgeschlagen und Gott und der Welt seine Musik in die Hand gedrückt - bis schließlich Dave Grohl von den Foo Fighters ein Tape in die Hände bekam und dem Überzeugungstäter den Weg bereitete. Mehr noch als die Musik hatte es dem früheren Nirvana-Drummer aber das beigelegte Foto angetan, auf dem Andrew das Blut in Strömen aus der Nase fließt.

Dieses "sexieste Männer-Bild aller Zeiten" (Grohl) ziert nun das Cover von "I Get Wet" - ein Symbol dafür, dass es für Andrew W.K. auf dem Weg zu Wahrheit und Reinheit keine Grenzen gibt. Für ihn ist Schweiß und Blut gleichbedeutend mit Lebenslust, seine Stücke sieht er als Liebeslieder. "Es ist die schönste Musik," sagt Andrew, "so aggressiv wie möglich rübergebracht, denn ich will nichts zurückhalten, ich will nichts Halbes. Du musst over the Top gehen, um weiter sehen zu können."

Over the Top ist auch seine Vorstellung des perfekten Konzerts: Nicht in einem Rock-Club oder Fußballstadion sollte es stattfinden, sondern in einer Kirche, mit Orgel, Chor und Orchester. "Erst spielen sie ein Klassik-Medley. Mozart, Beethoven, nur die Hits. Dann kommen wir raus - slam - und das ganze Orchester stimmt ein."

Ob er mit diesem Irrsinn tatsächlich, wie es die Briten beschreien, zum "größten Star des nächsten Jahres" wird? Seine deutsche Plattenfirma jedenfalls glaubt an den Rock-Messias: hier zu Lande erschien "I Get Wet" am Heiligen Abend.

Andrew W.K.: "I Get Wet" (Island/Mercury/Universal), veröffentlicht am 24. Dezember 2001

Mehr lesen über