Star-DJ Avicii: Music for the I-Phone-Generation
Avicii-Konzert DJ Bausparvertrag
Man könnte es sich ziemlich einfach machen an diesem Mittwochabend in der Festhalle: Mit selbstgefälligem Lächeln ein paar Platten der Kalkbrenner-Brüder im Publikum verteilen, so zum wirklich ganz leichten Einstieg für komplett Geschmacksentfremdete in Sachen elektronischer Musik. Oder süffisant feststellen, dass, obwohl Avicii in Frankfurt auflegt, kaum einer aus dem Publikum den Namen Sven Väth richtig buchstabieren kann.
Wenn DJ Avicii - mit "Wake Me Up" zwar Macher des Sommerhits 2013, aber außerhalb von Großraumdissen frei von Kredibilität - bei seiner ersten Welttournee vor 12.000 Menschen in Frankfurt auftritt, dann bezahlen junge Menschen horrende 60 Euro dafür, dass ein 24-jähriger Schwede vor einer projizierten Achterbahn, einem Sonnenuntergang oder einer Milchstraße elektronische Musik auflegt.
Musik, die leider nicht auf intelligente Weise mit Hilfe des Spannungsverhältnisses zwischen Exzess und Atempausen eine Geschichte erzählt, sondern mit prallem Synthie-Sound in süffigen Popmelodien strandet. Chartskalkül der simplen Sorte, könnte man sagen und mit dem Abend abschließen.
Es riecht nach Wodka Red Bull
Aber als der Hintergrund hinter Avicii gerade zu einem galoppierenden Pferd morpht, ändert Michele, 14 Jahre alt, die mit Glitzerleggins, Zahnspange und Smartphone an der Bar steht, gerade ihren Facebook-Status. Und zwar in ein Avicii-Zitat: "Life is a game made for everyone. And love is the prize." Ihr Lebensmotto, sagt sie. Um es zu erklären, fehlen ihr die Worte. Sie hat eine Idee, ist aber noch zu jung, um sie auszudrücken. Leben sei eben ein Spiel für alle. Und am Ende bekäme man Liebe. "Das ist nicht so Klischee, weil es nicht um Beziehungen geht, sondern das Leben, das große Ganze."
Ihr 18-jähriger Freund erzählt von seiner Volleyballmannschaft, die sich vor jedem Spiel zu "Hey Brother" in den Armen liegen. Mädchenpaare im Partnerlook versichern glaubhaft, dass sie Avicii - der aussieht wie ein verschollener vierter oder fünfter Ochsenknecht-Sohn - nicht mal süß finden, sondern hier seien, weil sie "Sunshine" von David Guetta und Avicii immer am Strand bei ihrer ersten RUF-Jugendreise nach Italien gehört haben.
Avicii selbst kann über seine Musik keine Geschichten erzählen - die Fans schon. Mit einer Aufrichtigkeit projizieren sie lauter dermaßen wohlerzogene Jugenderlebnisse auf Avicii, dass man sie fast alle vom Fleck weg als Babysitter engagieren würde.
Die stärksten Momente in der Festhalle sind denn auch die Augenblicke, in denen Avicii nicht mal mehr als dunkler Schattenriss vor einem schneebedeckten Gipfel steht, sondern komplett verschwindet: Wenn der Bass einsetzt, legt sich der Laser fast immer wie grün-blaue Quallenfäden über das Publikum. Aber ein- oder zweimal geht einfach das Licht komplett aus, und das Publikum wogt plötzlich ganz für sich im Dunkel.
"Ich habe jetzt ein besseres Bild von der Jugend. Die sind auch so gut angezogen", sagt ein schlecht tanzender Aufpasser-Vater, als eben diese Jugend sich nach zweieinhalb Stunden vollkommen gesittet nach einem lieblos hingeklatschten "Wake Me Up" gen Ausgang trollt. Die Luft riecht nicht so süß, weil jemand seinen Wodka Red Bull auf der Toilette erbrochen hat, sondern weil Wodka Red Bull halt das meistverkaufte Getränk an diesem Abend ist.
Avicii mag keine ästhetische Berechtigung haben. Jungsein hat eine. Dass ein Abend mit Avicii aber dann kein rebellischer Flirt mit Drogen und Maßlosigkeit ist, sondern eher eine Versammlung von Menschen, für die schon der erste Bausparvertrag abgeschlossen wurde - auch gut.