Bach-Oratorien Sakrale Brunft-Orgie
Über Marc Minkowski sagen Sänger: "Mit dem nie wieder!" Der französische Alte-Musik-Dompteur gilt als unleidlich, schwierig und notorisch unzufrieden. So sehr, dass auf seiner neuen CD mit Bachs h-Moll-Messe kaum noch bekannte Solisten mitwirken. Freilich: Ist der Ruf erst ruiniert, dirigiert sich's völlig ungeniert.
Minkowski hat aus seiner privaten Sänger-Not eine paradoxe Tugend gemacht. Er hat den Chor rausgeschmissen, die zehn Solisten zu Chormuckern erniedrigt - und erreicht so die lebendigste, transparenteste und jubelndste Aufnahme von Bachs Hauptwerk seit Jahren. Eine Doppel-CD, die hinreißend ist, die aber auch provozieren wird: Kenner werden sich wechselseitig die Haare ausreißen.
Der Fortschritts-Sucht und dem Revoluzzer-Image der Alten Musik nämlich wird diese Neuaufnahme radikaler gerecht als diverse Neuauflagen des alternden Harnoncourt oder die Ausgrabungswut des langweiligen Alan Curtis. Interessant ist, dass die sportliche Einstellung innerhalb der Klassik, also der Schlachtruf: "Höher! Schneller! Weiter!", von niemandem so zeitgeistig umgesetzt wurde wie von den (mit Wissenschaft imprägnierten) Spezialisten der Alten Musik.
Sie treiben die Tempi auf neue Rekordmarken, erhitzen die Emotionen auf Siedegrade, die selbst psychopathologisch informierten Diagnostikern unbekannt waren. Und überwinden dabei das Ideal der Notenexaktheit entschiedener als jeder selbstherrlich-autoritäre Maestro früherer, verstaubter Zeiten (als man die subjektiven Gefühle eines Furtwängler noch zum Maß aller Dinge erhob). Ergebnis: Niemand stellt heute die Wahrheit eines Werkes stärker in Frage als die wissenschaftsgläubigen Vertreter der sogenannten "Historischen Aufführungspraxis". Und zwar mit Erfolg.
Noch nie etwa wurde der exstatische Durchbruch zwischen dem ersten, depressiven h-Moll-Teil von Bachs Opus magnum gegenüber dem jubelnden, operettenhaft außer sich geratenden D-Dur-Großfinale so radikal musiziert wie unter Minkowski. Das "Credo" wird in aberwitziger Rekordzeit absolviert - noch rasender als unter Philippe Herreweghe und fast doppelt so schnell wie bei René Jacobs. So wird der exstatisch barocke Überschwang, die Lust an der Übertreibung und religiösen Selbstaufgabe provokant und mitreißend zum Leben erweckt. Und ein barockes Religionsverständnis wird wieder wach, von dem wir Fundamentalismuskritiker von heute eigentlich wenig wissen wollen.
Die spitzen Verzückungsschreie von Lucy Crowe und die bitteren Brustkaramellen der Kontraaltistin Nathalie Stutzmann fügen sich perfekt in diese sakrale Brunftorgie. Die schlank besetzten Musiciens du Louvre sorgen für ein moussierend champagnereskes Klangbild, das trunken macht. Und in dem doch kein Detail unbeleuchtet bleibt. Mit der puritanischen Grundpraxis heutiger, mitteleuropäischer Christlichkeit hat das erfrischend wenig zu tun. Dennoch wäre wohl ein naiver Geck, wer glauben wollte, dies würde deshalb mit der Zeit des 18. Jahrhunderts gleichfalls nicht übereinstimmen. Minkowski enthüllt ein Sakral-Entertainment zur Fastenzeit, wie es damals durchaus üblich gewesen sein könnte. Mit Musik als Durchlauferhitzer des Glaubens. Und als Medium der religiösen Selbstaufgabe.
Noch ein Schlenker: Als Klassiker gelten heute vielfach nicht mehr Goethe und Schiller, sondern Hitchcock und Tolkien. Das religiöse Bedürfnis, sofern es nach Musik verlangt, nährt sich derweil von gregorianischen Mönchsgesängen in Appetithäppchen-Format. Oder in Buchform von Comedians auf dem Jakobsweg.
Hier aber ist ein Werk, so explosiv und extremistisch in seinen Gefühlen, so narkotisch in seinem Glanz, dass man darüber die Welt vergessen mag. Und nur Musik sein will.
CD J.S. Bach: "Messe in h-Moll". Solisten, Les Musiciens du Louvre, Ltg. Marc Minkowski (2 CD, Naive V 5145).