Barenaked Ladies: Auffällig unauffällig - DER SPIEGEL
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Barenaked Ladies Auffällig unauffällig

Sie wollen nicht wie Metallica enden und vertreiben entstellte Versionen ihrer eigenen Songs über Napster: Trotz Millionenerfolgen in den USA bleiben die Barenaked Ladies sympathische Anti-Stars.
Von Holger Erdmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist schwierig, die Balance zu halten. Die Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit, zwischen Rock'n'Roll und Geschäft, zwischen Tournee und Familie, zwischen Star-Dasein und Privatleben. All dies hatten die fünf Barenaked Ladies ("splitternackte Frauen") in den vergangenen zwei Jahren neu gegeneinander abzuwägen. Zwar gibt es die Band schon seit zwölf Jahren, doch seit dem ungeheuren Erfolg ihres letzten Albums "Stunt" ist alles anders. Mit der Single "One Week" errungen die Barenaked Ladies 1998 ihren ersten Nummer-Eins-Hit in den amerikanischen Single-Charts. Aus einer witzig-skurrilen Indie-Popband aus Kanada war plötzlich ein Mega-Act auf dem Mainstream-Markt der USA geworden.

Dabei haftet der Band auf den ersten Blick so gar nichts Starhaftes an. Eher wirken sie wie die B-Auswahl der Kegelmannschaft eines lokalen Stromversorgungskonzerns. Fünf Mittdreißiger mit schütterem Haupthaar, Bauchansätzen und all den anderen Attributen moderner Männer des 21. Jahrhunderts. Die erste Single der Barenaked Ladies war 1991 ein Song mit dem schönen Titel "Be My Yoko Ono". Das beschwingte Lied gefiel selbst der Rockwitwe Nummer Eins, und nicht nur ihr. Danach begannen die "Ladies" systematisch ihren Erfolg in Amerika zu forcieren. Die taktisch kluge Kombination aus Tourneen, Auftritten in "Beverly Hills 90210" oder in der "Letterman Show" zahlte sich aus.

Doch nun heißt es, sich den neuen Anforderungen zu stellen, ohne das eigene Ich an der Garderobe abgeben zu müssen. Die Rolle "Star" annehmen, ohne dabei die Realität aus dem Blickwinkel zu verlieren. Das ist nicht ganz einfach, wenn man - wie der Gitarrist und Sänger Ed Robertson - Fotos von der eigenen Tochter ins Internet stellt, damit ihr die Pressefotografen nicht täglich auf dem Schulweg auflauern. "Meine Strategie, Schlimmeres zu verhindern", nennt der Musiker das.

Aber auch an anderen Fronten geht es darum, Schlimmeres zu verhindern. Um der Internet-Piraterie ein Schnippchen zu schlagen, haben die Barenaked Ladies so genannte "Fake-Versions" - eigens verunstaltete Versionen - von Songs ihrer neuen CD "Maroon" bei der Musiktauschbörse Napster ins Netz gestellt. Mit dem neuen Album versuchen die Kanadier, ihre eigenen Interessen und ihre Rock'n'Roll-Ideale miteinander in Einklang zu bringen. Denn eine ähnlich unglückliche Figur wie die Kollegen von Metallica wollen die Barenaked Ladies auf keinen Fall abgeben. Die hätten die richtige Sache falsch vermittelt, so Ed Robertson: "Es war hart zu sehen, wie die Rock-Rebellen im Napster-Streit plötzlich mit Aktenkoffern herumliefen und sich für die Buchstaben des Gesetzes stark machten", sagt Robertson. Am bewährten Konzept wurde aber auch bei "Maroon" nicht gerüttelt: Die besondere Stärke der Barenaked Ladies sind und bleiben Popsongs, die zunächst wie clever gemachte Gassenhauer wirken, die sich bei genauerer Betrachtung aber als vielschichtige Mini-Kunstwerke erweisen. Klassischer Breitwandpopsound ohne virtuosen Mätzchen, aber mit solidem Handwerk.

Barenaked Ladies: "Maroon" (Reprise/WEA), veröffentlicht am 18. September 2000