Bayreuth-Dirigent Philippe Jordan: Ein Meister muss her! - DER SPIEGEL
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Bayreuth-Dirigent: Jordan kann's klassisch und modern

Foto: Philippe Gontier

Bayreuth-Dirigent Philippe Jordan Ein Meister muss her!

Philippe Jordan dirigiert 2017 die den "Meistersinger von Nürnberg" bei den Bayreuther Festspielen. Das darf das Publikum freudig gespannt erwarten, wenn es seine CD mit Mussorgsky und Prokofiev weiterdenkt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den Bayreuther Grünen Hügel kennt Philippe Jordan schon aus eigener Erfahrung, debütierte er doch 2012 dort als "Parsifal"-Dirigent. Aber die neuen "Meistersinger von Nürnberg" in diesem Jahr sind schon etwas anderes. Barry Koskys Inszenierung wird keine Version von der Stange sein, die Besetzung klingt solide.

Doch Richard Wagners Bühnen-Monster verlangt Tiefe, Wucht, Nuancen, leichte Poesie - eben alles, was das Orchester hergibt. Barry Kosky machte Berlins Komische Oper zu einer Erfolgsspielstätte, sie wurde 2013 von dem Fachmagazin "Opernwelt" zum europäischen "Opernhaus des Jahres" gewählt. Bayreuth hat also wieder Gelegenheit, sich als Wagner-Maßstab zu rehabilitieren und Jordans filigraner Stil sollte diesen Elan forcieren. Wie er Klassiker des Konzertbetriebes stilvoll aufmöbelt, zeigt seine jüngste CD mit Krachern von Mussorgsky und Prokofiev (Erato/Warner).

Die "Bilder einer Ausstellung", ursprünglich 1874 von Modest Mussorgsky für Klavier komponiert und angeregt durch reale Gemälde, verknüpfte schon in der virtuosen Urfassung eine große Form- und Klangfarbenvielfalt, die fast 50 Jahre später Maurice Ravel in seiner Orchesterversion noch einmal revolutionierte. Saxofon-Akzente, ungewohnte Harmonien, Spiel mit Emotionen und Rhythmen, Anregungen von George Gershwin: Die Moderne und unerhörte Jazz-Einflüsse wehten durch den Konzertsaal.

Unerhörte Moderne mit Saxofon und Jazz

Jeder Dirigent sieht das freilich anders. Man kann es monumental wie Sergiu Celibidache mit den Münchner Philharmonikern darstellen (EMI) oder gläsern klar wie Herbert von Karajan mit verschiedenen Orchestern. Oder eben so leicht und elegant wie 2017 Philippe Jordan.

Wer gleich einen vitalen Eindruck von Jordans "Bilder"-Ansatz bekommen will, mag mit dem quirligen "Markt von Limoges" beginnen, der nicht nur die Qualitäten von Jordans Interpretation vereint, sondern auch die des Orchestre de l'Opéra national de Paris. Bewegte Menschenmenge und kleine Begebenheiten, Details und Fülle, ein schnelles Panorama menschlichen Lebens zeichnet Jordan. Genauigkeit in der Feinzeichnung, aber auch Flexibilität im Ausdruck findet statt, denn sofort geht es punktgenau abwärts in die Pariser Katakomben, deren Düsternis und Schrecken ebenso überzeugend und druckvoll gezeichnet werden wie das flotte Markttreiben.

Wie Philippe Jordan diese Facetten der Ravel-Bearbeitung dieses ohnehin schon komplexen Notentextes zusammenfügt, das bereitet einfach sinnliche Freude. Nicht einmal das normalerweise hoch pathetische Finale am "Großen Tor von Kiew" läuft ihm aus dem Ruder.

Beinahe noch flotter gelingt die "Symphonie classique", in der Sergej Prokofiev so etwas wie eine filigrane Brückenkonstruktion zwischen Klassik und Romantik versuchte. "Does humour belong in music?", fragte der Rock-Avantgardist Frank Zappa 1986 ironisch, und für die "Klassische Symphonie" hatte Leonard Bernstein eben diesen musikalischen Humor attestiert. Schwebende Leichtigkeit, das Beste zweier Welten und eine Fülle eigener Ideen: Man kann sich in diesem bunten Garten verirren, aber Jordan und seine Pariser Musiker finden sich bestens zurecht.

Vom "Parsifal" zu den "Meistern"

Philippe Jordan, 1974 in Zürich geboren, bekam mit sechs Jahren Klavierunterricht, beendete später sogar ein Studium als Klavierpädagoge, lernte dazu Violine und sang im Knabenchor seiner Heimatstadt. Später studierte er Komposition, bevor er als Assistent von Jeffrey Tate erste Dirigiererfahrungen sammelte, die er bei Daniel Barenboim in Berlin vertiefte. Heute gastiert er vielbeschäftigt in London, Salzburg, Wien und München. Seit 2014 ist Philippe Jordan außerdem Chef der Wiener Symphoniker. Mit dem Orchestre de l'Opéra national de Paris hat er in diesem Jahr einen Beethoven-Zyklus mit den neun Symphonien veröffentlich. An Selbstvertrauen mangelt es dem Schweizer also nicht.

Kann er auch gebrauchen, denn am 25. Juli gilt's der wagnerschen Kunst mit den "Meistersingern". Alles will gestemmt sein: Die bekannt heikle Orchester-Akustik, der Spannungsbogen im langen dritten Aufzug, die vielen Klangfarben und Stile stimmig zu mischen, das ganze Bayreuther Wagner-Besteck ist gefordert. Klaus Florian Vogt - Star der letzten "Meistersinger"-Premiere" - ist wieder als Stolzing mit von der Partie, Anne Schwanewilms gibt die Eva, Michael Volle wurde von Beckmesser zum Hans Sachs befördert.

Zu den Routiniers sollte der neue "Meister"-Dirigent Philippe Jordan bestens passen: Mit seinem "Parsifal"-Dirigat in Bayreuth 2012 präsentierte er eine luftig fließende Weite, die auch die "Meistersinger"-Welt erfrischen könnte. Da duftet dann nicht nur Flieder!

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