Bebel Gilberto Schwereloses Erbe
Wenn Bebel Gilberto singt, werden Connaisseure zu Archäologen. Alle anderen räkeln sich entspannt unterm vielleicht nur imaginären Sonnenschirm, lecken sich über cocktailsüße Lippen und denken an damals, als der Bossa Nova schon einmal en vogue war. Und nun also ein junges, neues Girl from Ipanema, ach, wie schön! Doch die Kenner plagt diffuse Unruhe. Irgendetwas ist anders als gewohnt. Verhallt da nicht gerade ein Vibraphon wie sonst nur die Orgel beim Dub? Swingt die Gitarre nicht, für Sekunden nur, wie einst bei Django Reinhard? Und gibt jetzt nicht sogar eine Beatbox den Rhythmus vor? Ein neues Prädikat ist schnell zur Hand: New Bossa Nova.
"Ich habe schon die Bezeichnung Bossa Nova nie sonderlich geliebt", sagt Bebel Gilberto, "und wenn man mir nun sagt, meine Musik sei als New Bossa Nova zu beschreiben, kann ich nur mit dem Kopf schütteln." Um dann allerdings ihres Vaters zu gedenken. Immerhin gilt João Gilberto als Miterfinder des Genres. "Ihm hat es das Leben bedeutet, sagt Bebel Gilberto. "Mir ist es eine Behinderung, und deshalb muss ich nun wohl oder übel ständig nach der Balance suchen zwischen unserer Familientradition und meinem Wunsch, neue Türen zu öffnen."
Dafür zog die Brasilianerin schon 1991 nach New York und kürzlich erst nach London. "Ich hätte in Brasilien meine Musik nicht machen können", so ihre Überzeugung, "denn entweder hätte ich die Arbeit meines Vaters fortgesetzt und wäre als schlechte Kopie gehandelt worden, oder man hätte mir vorgeworfen, sein Erbe zu beschmutzen." Die Flucht in die Fremde hat ihre Musik jedoch keineswegs zur Mixtur aus stets angenehmen Latino-Zitaten und radiokompatiblem Pop werden lassen - auch wenn sie damit inzwischen bequem auf der Modewelle surfen könnte. "Natürlich freue ich mich über den Erfolg lateinamerikanischer Musik", lächelt sie, "aber ich verbeuge mich lieber vor den alten Kubanern und einem Carlos Santana, als all diesen Trittbrettfahrern zu applaudieren."
Weshalb ihr exquisites Debut-Album "Tanto Tempo", von dem jüngst verstorbenen brasilianischen Rapper Suba in São Paulo produziert, denn auch auf keine der klassischen Ingredienzen des Bossa Nova verzichtet. "Ich will ohne die akkustischen Gitarren, ohne ein ganzes Arsenal von Percussions und ohne den Off-Beat-Gesang meiner Ahnen nicht auskommen." Und dabei denkt Bebel Gilberto dann doch wieder an den Vater. "Seine Stimme tanzte immer so herrlich leicht um Rhythmen und Gitarren herum. Ich glaube, ich kann das auch ein bisschen. Ich mache es eben nur ein wenig anders." Aber mindestens genauso schön.
Bebel Gilberto: "Tanto Tempo" (Ziriguiboom/Efa)