Benjamin von Stuckrad-Barre: Alles muss raus - DER SPIEGEL
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Benjamin von Stuckrad-Barre Alles muss raus

Meister der Selbstvermarktung: Als der Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre aus Berlin in die Schweiz zog, versteigerte er seine Plattensammlung. Am "musikalischen Existenzminimum", das ihm blieb, lässt er nun auch seine Fans teilhaben. Statt eines neuen Romans veröffentlicht er seine "Autodiscographie" auf CD.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Man sagt, er schreibe gerade an einem neuen Buch. Um Benjamin von Stuckrad-Barre ist es ein wenig still geworden, seit die große Blase der jüngeren deutschen Popliteratur an ihrer eigenen Oberflächlichkeit zerplatzte. Nach seinen Bestsellern "Soloalbum", "Remix" und "Livealbum", die des Autors Musik-Affinität bereits im Titel trugen, bringt der Ex-Journalist nun zunächst seine "Autodiscographie" heraus. 20 Lieder von 20 Alben, die ihm unentbehrlich sind, finden sich darauf, die Essenz, die ihm blieb, nachdem er vor dem Umzug von Berlin in die Schweiz seine riesige Plattensammlung versteigert hatte.

"Stuckis Resterampe" formulierte die "Bild"-Zeitung damals, alles musste raus. Das klingt nach Ausverkauf und medienwirksamer Entäußerung in schlagzeilenarmen Zeiten. So gewährt uns Stuckrad-Barre mit diesem ganz persönlichen Mixtape seiner Lieblingssongs einen intimen Einblick in seine Privatsphäre. Ob man den wirklich wagen möchte, ist eine andere Frage, doch zumindest jene verzückten Groupies, die bei Stuckrad-Lesungen immer ganz verklärt gucken, wenn der Popliterat seine polternd-provokante Performance absolviert, werden bei dieser Devotionalie interessiert zugreifen - als hätt's der Stucki nur für sie ganz allein aufgenommen.

Schlechten Geschmack kann man dem Überflieger, der mit 20 Redakteur beim deutschen "Rolling Stone" war und sich danach als Produktmanager bei Motor Music verdingte, trotz allem nicht vorwerfen - mal abgesehen vielleicht von seiner Vorliebe für den unsäglichen Trashpop der unartigen Prinzessin Stephanie von Monaco ("Irresistible"). Nun ja, das war 1986: Er war jung und wusste es noch nicht besser.

Andere Stücke auf Stuckrads "Autodiscographie" lassen hingegen nichts zu wünschen übrig: Eine Live-Aufnahme von Elvis Costellos "Accidents Will Happen", der Club-Hit "The Only One I Know" von den Charlatans, Pavements "Cut Your Hair" oder "The Calm Before The Storm" von den Pet Shop Boys. Solche Perlen reihen sich an Obskuritäten wie Westbams Version des Abwärts-Gassenhauers "Computerstaat", der Münchner Freiheit oder Manfred Krug. Ein krudes Patchwork, könnte man sagen, aber auch das Leben ist ja schließlich ein Flickenteppich der neuen, alten und abseitigen Leidenschaften, auch wenn man wie Stuckrad erst 28 ist, und keinesfalls altersweise.

Im Gegenteil: Was da ist, muss zu Markte getragen werden, denn wer weiß schon, wie lange man den Namen Stuckrad-Barre noch als Garant für ein paar CD-Verkäufe nutzen kann. "Balladen vom äußeren Leben" hat der Autor seine Compilation untertitelt, in Anlehnung an ein trauriges Gedicht Hugo von Hoffmansthals. Das tragen dann zu guter Letzt die "Tagesthemen"-Moderatorin Anne Will, der Schauspieler Otto Sander und der Schriftsteller Walter Kempowski (am Klavier) gemeinsam vor, und verleihen der leichtfüßigen Pop-CD dann doch noch einen Hauch Schwere und Melancholie.

Wer weiß, vielleicht muss man die "Autodiscographie" ja auch als einen Abschied vom wilden und schnellen Party-Leben begreifen. Womöglich könnte man sich dann sogar auf das neue Buch freuen. Bei der Release-Party vergangene Woche in einem Hamburger Laden seines Ausstatters Hugo Boss war Stuckrad-Barre jedoch noch ganz die alte Rampensau.


Benjamin von Stuckrad-Barre: "Autodiscographie" (Marina Records/Efa) wurde am 31. Oktober 2003 veröffentlicht