Berliner Philharmoniker Ohnesorg im Koalitionskrach
Der Vertrag mit Franz Xaver Ohnesorg als neuem Intendanten der Berliner Philharmoniker ist perfekt. Am Montag unterzeichnete Berlins Kultursenator Christoph Stölzl (CDU) den Kontrakt mit dem früheren Direktor der New Yorker Carnegie Hall im Beisein von Claudio Abbado und Sir Simon Rattle.
Bei dem kleinen Festakt im Scharoun-Bau am Potsdamer Platz wirkte alles sehr harmonisch: Stölzl pries den Neuen als den "richtigen Admiral für das Flaggschiff der Berliner Kultur". Orchestervorstand Peter Riegelbauer schwärmte vom großen Glück für das Orchester und schürte zugleich Erinnerungen an frühere, gescheiterte Bemühungen, Ohnesorg für das Haus zu gewinnen. "Damals hat man in Berlin wohl etwas geschlafen", kommentierte Abbado. Doch Schwamm drüber, oder besser: Schampus - die Versammelten tranken gut gelaunt auf den fünfjährigen Vertrag des neuen Hausherrn, der sein Amt am 1. September 2001 antritt.
Künstlerische Selbstbestimmung und Unabhängigkeit
Doch der schöne Schein trügt: In der Stadt tobt ein Koalitionskrach, der auch vor den Spitzenmusikern nicht Halt macht. Als der damalige Kulturstaatsminister Naumann vor einem Jahr den Vorschlag machte, der Bund solle das Orchester übernehmen, sträubten sich die Berliner Lokalpolitiker. Obwohl sie das Ensemble jahrelang stiefmütterlich behandelt haben, entdeckten sie plötzlich ihre Liebe zur Musik und die geforderten Mittel im Staatssäckel. Vor einer Woche schien das Gerangel endlich vorbei: Der Senat hatte die Umwandlung der Philharmoniker in eine Stiftung des öffentlichen Rechts beschlossen. Damit ist ein hohes Maß an künstlerischer Selbstbestimmung und Unabhängigkeit für das Ensemble gewährleistet. Auch die lang ersehnte Etaterhöhung um 2,3 Millionen Mark schien in trockenen Tüchern. Durch sie soll die fällige Gehaltsanpassung finanziert werden, um den hohen musikalischen Standard des Orchesters und die Musiker zu halten.
Ohnesorg schwärmte bereits von der neuen Eigenverantwortlichkeit. "Eine Stiftung gehört sich selbst. Das passt zu den Philharmonikern." Es sei zwar noch Überzeugungsarbeit zu leisten, aber "wir sind unser Geld wert", betonte der neue Intendant. Überzeugen muss er SPD und Grüne, die bei dem geplanten Stiftungsmodell ein Haar in der Suppe fanden. Kurz vor der Vertragsunterzeichnung hatte sich die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, Alice Ströver, zu Wort gemeldet: "Diese Konstruktion entlässt die Philharmoniker vollkommen aus der parlamentarischen Kontrolle mit allen Einnahmemöglichkeiten, und das ist kaum zu verantworten". Es sei nicht akzeptabel, dass der Staat keinen Überblick über die Nebeneinnahmen der Philharmonie aus dem Mediengeschäft habe und weiter seinen Zuschuss zahle, ohne über die eigentliche Kapitalkraft der GmbH im Bilde zu sein. Sie habe daher "strukturelle Bauchschmerzen" und schloss Nachverhandlungen nicht aus.
Noch kann das Modell kippen. Die vom Senat der Großen Koalition am 3. April beschlossene Vorlage zur Stiftungsgründung, muss noch im Kulturausschuss und in dem für die Bewilligung der Zuschüsse zuständigen Hauptausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses beraten werden.
Vertragspoker um Gehaltserhöhung
Ohnesorg und Stölzl zeigten sich von Strövers Bedenken ungerührt. Ruhig erklärte der Kultursenator, sein damaliges Angebot an Ohnesorg habe er selbstverständlich auch mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) besprochen. "Alle sind sich einig, dass die Stiftung sinnvoll ist, und sie ist auch kontrollierbar wie jede Stiftung des öffentlichen Rechts", betonte Stölzl, der Stiftungsratsvorsitzender wird.
Bleibt noch der Streit um die Höherdotierung der 128 Musiker. Die Grünen halten die Aufstockung angesichts der Spitzenstellung des Orchesters zwar für gerechtfertigt, aber die SPD stellt sich stur. Im Sommer 2002 soll Rattle als künstlerischer Leiter der Philharmoniker antreten und den schwer kranken Abbado ablösen. Doch Rattle unterschreibt seinen seit mehreren Monaten in der Senatsschublade ruhenden Vertrag nur, wenn sich der Haushaltsetat für die Philharmoniker erhöht. Nun will die Berliner SPD die Versprechungen des Senats vom letzten Jahr, als der Bund sein Interesse am Orchester bekundet hatte, rückgängig machen. Die Philharmoniker sollen sich ihre Gehaltserhöhung selbst finanzieren. Die versprochenen Mittel müssten mit jenen Einkünften gegengerechnet werden, die sich die Musiker bislang über CD-Aufnahmen und TV-Auftritte privat erwirtschafteten. Stölzl verwies den Wunsch der SPD mit einem Hinweis auf das Urheberrecht jedoch ins Märchenland.
Präsentation des Stiftungsmodells verzögert Etaterhöhung
Tatsächlich sollen die Gehälter der Ensemblemitglieder ab September um rund 2000 Mark angehoben werden - zunächst eine Millionen Mark hat das Abgeordnetenhaus bewilligt, hält die Pfründe aber zurück, bis das Stiftungsmodell im Detail präsentiert werden kann. Insgesamt müssen für die Philharmoniker jedoch 3,3 Millionen aufgebracht werden - wo die ab 2002 fällig werdenden restlichen 2,3 Millionen Mark herkommen sollen, bleibt vorerst Berlins Geheimnis. Die Entscheidung über die Etaterhöhung wurde auf den Nachtragshaushalt im Mai vertagt. Die SPD ließ offen, ob sie angesichts des Haushaltsdefizits von fünf bis sechs Milliarden Mark zustimmen wird.
Der Kultursenator hält jedenfalls unerschütterlich an der Etaterhöhung fest. Stölzl: "Alle wissen, einschließlich Rattle, dass wir mehr Geld brauchen, um die Spitzenposition der Philharmoniker, die von einer dramatischen Abwanderung betroffen sind, zu halten. Die Große Koalition in Berlin ist gegenwärtig in einem tiefen Konflikt über die Prioritäten in dieser Stadt. Es wird harte Verhandlungen geben, aber auch bei den letzten Haushaltsberatungen haben sich die drohenden rabenschwarzen Gewitterwolken schließlich wieder verzogen." Bleibt zu hoffen, dass Stölzl mit seiner Prognose Recht behält. Sonst kann sich die Stadt mit einem Rekord an verprellten Musikern ins Guinness-Buch eintragen lassen.