Big Youth: Wild brodelnde Reggae-Ursuppe - DER SPIEGEL
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Big Youth Wild brodelnde Reggae-Ursuppe

Dancehall, jahrelang geschmäht als Hängemattenmusik für alt gewordene Hippies, erlebt in Deutschland derzeit ein Comeback. Passend dazu veröffentlicht Mick Hucknalls Blood & Fire-Label eine Retrospektive des Reggae-Pioniers Big Youth.
Von Jürgen Ziemer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Junge HipHop-Musiker wie Absolute Beginner, Freundeskreis und D-Flame entdecken die karibischen Grooves als ideale Plattform für ihre Raps. Techno-Produzenten wie Rhythm & Sound oder Pole entwickeln aus dem in den späten Sechzigern entstandenen Reggae-Genre eine moderne Klangästhetik, die abstrakt und minimalistisch ist, und dabei doch so beseelt wie die schönsten Songs des Reggae-Propheten Bob Marley.

Mick Hucknall ist vermutlich einer der größten Reggae-Fans. Der Sänger der britischen Soulpop-Band Simply Red gründete 1993 mit ein paar Freunden die Plattenfirma Blood & Fire. Das kleine Label dient vor allem einem Zweck: Der Wiederveröffentlichung fast vergessener Reggae-Klassiker aus den siebziger Jahren - der Blütezeit des Genres.

Meisterwerke wie "Heart Of The Congos" von der Gesangsgruppe The Congos, oder "Dub Gone Crazy" vom legendären Sound-Innovator King Tubby sind so wieder erhältlich, zudem noch edel verpackt und sorgfältig ergänzt durch ausführliche Biografien und üppige Informationen. Mit der gerade veröffentlichten CD-Box "Natty Universal Dread" hat "Blood & Fire" einen weiteren Meilenstein ausgegraben: Die drei CDs enthalten die besten Aufnahmen des legendären Reaggae-Vokalisten Big Youth, entstanden in den Jahren 1973 - 1979. Die Musik eines bärtigen Rastas, der 1955 als Manley Augustus Buchanan geboren wurde, und der schon als Jugendlicher ein baumlanger Kerl war, Big Youth eben.

Big Youth nennt sich DJ, doch hinter dem Kürzel verbirgt sich in Jamaika kein Diskjockey, sondern eine Art Rapper. Seit den fünfziger Jahren ist es auf der Karibikinsel üblich, jede gespielte Platte lautstark anzukündigen. Im Lauf der Jahre entstand so ein eigenwilliger Sprechgesang. Das eigentliche Plattenauflegen besorgt in Jamaika seitdem der "Selector". Als Big Youth Anfang der Siebziger begann, über Instrumentalversionen bekannter Hits - sogenannte Dub-Versions - zu rappen, legte er damit, wie sein Kollege U-Roy, einen der Grundsteine für HipHop.

Doch verglichen mit Eminem & Co. ist der Sprechgesang von Big Youth eine wild brodelnde Ursuppe: Satzfetzen, wie "Natty Congo" oder "I and I", werden wie ein Mantra wiederholt, unterbrochen von grellen Schreien, kurzem Gesang und düsteren Prophezeiungen aus der Bibel. Unter dieser vokalen Achterbahnfahrt liegt ein schwerer, von Schlagzeug und Bass getriebener Rhythmus. Minimalistische Gitarren- und Orgelakkorde setzen Akzente, bedrohliche Bläserarrangements erinnern an das Jüngste Gericht, das nach Meinung der Rastafarians nur die wirklich Gläubigen verschont. Obwohl dem Reggae wegen seiner karibischen Herkunft, fälschlicherweise ein Sunshine Image anhaftet, preisen viele Songs "Jah", den Allmächtigen, berichten von den Leiden eines Volkes, das aus seiner Heimat entführt und Jahrhunderte lang in Sklaverei gehalten wurde. Die Rückkehr nach Afrika ist ein zentrales Thema vieler Reggae-Stücke.

In seinem vielleicht besten Song "Mosiah Garvey" beschwört auch Big Youth die Einheit seines Volkes. Zum Rhythmus des Burning-Spear-Hits "Marcus Garvey" verkündet er mit rauer, eindringlicher Stimme Thesen des gleichnamigen, wegen seines latenten Rassismus umstrittenen, jamaikanischen Volkshelden. In Verbindung mit der entschlossen nach vorne strebenden Musik entsteht daraus ein ungeheuer kraftvolles Stück Musik: gottesfürchtig und aufrührerisch zugleich. Auf "Natty Universal Dread" finden sich allerdings auch eher klassische Liebeslieder wie das stark von amerikanischem Soul beeinflusste "Hot Stock".

Ein romantisches Fernweh, wie es die alten Kubaner des Buena Vista Social Club mit ihrer Musik erzeugen, will bei den drei CDs trotzdem nicht so recht aufkommen. Denn obwohl ein Großteil der Stücke fast 30 Jahre auf dem Buckel hat, klingen sie kaum nach Schaukelstuhl, sondern nach einem überhitzten Großstadtdschungel voller Überraschungen.