Bond: Süß-klebriger Klangbrei - DER SPIEGEL
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Bond Süß-klebriger Klangbrei

Seit Jahren leidet der Klassik-Markt unter rückläufigen Verkaufszahlen. Deshalb versuchen die Plattenfirmen den boomenden Crossover-Sektor auszuschlachten - oft um jeden Preis. Aktuelles Beispiel ist das Streichquartett Bond.
Von Holger Erdmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

1995 stand die Geigerin Vanessa Mae für das Cover ihres ersten Crossover-Albums "The Violin Player" im durchscheinenden Kleidchen bis zur Hüfte im Ozean und fiedelte. Fünf Jahre später stehen vier junge Frauen mit ihren Streichinstrumenten ebenfalls im Wasser. Zwar nur bis zu den Knöcheln, aber immerhin. Zu sehen ist die feuchte Inszenierung Im Video zur aktuellen Single "Victory" des Streichquartetts Bond. Zufall ist diese Dualität wohl kaum, schließlich haben Vanessa Mae und Bond das selbe Management.

Knapp zwei Jahre ist es her, als der umtriebige Manager Mel Bush in London ein Inserat aufgab, mit dem er nach vier Frauen suchte, die sich zu einem fiedelnden Vierer vereinen sollten. Zuerst meldeten sich die beiden Geigerinnen Haylee Ecker und Eos, dann gesellte sich die Bratschistin Tania Davis hinzu. Schließlich vervollständigte die Cellistin Gay-Yee Westerhoff das attraktive Quartett, das unter dem mythenschweren Namen Bond firmiert. "Es gibt natürlich viele verschiedene Interpretationsmöglichkeiten für den Namen. Zunächst einmal klingt Bond einfach gut und international. Es sind vier Buchstaben und wir sind vier. Aber für uns geht es in erster Linie um das Band zwischen uns, und nicht so sehr um den Verweis auf James Bond."

Dabei könnte jede der vier jungen Frauen gut und gern als Gespielin des berühmten Agenten durchgehen. Aber sie musizieren nun einmal auf Streichinstrumenten - und dafür hatte "007" bisher noch keine Verwendung. Welche gewichtige Rolle das ansehnliche Äußere dennoch bei Bond spielt, ist den vier jungen Frauen durchaus klar. "Marketing, Image und Aussehen sind natürlich wichtig. Das alles gehört zum Gesamtpaket", gibt Tania Davis zu.

Alle vier haben eine jahrelange klassische Ausbildung hinter sich. Davis und Ecker sind Absolventinnen der renommierten Guildhall School Of Music And Drama, Gay-Yee Westerhoff studierte am Trinity College Of Music in London und Eos war am Royal College Of Music, ebenfalls in London. Die hart erarbeiteten spieltechnischen Fähigkeiten der in den britischen Medien bereits als "Classical Spice Girls" gehandelten Frauen gehen auf ihrem beim traditionsreichen Decca-Label erschienenen Debüt-Album "Born" jedoch leider oft unter.

Produzent Magnus Fiennes, der auch die meisten Stücke komponierte, rührte gemeinsam mit seinen Mitstreitern (u.a. der kroatische Komponist Tonci Huljic) einen süß-klebrigen Klangbrei zusammen, der alle erdenklichen Versatzstücke aus Klassik, Pop und Weltfolklore mit computergenerierten Grooves und dicken Keyboard-Teppichen verpappt. Darüber und dazu ließ er dann die vier hübschen Mittezwanzigerinnen ihre Saiten streichen. Mit Klassik hat das nur noch wenig zu tun.

Die sei aber auch gar nicht in der Intention von Bond enthalten, geben die vier zu Protokoll. "Wir spielen Popmusik auf klassischen Instrumenten. Wir bringen also unseren klassischen Background in die Popmusik ein." Welche Halbwertzeit - oder besser: welches Verfallsdatum - das Projekt besitzt, wissen sie offenbar auch ganz genau. "Wir werden das mit Sicherheit nicht mehr tun, wenn wir 50 sind. Im Moment konzentrieren wir uns auf Bond. Aber dieses Projekt ist nur eine Farbe in unserem musikalischen Spektrum. Und es hat nichts mit dem zu tun, was wir sonst machen."

Bond: "Born" (Decca/Universal), veröffentlicht am 22. Dezember 2000