Britischer Pop: Die Rüpel sind ruhig - DER SPIEGEL
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Britischer Pop Die Rüpel sind ruhig

England rockt nicht mehr - Ein Nachruf auf die "New Lads" und eine Epoche englischer Euphorie.
Von Tobias Moorstedt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Peter Phillips im Herbst des Jahres 2000 betrunken vor einer spanischen Discothek fotografiert wurde, ging in England eine Ära zu Ende. Der junge Mann wirkte mit seinen langen Haaren, der engen Jeans, der Lederjacke und der Bierdose in der Hand wie eine Kopie des Oasis-Sängers Liam Gallagher. Das wäre an sich ja nichts besonderes, wenn Peter Phillips nicht auch zufällig der Enkel von Queen Elizabeth wäre.

Das Foto des saufenden Prinzen versetzte einer gesellschaftlichen Bewegung den Todesstoß, die England in den neunziger Jahren weitgehend dominiert hatte: jener Rock'n'Roll-Meute um den Oasis-Rüpel aus Manchester, die so genannten New Lads ("neue Kerle"). Denn weiter hinein in die Gesellschaft als bis ins Königshaus kann auch in England ein Trend nicht vordringen. Und mitten im Mainstream versiegt jeder Trend.

Über Jahre hinweg waren die Britpopper von Oasis, Blur und Pulp an der Spitze der englischen Hitparade festzementiert, doch seit einigen Monaten lauschen die Briten zunehmend sanfteren Klängen. Ganz oben in den Charts stehen nicht mehr die schlecht frisierten Gallagher-Brüder, sondern die Pop-Poeten Kings of Convenience. Eine Band, die wie die Antithese zur britischen Leitkultur der wahren Männlichkeit klingt. Mit ihrer wunderbar-melancholischen Platte "Quiet Is The New Loud" verpassten ausgerechnet jene beiden Norweger einer neuen Bewegung in der britischen Musikszene das passende Motto. Die Musikpresse fasst den Lo-Fi-Pop von Bands wie den Kings, Coldplay oder Travis in der Schublade "New Acoustic Movement" zusammen.

Mehr als anderswo auf der Welt ist die Musik im Vereinigten Königreich ein markanter Indikator für gesellschaftlichen und politischen Wandel. Die Hitparade dient als Fieberkurve einer ganzen Nation. Gerade eine halbe Dekade ist es her, dass jener Liam Gallagher, den der saufende Königsenkel nun zur Karikatur werden ließ, zusammen mit Blur und Pulp den euphorischen Soundtrack für Tony Blair und seine Vision des "Cool Britannia" schrieb. Nach Jahren des Stillstands schien die Inselnation 1995 wieder auf dem Weg zu alter Stärke zu sein. Tony Blair wollte England wieder an die Weltspitze führen. "You will find me in a Champagne Supernova", sangen Oasis dazu, und die Nation stimmte ein. Die New Lads waren geboren. Alles war erlaubt.

Der harte Mann als Rollenmodell

Das Inselreich hat schon viele Trends hervorgebracht: Die Mods, die Rocker, die Punks - Jugendbewegungen, die in der britischen Unterschicht verankert waren und daher immer den "harten Kerl" als Rollenmodell hatten. Doch die New Lads waren am radikalsten. Sie scherten sich nicht mehr um Konventionen, sie verachteten das erfolgsorientierte und oberflächliche Denken der Achtziger, in denen Lifestyle-Magazine wie "Men's Vogue" die Männer zu besseren Menschen machen wollten. Die Lieblingslektüre der New Lads waren Magazine wie das "ForHimMagazine" ("FHM"), das dem Mann "die besten Tipps für den Bordellbesuch" gab. Dessen Verleger Ken Nelson meinte einst: "Wir machen ein Magazin über das, was mir Spaß macht." Nelson war ein Hugh Hefner des Arbeitermilieus, ein Befreier.

Beim New Laddism ging es in erster Linie darum, sich möglichst schlecht zu benehmen. Der moderne Lad ist das Gegenteil des britischen Gentleman. Er benutzt vulgäre Ausdrücke, legt keinen Wert auf ein gepflegtes Äußeres, bekennt sich offen zum Konsum von Pornografie, harten Alkoholika und weichen Drogen. Und er behandelt Frauen voller Überzeugung als Sexobjekte.

Ausgerechnet der Cambridge-Absolvent David Baddiel wurde zum Protagonisten dieser Bewegung. In seiner TV-Show "Fantasy Football League" gab der Schriftsteller und Kabarettist den harten Mann ohne Manieren, und für die Fußball-Europameisterschaft in England 1996 komponierte er den Kult-Song "Football Is Coming Home". David Baddiel war der Brite, der sich nicht mehr länger demütigen ließ. Nicht von dem emanzipierten weiblichen Geschlecht. Nicht von den wirtschaftlich überlegenen Kontinentaleuropäern. Auf einen wie David Baddiel hatten die britischen Männer gewartet.

Das Ende des neuen Selbstbewusstseins

"Football is coming home. It's coming home!" Der Fußball kehrt zurück, wo er hingehört. Die Fußball-Leidenschaft der New Lads war essenzieller Bestandteil der neuen Wir-sind-wieder-wer-Mentalität. Es war eben schon immer mehr als nur ein Sport. Nach Jahren der Demütigung auf dem grünen Rasen durch die kontinentalen Kicker gewannen die Insulaner 1996 langsam die Oberhand. Als jedoch Gareth Southgate am 26. Juni 1996 den entscheidenden Elfmeter im Halbfinale der Europameisterschaft an den Pfosten setzte, war der Traum von nationaler Größe ausgeträumt. England ausgeschieden. Mal wieder gegen Deutschland. Viele britische Intellektuelle sahen in diesem Pfostenschuss bereits das Ende des neuen Selbstbewusstseins.

Doch ein ausgewachsener Hype ist im Medienzeitalter nicht so leicht totzukriegen. Vor allem nicht, wenn er sich so trefflich verkaufen lässt wie New Laddism - mit viel nackter, vor allem weiblicher Haut und konfliktträchtigen Protagonisten wie dem Showmaster Chris Evans, der in seiner Sendung "Penisvergleiche live" durchführen ließ. Vor kurzem wurde Chris Evans Sendung allerdings abgesetzt.

Die breite Männerbrust wird ganz schmal in Zeiten von BSE und MKS. Immer klarer wird: Das New Britannia von Tony Blair ist in vielem eben ganz das alte verstaubte Britannien der Margaret Thatcher, eine schillernde Fassade mit nichts dahinter. Aus Cool Britannia ist eine Katastropheninsel geworden. Ganze Landstriche werden verdunkelt durch den Rauch der Scheiterhaufen, auf denen die Opfer der Tierseuchen verbrannt werden. Bagger heben kilometerlange Massengräber aus. Das Schulsystem liegt danieder. Nur ein Fünftel aller Briten besitzen genügend Mathematik-Kenntnisse, um ihr Wechselgeld zu zählen.

Es hilft die beste Vermarktung nichts, wenn das Produkt nicht stimmt. Und die hymnischen Töne der Britpopper sind nunmehr ebenso wenig angebracht, wie das selbstgefällige Gehabe der New Lads. Das New Acoustic Movement setzt die allgemeine Depression nur musikalisch um.

"Quiet is the new loud", die Stille übertönt den Lärm, die Melodien die krachenden Gitarrenverstärker. Die Songs von Oasis waren Hymnen auf die nationale Größe. Die Lieder von Coldplay, Travis und Co. klingen wie ein kollektiver Stoßseufzer der britischen Seele: Wir sitzen auf einer Insel. Immer noch. Die Kühe sind verrückt. Die Schafe sind krank. Die Fußballer verlieren wieder gegen Deutschland, und Tony Blair ist kein Stück besser als Maggie Thatcher. Es regnet. Auf unsere Köpfe. Wir hatten es nur noch nicht bemerkt.