Britpop Beatles-Trauma überwunden
Angefangen haben Radiohead. Die introvertierten Studenten-Rocker aus Oxford ahnten vor drei Jahren nicht, was ihr Album "OK Computer" anrichten würde. Sie kümmerten sich weder um die Beatles-Nachahmer Oasis, noch um die neuen Monkees namens Supergrass, sondern beschritten mit ihrer extrem melancholischen Version von Zukunftsangst eine ganz andere Dimension britischer Popmusik. Inhalt, Musikalität und Gefühl zählten, statt großer Klappe und schicken Adidas-Trainingsanzügen. Inzwischen ist diese Einstellung längst zu einem Musikzweig erwachsen, den die britische Fachpresse spöttisch-hilflos mit "pastoral rock" (Hirten-Rock) umschreibt. Gemeint sind Bands wie Gomez oder - prototypisch - die Beta Band, deren äußeres Erscheinungsbild tatsächlich eher an Schafhirten, als an moderne Popstars erinnert.
Abgetragene Blue-Jeans, unauffällige Gore-Tex-Anoraks, zerbeulte Anglerhüte und Vollbärte gehören zu den Erkennungsmerkmalen der Hirtenrocker, ebenso wie ihr psychedelischer, Seventies-beeinflusster Gitarrenrock. Das Debüt-Album der Beta-Band, auf dem es neben dissonanten Soundbytes aus dem missglückten SciFi-Film "Das Schwarze Loch" auch das eine oder andere Naturgeräusch (Entenlockruf) zu hören gab, gehörte zu den Kritikerlieblingen des vergangenen Jahres und platzierte sich gleichberechtigt zwischen Ibiza-Tanznummern in den UK-Charts. Doch auch andere Bands profitierten von der neuen Popularität des Ruralen. Gomez, die weniger auf Siebziger-Psychedelia als auf alten Blues und R&B setzen, wurden für ihr tiefgründig-behäbiges Album "Liquid Skin" gefeiert. Die unscheinbaren Schotten von Travis wurden vom Musikblatt "Q" sogar zur "besten Band des Jahres" gewählt. Auf dem Cover ihres aktuellen Albums "The Man Who" sieht man die vier Bandmitglieder in karger Landschaft stehen.
Auf der Bühne geben sich diese neuen Bands von der Countryside verletzlich und ernsthaft. Fran Healy von Travis, ein liebenswert-zerbrechliches Männchen, beugt sich gerne tief über seine akustische Gitarre und gibt sich seinen sehnsüchtigen Songs hin. Überhaupt scheint es vorrangig die Sehnsucht nach Unschuld und unberührten Plätzen zu sein, die britische Bands aus den bislang trendprägenden Städten treibt. Nach einem Jahrzehnt der Exzesse, dem Aufstieg und Fall des "Cool Britannia", der Oasis- und Spice-Girls-Hysterie, scheint Bescheidenheit und Nabelschau vonnöten zu sein. Und was eignet sich dafür besser, als ein geordneter Rückzug aufs Land, wo die Dress-Codes und Coolness-Barometer der Großstadt keine Geltung haben.
Radiohead weilen währendessen zurückgezogen auf einem Landgut in Oxfordshire und kommunizieren nur über gelegentliche Internet-Chats mit der Außenwelt. Bei der Produktion ihres neuen Albums, das vermutlich im Frühjahr erscheinen wird, befinde sich die Band, so Gitarrist Ed O' Brien, gerade in einer "Beta-Band-Phase".