Casting-Star Gregor Meyle Der erstklassige Zweite
Die Positionen sind so starr wie Dieter Bohlens Gel-Frisur: Wer als Musiker seine Popularität der Teilnahme an einer Casting-Show verdankt, so die einhellige Meinung von Feuilleton und Fachpresse, kann niemals Künstler sein.
Vielleicht muss diese Haltung ja mal überdacht werden. Dazu genügt eine einfache Frage: Wer war es denn, der vorher darüber entschied, welcher Sänger Top und welcher Flop ist? Es waren die sogenannten Artists- und Repertoire-Manager in den Plattenfirmen, Leute also, die nicht selten durch Fehlentscheidungen glänzen.
Warum also nicht die Casting-Show zum Talent-Pool der Zukunft machen? Gregor Meyle nickt. "Solche Shows müssen ja nicht unbedingt dem immer gleichen Unterhaltungsformat entsprechen." Das hat der 29-Jährige am eigenen Leib erfahren dürfen. Als Teilnehmer von Stefan Raabs Show "SSDSDSSWEMUGABRTLAD" erreichte Meyle am Ende den zweiten Platz, inzwischen steht sein Album "So soll es sein" in den Top Ten der deutschen Charts. Gut, das gelang auch einigen Probanden aus "DSDS" und "Popstars", an eine Nachhaltigkeit von deren Strohfeuer-Erfolgen aber dachte keiner der Veranstalter.
Ganz anders nun bei Raab, wenn man Gregor Meyle glauben will. "Der Stefan", sagt er, "hat sich die Leute nach ihrer Musikalität ausgesucht. Ganz ehrlich: Mit jedem, der da unter die letzten zehn gekommen ist, hätte man ein Album machen können. Das war im Grunde kein Wettkampf, wir haben jedes Mal bis nachts um vier zusammen gehockt und gemeinsam überlegt, was der andere beim nächsten Mal wohl singen könnte."
Eine Arbeit, die man sich bei DSDS kaum vorstellen kann. Raab ermutigte Meyle, der die Show mit einer Cover-Version von John Mayers "Your Body Is A Wonderland" begonnen hatte, am besten gleich mit seinen eigenen Songs weiterzumachen. "Klar hatte ich erstmal Schiss, ich musste ja gegen acht Welthits anstinken mit meiner kleinen Nummer."
Heikle Situationen aber kannte Meyle schon aus seiner Zeit als Auftragsmusiker. "Als ich damals im Mannheimer Gebiet in Clubs auftrat, gab es eine feste Band und zehn Sänger, von denen jeder zwei, drei Nummern sang. Und es gab 600 Leute, die dich von der Bühne pfiffen, wenn du Scheiße gebaut hast."
Seine Konkurrenz waren damals vor allem Schwarze, die Soul-Nummern sangen. "Ich war da der Balladen-Fuzzi. Wenn ich anfing, gingen die Jungs im Saal zum Bierholen an die Bar. Wenn sie sich umdrehten, sangen ihre Mädels mit und schwenkten die Feuerzeuge, und plötzlich waren auch die Jungs wieder da. Die wollten wissen, was der Typ da im Wollpullover mit der Brille hat, was sie nicht haben."
Den Wollpullover trägt Gregor Meyle bis heute, die Brille nur noch privat, "ich hab' da so ein Beckenbauer-Modell, mit dem kann ich unbehelligt im Café sitzen und Zeitung lesen." Dass Meyle redet wie ein Veteran des Popgeschäfts, kommt also nicht von Ungefähr. Der 1978 in Backnang bei Stuttgart geborene Sänger musizierte schon im Vorschulalter, und als er mit zwölf Jahren der Guns-N'-Roses-Coverband "Young Guns" beitrat, begann er mit dem Komponieren.
Seitdem hofft er auf das große Publikum. "Im Grunde ist mein Album, mal von der Produktion und etwas Feinschliff abgesehen, ja schon lange fertig. Aber ich hätte da bei keiner Plattenfirma eine Chance gehabt. "
Bei Raab aber geht man unkonventionelle Wege. Das beweist schon der monströse Titel der Casting-Show. "SSDSDSSWEMUGABRTLAD" steht für "Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gerne auch bei RTL auftreten darf". Auf die Idee kam Raab, nachdem RTL dem DSDS-Aussteiger Max Buskohl verboten hatte, bei "TV Total" aufzutreten.
Auch musikalisch hat sich die Entscheidung gegen DSDS und für Raab gelohnt. Mit Claus Fischer als Produzent, der früher einmal Bassist in Raabs Showband war, konnte Meyle sein Album fertig stellen. Und jetzt ist die Platte weit oben in den Charts. "Es gab sogar schon Anrufe von Musikern, deren Platten ich als Kind gehört habe und die jetzt plötzlich Songs von mir haben wollten", sagt der Sänger stolz. "Dieser zweite Platz ist das Geilste, was mir passieren konnte."
Gregor Meyle: "So soll es sein" ist bei Universal erschienen