CD-Kritik "Bouyon Rasin" - Der Reggae Haitis
Lebte unser Gott in Frankreich, er würde eine "Bouillon Racine" ordern. Ein haitianischer Wurzelsud heißt auf kreolisch "Bouyon Rasin". Und das ist mehr als französische Brühe, afrikanische Wurzeln und eine Prise Voodoo-Magie. Rasin ist Musik und Politik. "Rasin", sagt der haitianische Musiker Boukman Eksperyans, "ist der nächste Reggae." Das sei die richtige Mixtur aus Spiritualität und Politik.
Reggae ist jenseits von Jamaica ohne Bob Marley nicht denkbar. Für Rasin wurde noch kein Marley gefunden. Haiti war ein dunkler Fleck auf der politischen Landkarte. In den anderen Teil der Insel Hispaniola, die Dominikanische Republik, fluten täglich die Touristen. Haiti versank jahrzehntelang im Terror unter den beiden Diktatoren Duvalier. Dann kamen der "Befreiungstheologe" Jean-Bertrand Aristide, dann die Militärs und später die Blauhelme, . Und als das Land sich wieder geöffnet hatte, kam für viele haitianische Musiker ihr erster öffentlicher Heimat-Auftritt seit Jahrzehnten: Im Sommer 1995 fand in einem Fußballstadion der Hauptstadt Port-au-Prince das "Bouyon Rasin Festival" statt.
Das Land ist arm, die Musik ist reich. Wyclef Jean, von den Fugees ist nicht der Bob Marley des haitianischen Rasin - aber er könnte ihn bekannt machen. Der Rapper stammt aus der haitianischen Exil-Gemeinde in Brooklyn und spielte auf dem Solo-Album "Carnival" drei Lieder in haitianischem Kreolisch. Vielleicht hatte ihn das "Bouyon Rasin Festival" dazu inspiriert - auch er war dabei, ebenso wie die Grande Dame Kubas, Celia Cruz, die mit dem verrappten "Guantanamera" auf "Carnival" einen Hit gelandet hatte. Wyclef grub seine musikalischen Wurzeln aus.
Rasin ist als Gegenspieler zum kommerzialisierten "Konpa" zu sehen. Rasin hat seine Ursprünge auch im haitianischen Voodoo, dem aus Afrika mitgebrachten Glauben an Magie, der in Alltag und Politik Haitis allgegenwärtig ist - die berüchtigte Geheimpolizei Papa und Baby Docs', die Tontons, operierten damit; selbst Aristide stattete den Voodoo-Priestern bei seinem Amtsantritt respektvolle Besuche ab.
Rasin geht auch auf "Rara" zurück: Zur Karnevalszeit wird er gefeiert, mit afrikanischen Trommeln, Chören im "Question-and-Answer"-Schema, Tanzen und Rhythmus. Der wird begleitet von zwei haitianischen Instrumenten: In die Bambusrohre "Vaccines" wird wie in australische Didgeridoos geblasen und die blechernen "Trumpets" sehen aus wie abgesägte Benzintrichter.
Rasin ist mit seinen politischen Untertönen in den achtziger Jahren wieder lauter geworden. Auch seine bekannteren Vertreter - Boukman Eksperyans, Boukan Ginen, Ram und Foula - spielten auf dem Festival vor mehreren tausend Menschen. Da gab Improvisation den Ton an: Manche Musiker hatten vorher keine großen Konzerte gegeben, die Techniker kämpften mit Mikros, die Stimmung schäumte.
Das haitianische Woodstock ist auf der CD "Bouyon Rasin" mitgeschnitten - als "Zeitdokument" versteht das auch das Label Tropical, das dem Auftakt mehr haitianische Musik folgen lassen will. - Der Wurzelsud köchelt noch. Wenn er durchgezogen ist, kann er auch europäischen Gaumen munden.
"Bouyon Rasin" (Tropical Music)