CD-Kritik Cornelius: "Fantasma"
Scharf gescheitelt und streng bebrillt stand er im Anzug hinter einem antiken Musikmöbel. Er fuhr mit den Händen durch die elektrischen Felder des Theremins, das ein Russe als Vorläufer des Synthesizers erfunden hatte. So kam Keigo Oyamada vor zwei Jahren nach Europa: Auf einem Album, das vorgab, Japans Popmusik exemplarisch vorzuführen, war Oyamada unter dem Decknamen Cornelius zu sehen und zu hören. "Sushi 3000" hieß die Zusammenstellung von Yasuharu Konishi, einem bekannten Gewährsmann der Gruppe Pizzicato Five. Der zeigte Cornelius als braven Nostalgiker und hatte ein Stück ausgewählt, das den hiesigen Vorstellungen vom Nippon-Pop entsprach: ein erheiternder Cocktail überlieferter Stile.
"Shibuya-Musik" nennen sie dieses erfolgreiche Easy Listening im Underground von Tokio, um es abzugrenzen von ihrem Dub und ihrem Acid Jazz. Denn Stars wie Pizzicato Five werden auf der Straße von Autogrammjägern bestürmt. Die Sängerin Kahimi Karie wird von ihren Fans verfolgt. Auch Cornelius füllt dort mühelos einen Saalbau wie den berühmten Budokan. Nun debütiert er mit seinem dritten Album im weltweiten Vertriebsnetz. Und was tut er? Er dreht durch. Er beschert dem Markt ein abstruses Werk, das nichts mehr zu tun hat mit dem netten jungen Mann am Theremin.
"Fantasma" eröffnet mit einem Mikrofontest. Cornelius atmet tief durch, bevor er stürmisch in den Empfänger bläst und Beethovens Schicksals-Signal pfeift. Eine Kamera klickt. Sein Mobiltelefon ruft. Dann spielt er auf einem elektrischen Klavier zu Aufnahmen der Beach Boys, die sich immer wieder aus dem Chaos zu erheben scheinen: "God Only Knows" heißt ein Song, in dem der mutmaßliche Adept dann doch jeden deutlichen Anklang vermeidet. Er mogelt die Zitate unter andere Verweise. Schickt Banjos und Streicher in sein Stück "Thank You For the Music", das allenfalls im Titel an die Schweden von ABBA erinnert. "Fantasma", der Track, ist nur noch ein einminütiger Abgesang im kalifornischen a capella.
Die Beach Boys sind der rote Faden, mit dem Cornelius dieses Album durchwirkt, sein Garn, das er mit Lust zerreißt und zu verstörenden Mustern knüpft. Er verbindet The Clash ("Clash") mit einem rechnergestützten Präludium von Bach ("2010"), verstrickt angesehene Bands wie Sonic Youth, Microdisney und Stereolab. Die Beatles verheddern sich in Krautrock und Drum'n'Bass. Intrumentalspuren, allesamt eigenhändig eingespielt, flicht Cornelius durch Samples von Blasmusik und indischem Kintopp. "An escape from the Planet of the Apes", rät eine Stimme: Dem "Planeten der Affen", diesem grotesken Kult-Streifen, entstammt Cornelius, das Pseudonym.
In Japan ist "Fantasma" schon seit einem halben Jahr in den Auslagen und fand bislang 360 000 Käufer. Eine Platte, deren Hülle Beethoven mit Disney-Häschen vereint und Bach ins All entsendet, auf der die Punk-Ikonen The Clash aus einer Zigarette qualmen. Diese Platte erklären sie dort zum Kult. Mit 3D-Brillen irren sie massenhaft durch Oyamadas Konzerte, kaufen und sammeln seine grafisch bizarren Programmhefte mit klingenden Mikrochips. Und strafen die westlichen Langnasen Lügen: Shibuya ist mitunter weiter entfernt von der leichten Muse als Paris oder London. Cornelius' großartiges Album unterschlägt und übertönt alles, was der Weltmarkt vom Sushi-Pop erwartet.
Cornelius: "Fantasma" (Matador) Rough Trade