CD-Kritik: Komponierte Kopie - Oasis: "Be Here Now" - DER SPIEGEL
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CD-Kritik Komponierte Kopie - Oasis: "Be Here Now"

Für die Band wurde das Etikett Britpop erfunden.Doch ist das Album mehr als ein Lippenbekenntnis mit berauschtem Zungenschlag?
Von Klaus Winninger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die beste Pop- und Rockmusik reflektiere nicht einfach die Zeit, in der sie entsteht - sie absorbiere den Zeitgeist, sauge ihn tief in sich auf. Wenn diese These des amerikanischen Musikkritikers Greil Marcus stimmt, dann ist "Be Here Now" das Beste, was England in diesen Monaten passieren kann. Der beste Pop, die richtige Platte zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort. Absorbierte Aufbruchstimmung, millionenfach materialisiert.

Ein jüngst veröffentlichtes Foto zeigt den 30jährigen Oasis-Chef Noel Gallagher, wie er stolz die erste Testpressung von "Be Here Now" in Händen hält. Das darauf notierte Datum: 1. Mai 1997. Der Tag, an dem Tony Blair und die New Labour Party - die im Wahlkampf von Oasis unterstützt wurden - die englischen Parlamentswahlen mit einem Erdrutschsieg gewannen und damit gut zwei Jahrzehnte konservativer Regierung der Geschichte überantworten wollen.

Seither vibriert die Insel. "Be Here Now" - frei übersetzt: "Jetzt voll da!" Die Zukunft, sie kann, sie soll kommen, sofort! Da ist es nur folgerichtig, daß sich eine mitreißende Hymne an die andere reiht. Von der hübsch sentimentalen Ballade "Don't Go Away" einmal abgesehen. "D'You Know What I Mean" fragt der Opener - gleichzeitig die erste Single - und schraubt sich euphorisch in die Höh ohne auf Antwort zu warten. "Stand By Me" fordert ein majestätisches Liebeslied, das aber auch als Durchhalte-Losung verstanden werden kann: Gemeinsam in bessere Zeiten! Die hypnotische Melodie versetzt alles in einen wohligen Schwebezustand. Wo es tatsächlich hingeht, das weiß niemand so recht. Tony Blair nicht und Oasis auch nicht: "Nobody knows the way it's gonna be." Nur eins ist sicher: "It's Gettin' Better (Man!!)" verkündet Sänger Liam Gallagher zu einer dynamisch pulsierenden Melodie. Dieses Mantra beschwört er zwei endlose Minuten. Alles wird gut! Und zwar "All Around The World", das prophezeit der letzte Song aus vollem Herzen.

Die Fortschritts-Parolen von "Be Here Now" sind eine Sache, ihre musikalische Inszenierung eine andere. Sie verharrt in der Vergangenheit. So mitreißend Oasis musizieren: sie geben erzkonservativen Rock 'n' Roll. Sie kopieren die besten Momente von vierzig Jahren (englischer) Rockgeschichte und bauen sie immer wieder neu zusammen. Ein bißchen Beatles und Rolling Stones, ein wenig The Who, The Kinks und The Jam, und einen Schuß Sex Pistols. Eine Prise von der feinen Komponier- und Arrangier-Kunst des Amerikaners Burt Bacharach; plus "Wall of Sound", der gigantische Hochdrucklärm des amerikanischen sechziger-Jahre-Produzenten Phil Spector. Deshalb legt Noel bis zu dreißig Gitarrenspuren auf den Tracks von "Be Here Now" übereinander.

Bloß: anno 97 ist das so wenig revolutionär wie das Spielsystem der deutschen Fußballnationalmannschaft. Oasis reduzieren sich bewußt in ihren musikalischen Möglichkeiten und Ideen, weil sie eben nur eine Rock 'n' Roll-Band sind. Das gibt Gitarrist und Songschreiber Noel Gallagher selbst zu.

Was Oasis dennoch über die vielen anderen Gitarrenbands hebt? - Die großartigen Songs und der, zugegeben, grandiose Sound. Aber vor allem ist es die charismatische Stimme von Liam Gallagher, eine Mischung aus dem punkigen Furor von Sex Pistol Johnny Rotten und Beatle John Lennon. Sie gibt Noels Songs erst das gewisse Etwas: Seele und Charakter.

Ohne den sechs Jahre jüngeren Gallagher-Bruder Liam wären Oasis nicht mal halb so gut. Das weiß Noel; und er weiß auch, daß Oasis kein weiteres Album dieser Art mehr produzieren sollten.

Beim nächsten Mal wird alles anders, nämlich modern! Das hat Noel Gallagher versprochen. Denn sonst bleibt Oasis von vorgestern. Und das kann weder Zeitgeist noch der beste Pop sein - auch britischer nicht.

Oasis: "Be Here Now" (Creation Records/Sony Music)