CD-Kritik Musik zur Katastrophe
Ganz leise ging die Titanic unter. Als das damals größte Schiff der Welt kippte und im Meer verschwand, war die See so ruhig, daß es kaum ein Geräusch gab. Und so hörten die Passagiere in den Rettungsbooten die Schreie der Ertrinkenden - und Musik. Denn, so erzählen die Geretteten, die Bordkapelle spielte bis kurz vor dem Untergang, um die Passagiere zu beruhigen. Als letztes Stück soll der Choral "Näher mein Gott zu Dir" erklungen sein. Oder doch nicht?
1997, 85 Jahre nach der Katastrophe, ist die Titanic wieder interessant. Vor der Hamburger Ausstellung mit aus dem Wrack geborgenen Artefakten bildeten sich Besucherschlangen. Im Dezember startet der dritt-teuerste Film aller Zeiten: die Verfilmung des Unglücks unter der Regie von James Cameron. Und auch der Mythos um die Bordkapelle wird jetzt gleich auf zwei CDs wiederbelebt: auf der amerikanischen Produktion "Titanic - Music as Heard on the Fateful Voyage" und auf der CD "Die Musik der Titanic" des Bremer Musikproduzenten Friedrich Thein.
Beide CDs sind den acht Musikern der Titanic gewidmet: Sie gehörten zu den besten Englands; der Luxus der Titanic sollte schließlich auch in der Musik zu hören sein. Die Kapelle spielte mehrmals am Tag: morgens das Palmengarten-Konzert, zum Lunch und nach dem Dinner zum Tanz.
Das Jahr der Titanic war musikalisch eine Übergangszeit: Die Belle Epoque war gerade zu Ende gegangen, die Zeit der Salonmusik hatte noch nicht begonnen. Die Bordkapelle spielte, was damals als Tanzmusik galt. Eine scheinbar aus Bizet, Mascagni und Strauss zusammengewürfelte Mixtur; britische Volkslieder wurden genauso gespielt wie Ragtimes von Irving Berlin oder Scott Joplin.
Die beiden CDs, die jetzt erscheinen, wollen die Atmosphäre an Bord einfangen. Die Bremer Produktion versucht dies durch sparsame, der Zeit entsprechende Arrangements. Außerdem bietet sie eine chronologische Anordnung der Stücke: Die CD beginnt mit der Musik, die bei der Abfahrt gespielt wurde, und führt dann über die ersten Tage auf See bis zum Untergang. Vor der Musik des Untergangs hört man den letzten Funkspruch - und am Schluß rauschen nur noch Wellen.
Die amerikanische Aufnahme widmet dagegen auch den Passagieren in der Dritten Klasse einige Stücke. Die Bordkapelle spielte nur für die Erste und Zweite Klasse, in der Dritten Klasse wurde auf mitgebrachten Instrumenten selbst musiziert. Außerdem rühmt sich diese Produktion, "Original-Instrumente aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg" zu benutzen.
So bieten die CDs unterschiedliche Blickwinkel. "Titanic - Music as Heard on the Fateful Voyage" ist eine Sammlung von Musik, die 1912 populär war - daß sie auf der Titanic gespielt wurde, erfährt man im aufwendigen Booklet. "Die Musik der Titanic" lädt dazu ein, die Fahrt der Titanic im Kopf mitzuerleben: Hier erlebt man die Musik der Titanic - und geht mit ihr unter.
Den Titanic-Gesellschaften werden beide CDs Diskussionsstoff liefern. Die Mythen um die letzten Stunden des Schiffes werden sich auch mit der neu aufgenommenen Musik eher verdichten denn lichten. Denn um die letzte Musik der Titanic streiten sich die "Titanicologen" schon lange. Niemand weiß genau, welches Stück tatsächlich als letztes Stück auf der Titanic gespielt wurde. War es - wie der wohl bekannteste Mythos sagt - der Choral "Näher mein Gott zu Dir"? Oder das "Largo" von Händel, wie der Norweger Erik Fosnes Hansen in seinem Roman "Choral am Ende der Reise" andeutet? Oder war es "Autumn" oder "Songe D'Automne", ein Stück, von dem die CDs unterschiedliche Versionen anbieten? Wenn es aber wirklich der Choral war, welche Version wurde gespielt? Die deutsche, die bisher am häufigsten zitierte? Oder die anglikanische, die kurz nach dem Unglück auf Postkarten zur Erinnerung an die Tragödie abgedruckt wurde?
Friedrich Thein, Produzent der "Musik der Titanic" wählte aufgrund der Postkarte die anglikanische Version. Und sagt, daß die deutsche Version nur durch ein Mißverständnis bekannt wurde: "Wahrscheinlich haben immer nur Menschen die Postkarte gesehen, die keine Noten lesen konnten. Irgendwann hat mal jemand die deutsche Version gespielt, und dabei ist es dann geblieben."
Genau werden wir es nie wissen. Die Überlebenden können sich zwar daran erinnern, daß die Bordkapelle bis zum Schluß spielte. Die Aussagen darüber, was sie spielten, gehen aber auseinander. Darum bieten auch beide CDs unterschiedliche Lösungen an. Und darum werden sie unter "Titanicologen" für Aufregung sorgen. Produzent Friedrich Thein sieht das gelassen: "Gerade weil ich die Musik recherchiert habe und versucht habe, das Geschehen zu rekonstruieren, glaube ich, daß 80 Prozent von allem, was über die Titanic gesagt wird, Mythos ist. Unsere CD ist eine Verbeugung vor diesen Musikern, die gespielt haben, bis ihnen das Wasser bis zum Knie stand."
Und was genau sie da noch spielten, bleibt Geheimnis der Titanic.
Mareike Schomerus
CDs: "Titanic-Music as Heard on the Fateful Voyage" (Repertoire Rhino/Edel Contraire) "Die Musik der Titanic" (da music)