CD-Kritik: PJ Harvey: "Is This Desire?" - DER SPIEGEL
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CD-Kritik PJ Harvey: "Is This Desire?"

Unverkennbar: Das Comeback der britischen Musikerin ist von bemerkenswerter Intensität.
Von Uwe Schütte
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Drei Jahre haben wir nichts mehr von ihr gehört. Der Grund für die lange Wartezeit auf ihr viertes Album ist wohlbekannt, wenngleich PJ Harvey nicht gerne darüber spricht: ihr unglücklich ausgegangenes Verhältnis mit Nick Cave.

Der schrieb darüber das letztjährige Schlüsselalbum "Boatman's Call", eine seiner besten Platten überhaupt. Polly Jean hingegen driftete in die Magersucht ab. Als sie, bis auf die Knochen ausgemergelt, mit ihrem Gitarristen John Parish Anfang letzten Jahres zur Präsentation des Projektes "Dance Hall at Louse Point" auf der Bühne stand, bot PJ einen wahrhaft erschreckenden Anblick.

Doch nun ist sie, glücklicherweise, zurück. Und wie bei bisher noch jedem Album, hat Polly es wieder geschafft, unverkennbar individuell und dabei jedesmal anders zu klingen. Die rohe Kraft und fesselnde Originalität ihres genialen Erstlings "Dry" setzte 1992 Kritiker wie Fans in Erstaunen. Im rockigen Nachfolger "Rid of Me" (1993) zeigte PJ ihren Kolleginnen von der damals modischen "Rrriot Girrrl"-Brigade, wie wuterfüllte Musik von Frauen zu klingen hat, während der sumpfige Blues von "To Bring You My Love" (1995) eher Pollys sanfte Seite offenbarte.

"Is This Desire?" ist ein Comeback von bemerkenswerter Intensität. Und ein Album voller Extreme und brutaler Kontraste. Der hypnotische Eröffnungstrack "Angelene", in dem Polly begleitet von sanftem Piano und Slide-Gitarre über Sehnsucht und Verlangen singt, ist eine Ballade von dunkler Schönheit. Unmittelbar darauf folgt das krachige "The Sky Lit Up", dessen treibender Rhythmus an die besten Stücke auf "Dry" und "Rid of Me" erinnert.

Solche bewußt krassen Übergänge finden sich öfters auf dem Album: von der atmosphärischen Trip-Hop-Ballade "The Wind", auf der PJ ihren Gesang durch beschwörendes Hintergrundgeflüster begleitet, zum dröhnenden "My Beautiful Leah" mit seinen übersteuerten Vocals und monotonen Drum-Machine-Rhythmus; vom Industrial-beeinflußten "Joy", das klingt, als ob Polly sich die Einstürzenden Neubauten als Begleitband engagiert hätte, zum träumisch-elegischen "River" mit seinen sanften Bläsern.

Trotz dieser Gegensätze klingt "Is This Desire?" erstaunlich kompakt und wirkt an keiner Stelle gekünstelt. Ob die CD eine (indirekte) Antwort auf Caves "Boatman's Call" darstellt? Ein Album voll verletzter, verzweifelter, zerbrochener Frauengestalten ist es auf jeden Fall. Angelene, Leah, Elise, Joy und die zwei Catherines, denen wir im Verlauf von 40 Minuten begegnen - sie tragen unverkennbare Züge PJs, sind aber keinesfalls plane Stellvertreterinnen.

PJ hat ihre Probleme nicht in Selbstmitleid, sondern in musikalische Intensität umgesetzt. Die CD ist deswegen sowohl ein künstlerischer als auch ein menschlicher Triumph Pollys. "Is this desire/enough to lift us higher?", fragt sie auf dem abschließenden Titeltrack. Ja, Polly, jederzeit.

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