CD-Kritik : Ray Charles: "The 50th Anniversary Collection" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

CD-Kritik Ray Charles: "The 50th Anniversary Collection"

Kompaktes Lebenswerk: Die lebende Legende Ray Charles hat an der hervorragend edierten CD-Box mitgearbeitet. Sie präsentiert die besten Aufnahmen all der Labels, für die er gearbeitet hat.
Von Günther Fischer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er gründet 1947, im Alter von 17 Jahren, seine erste Band, das Maxin Trio, und musiziert im Stil von Nat King Cole Songs wie den "Confession Blues". Er singt im Laufe der Jahre mit Betty Carter, Aretha Franklin, George Jones, Chet Atkins, Johnny Cash, den Blues Brothers, Chaka Khan und Lou Rawls. Und er ist der einzige Musiker, den von Anfang an die Jazzer ebenso für sich zu vereinnahmen suchen wie die Blues- und Pop-Fans: Der blinde Ray Charles ist der letzte große Überlebende einer Generation von Musikern wie Nat King Cole, Duke Ellington oder John Coltrane, die die populäre Musik des 20. Jahrhunderts tief geprägt haben.

Die neue 5er-CD-Box, an der der 1930 geborene und in Albany, Georgia, aufgewachsene Ray Charles mitgearbeitet hat, ist ein Meisterwerk: Alle 13 Labels, bei denen Charles in den letzten Jahrzehnten unter Vertrag war, haben ihre besten Aufnahmen freigegeben, um diesen gewaltigen Überblick über Charles' Lebenswerk zu ermöglichen.

Das ist in einem Geschäft, in dem die schnelle Geldvermehrung meist das oberste Ziel ist, keine Selbstverständlichkeit. In diesem Fall aber war es notwendig, denn wie so oft in der Geschichte der populären Musik tauchen Unikate wie Ray Charles an markanten Wendepunkten der Entwicklung auf: Gerade als in den fünfziger Jahren mit dem "Cool Jazz" eine gewisse Unterkühlung den Jazz zu beherrschen begann, löste Ray Charles mit seinem expressiven Gesang eine Rückbesinnung auf die "roots" und damit eine Soulwelle aus, die Jahrzehnte anhielt.

Ray Charles selbst mußte seinen Stil nicht lange suchen - der war von Anfang an da. Er verschmolz Gospel und Blues und führte das triolische Gospel-Feeling, das rhythmische "Drei-gegen-vier-Prinzip", in den Jazz ein. Eine von Anfang an verblüffende und an Nat King Cole und Bud Powell geschulte Klaviertechnik - prägnantestes Kennzeichen ist der obertonstarke Anschlag - und perfekte Arrangements machten seine Dreiminuten-Songs häufig zu meisterhaften, mitreißenden Miniopern.

Seine warme, rauhe, oft antiphonisch gegen einen Chor eingesetzte Stimme läßt er mit intuitiver Sicherheit flüstern, schreien, schleifen oder falsettieren und bezieht selbst das Atmen noch in den Katalog seiner fast unbegrenzten Ausdrucksmittel ein. Mit Tonbildung und Phrasierung hatte er auch etwas von einem schwarzen Prediger, der durchaus weltliche Leidenschaften besang, Sex und Salvation lüstern-leidenschaftlich verband. Das war für die damalige Zeit neu und löste reaktionäre Proteststürme aus. Trotzdem durchbrach Charles fast mühelos alle Schranken, die Ausbildung oder Herkunft setzten, und wurde selbst von den Weißen geliebt.

Der Lohn war eine Flut von Hits. Den Durchbruch schaffte er 1954 mit "I Got A Woman", der Umkehrung eines Gospelklassikers. Rasch folgten "Hallelujah I Love Her So", "What'd I Say" und andere Songs. Um 1960 erweiterte er nach dem Wechsel zur Plattenfirma ABC sein Repertoire um Pop und Country & Western-Melodien. Gleich die erste Single "Georgia On My Mind" eröffnete dann eine weitere Erfolgs-Serie: Titel wie "Hit The Road Jack", "I Can't Stop Loving You", "Ol' Man River" oder "Crying" klingen uns bis heute vor allem in seiner Interpretation im Ohr.

Auch eine lange Entziehungskur konnte seine Kreativität bis heute nicht bremsen. Unermüdlich ist Ray Charles mit seiner Band, The Raelettes, und einem 16köpfigen Orchester auf Tournee. Bis er allerdings wieder in Europa zu Gast ist, müssen wir uns wohl mit dieser hervorragend edierten CD-Box begnügen.

Ray Charles: The 50th Anniversary Collection (Rhino Edel)

Mehr lesen über