CD: Tom Waits: "Mule Variations" - DER SPIEGEL
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CD Tom Waits: "Mule Variations"

He da, der Dreckskerl hat Erde unter den Fingernägeln, ist nach sechs Jahren Business-Abstinenz dem Land verbunden und den Traditionen, und er will auch so klingen!
Von Johannes Waechter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

An den Händen abgewetzte Arbeitshandschuhe, an den Füßen schlammverkrustete Stiefel, und die Jeans sind fleckig und ausgebeult - auf dem offiziellen Promofoto zu seinem neuen Album "Mule Variations" sieht Tom Waits aus wie ein Farmarbeiter. Bestimmt läuft der 49 Jahre alte Sänger mit der raspeligen Kehle immer so rum, doch wenn er sich in seiner Dreckskluft fotografieren läßt, gibt er ein Statement ab. Und zwar: Ich bin kein Mann des schönen Showbusiness-Scheins, sondern trage echte amerikanische Erde unter meinen Fingernägeln.

Dieses Image pflegt Waits seit ein paar Jahren, seit er mit seiner Familie nach Nordkalifornien aufs Land zog, nun durchzieht es alle Ebenen seiner neuen Platte: den Sound, die Themen, die stilistische Ausrichtung. "Mule Variations" ist ein Album mit ländlichem Charakter und vielen Bezügen zur amerikanischen Folk- und Blues-Tradition, ein Album wie ein Schrotthaufen vor einem neuen Einkaufszentrum: Der Rückgriff auf die Tradition ist für Waits - genau wie für Bob Dylan - eine stille Form des Protests gegen die Oberflächlichlichkeit der digitalen Popwelt. Eine Möglichkeit, Sand ins Getriebe des Musikbusiness zu schütten.

Also bezieht sich Waits in Interviews auf Blues-Größen wie Leadbelly und Blind Lemon Jefferson und spielt Stücke, die deren schroffen, erdigen Sound wiederzubeleben versuchen. Mal klingt das recht traditionell, auch weil er sich vom verdienten Harmonikaspieler Charlie Musselwhite begleiten läßt, mal erstaunlich experimentell: "Big In Japan", das erste Stück des Albums, beginnt mit einem infernalischem Hämmern, das jeder Avantgarde-Noise-Platte zur Ehre gereichen würde, bei Waits jedoch so natürlich wirkt wie das Rasseln des Scheunentors.

Auch die Themen auf "Mule Variations" sind ziemlich ländlich - die Zeiten, in denen Waits melancholische Großstadtszenen in der Tradition von Edward Hopper oder Raymond Chandler beschrieb, sind lange vorbei. Jetzt geht es um ein Haus, in dem keiner wohnt, um die Schaufel Erde, die auf den Sargdeckel fällt, um Züge und Träume und einsame Nebenstraßen. Es ist, als würde Waits rufen: He da, diese Welt gibt es auch noch! Es gibt nicht nur Glamour und Szeneclubs! Dort draußen geht das Leben weiter - und ihr Popfans merkt nichts davon!

Das wäre alles sehr verdienstvoll, wenn Waits dann nicht doch wieder auf seine bewährte Erfolgsformel zurückgreifen würde. Zum einen scheinen nämlich die Charaktere, die auf "Mule Variaitons" auftreten, teilweise schon bekannt, zum anderen werden die mit der Tradition spielenden Tracks durch sentimentale Balladen entwertet, die genausogut Rod Stewart oder Bruce Springsteen singen könnten. Und da auch der Gitarrist Marc Ribot wieder dabei ist, der mit seinem eckigen Spiel seit 1987 den Sound von Waits prägt, hören sich manche Songs doch ziemlich altbacken an. So bleibt "Mule Variations" ein Album, das seine eigenen Ambitionen nicht ganz erfüllen kann.

Tom Waits: "Mule Variations" (Epitaph/PIAS)

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